07. März 2018

Zwischenhalt in São Paulo

Lange Zeit war São Paulo der einzige Flughafen in Südamerika, der ab der Schweiz nonstop bedient wurde. Viele benützen die Metropole nur zum Umsteigen. Ein Fehler: Es lohnt sich, mehrere Tage für São Paulo einzuplanen.

Edificio Banespa Sao Paulo
Das bis 1947 erbaute Edificio do Banespa, 161 Meter hoch, ermöglicht die Sicht aus der Vogelperspektive.
Lesezeit 5 Minuten

Den Swiss-Direktflug von Zürich nach São Paulo gibt es nach wie vor. Und nach der Landung auf dem Flughafen Guarulhos kommt es zur ersten Überraschung: Er ist hell, sauber, bietet viel Platz. Bereits 25 Minuten nach Ankunft setzt sich das Förderband bei der Gepäckausgabe in Bewegung. Letztlich dauert es dann doch 45 Minuten, bis die Koffer der meisten Passagiere auftauchen.

São Paulo
Die geschäftige, drei Kilometer lange Avenida Paulista

Dann zeigt sich die andere Seite von Brasilien: Für die rund 50 Minuten dauernde Fahrt vom Flughafen Guarulhos ins Stadtzentrum von São Paulo bezahlt man mit dem Taxi rund 130 Real oder umgerechnet gut 38 Franken. Der Bus, der rund 10 Minuten länger braucht, kostet noch immer über 10 Franken; Brasilien ist kein preiswertes Land, und São Paulo die wohl teuerste Stadt in ganz Lateinamerika. Auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt wechseln sich schicke Restaurants und Boutiquen entlang der drei Kilometer langen Avenida Paulista mit Bettlern ab, die ihr Quartier auf Matratzen unter Brücken aufgeschlagen haben.

São Paulo
Mitten im Jardim Paulista: der kleine Parque Trianon

Willkommen in Brasilien, «bem-vindo» im Land der Gegensätze, der tiefen Gräben zwischen Arm und Reich. Doch wo beginnen in diesem Moloch mit 12 Millionen Einwohnern? Für eine Gesamtübersicht eignet sich das bis 1947 erbaute Edificio do Banespa, das 161 Meter hoch ist. In luftiger Höhe sieht man die enormen Ausmasse der Stadt am besten.

Dabei empfehle ich, Quartier im sicheren und trendigen Stadtteil Jardim Paulista aufzuschlagen, allenfalls via Airbnb. In dieser Ecke wirkt die Metropole fast schon dörflich und bietet Cafés, Restaurants und Boutiquen, etwa den Laden für die bekannten Flipflops der Marke Havaianas an der Rua Oscar Freire 1116 oder das Restaurant Mori Ohta Sushi (Rua Doutor Mario Ferraz 449). Das Lokal hat 210 Plätze. Die Variante «Festival» entspricht unserem «à discrétion» und kostet 79 Brasilianische Real. Dafür gibt es Sushi, Sashimi und andere japanische Köstlichkeiten in allen Variationen und so viel der Magen zulässt.

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Havaianas gefällig? Diese gibt es im Laden an der Rua Oscar Freiere 1116.

Ein japanisches Restaurant passt zu Brasiliens grösster Stadt, denn die grosse Mehrheit der 1,5 Millionen Nipo-Brasileiros, wie die Bürger japanischer Abstammung genannt werden, lebt in São Paulo. Am japanischsten zeigt sich die Grossstadt im Stadtteil Liberdade, in der Nähe des historischen Zentrums. Das Herz von Liberdade bildet die Praça da Liberdade (erreichbar mit Taxi oder U-Bahn). An diesem Platz sind die Geschäfte in japanischen Buchstaben angeschrieben, viele Passanten haben asiatische Gesichtszüge, und sogar das Lichtsignal zeigt symbolisch ein Torii-Tor aus dem Shintoismus. Im «Museu Histórico da Imigração Japonesa no Brasil» wird die Geschichte der Immigration von Japanern nach Brasilien eindrucksvoll aufgezeigt. Das Museum befindet sich rund zehn Fussminuten von der Praça da Liberdade entfernt (Rua São Joaquim 38, in Nachbarschaft zu einem buddhistischen Tempel) und kostet 7 Real Eintritt. Im Museum lernt man, dass in den Jahren 1930 bis 1935 die grösste Zahl von Japanern nach Brasilien auswanderte. Die Neuankömmlinge aus Japan arbeiteten damals meist als Bauern und brachten dem Land unter anderem Kaki, Kastanien und Mandarinen.

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Sushi wie in Japan bei Yassu!

Für Touristen ist Liberdade deshalb interessant, weil sich hier die höchste Konzentration von japanischen Restaurants angesammelt hat sowie Läden mit japanischen Produkten und Zutaten. Authentische und traditionelle japanische Küche geniesst man am besten im Restaurant Sushi-Yassu an der Rua Thomas Gonzaga 98. Ein gutes Zeichen: Der Sushi-Chef ist Nipo-Brasileiro.

São Paulo ist nicht nur der Wirtschaftsmotor Brasiliens, sondern auch gastronomisch die beste Adresse. Zur Auswahl stehen 12'500 Restaurants, darunter mehr Pizzerien als in jeder anderen Stadt der Welt. 46 Lokale gelten als Feinschmeckerrestaurants. Bei der Kür der «World's 50 Best Restaurants» rangiert das D.O.M auf Platz 16, die Brasilianerin Helena Rizzo (39) vom Restaurant «Maní» war 2014 beste Köchin der Welt. Das zehngängige Degustationsmenü in ihrem Lokal ist jeden Real wert. Man muss mehrere Wochen im Voraus reservieren.

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Lädt zum Sport ein: der riesige Parque do Ibirapuera …

Nach so viel Essen etwas zum Thema Bewegung: São Paulo ist zwar wirklich ein Moloch, aber auch erstaunlich grün. Viele Strassen sind von Bäumen gesäumt, und im Parque do Ibirapuera, der brasilianischen Version des Central Parks von New York, lässt es sich herrlich joggen (U-Bahn-Station Paraiso aussteigen, danach Taxi nehmen). Er befindet sich südlich des vornehmen Stadtteils Jardim Paulista und ist über eine Million Quadratmeter gross. Am Wochenende pilgern rund 200'000 Menschen in den Park, der neben Asphalt- auch Naturwege hat. Er ist von 5 bis 24 Uhr geöffnet.

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… und weil er so schön ist gleich nochmals eine Aufnahme des Parks.

Wer nicht joggen, Velo fahren (eigene Velowege) oder skateboarden will, schaut sich unter anderem das Museum für Moderne Kunst, das von Oscar Niemeyer geschaffene Auditório Ibirapuera oder das Planetarium an.

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Das Auditório Ibirapuera beeindruckt schon von aussen durch seine Architektur.

Ein weiteres Museum, allerdings in der Nähe der geschäftigen Avenida Paulista: das Museo do Futebol. Es ist im alten Fussballstadion Pacaembu untergebracht (Eintrittspreis nur 6 Real, donnerstags sogar gratis). Es zeigt die Entwicklung der Fussballschuhe, die des Balls (er war schon vor 100 Jahren rund ...), und blickt mit diversen Videoeinspielungen auf vergangene Weltmeisterschaften zurück. Selbstverständlich darf Pelé mit einer persönlichen Begrüssung nicht fehlen. Er spricht in Portugiesisch, Spanisch und Englisch vom Bildschirm. Am längsten ist die Warteschlange vor der Torwand, wo man gegen einen virtuellen Goalie einschiessen kann. Dabei wird die Geschwindigkeit des Schusses gemessen.

Für Fussballmuffel empfiehlt sich schliesslich das MASP Museu de Arte an der Avenida Paulista 1578. Der Eintritt kostet 15 Real und ist dienstags gratis. Zu bestaunen sind Originalgemälde von Cézanne über Van Gogh, Monet, Gauguin, Picasso bis Roy Lichtenstein. Auch Liebhaber moderner Kunst kommen auf ihre Rechnung. Fotografieren ist in diesem empfehlenswerten und zentral gelegenen Kunstmuseum verboten.

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Ein anderer Museumstipp: das Museo do Futebol

São Paulo ist ein Shoppingparadies - für alle, die es sich leisten können. Die meisten Einkaufscenter sind auf Luxus ausgerichtet, die Preise entsprechend hoch. Für viele Brasilianer bedeuten diese Konsumtempel nichts als unerfüllte Träume. Zu den wichtigsten Shoppingcentern gehören Eldorado (1981 eröffnet), Ibirapuera (1976 auf einer Fläche von 163'000 Quadratmetern, das ist mehr als doppelt so gross wie der Schweizer Rekordhalter Tivoli in Spreitenbach AG), Iguatemi (in der Nähe der bekannten Avenida Paulista), Shopping Morumbi (über 480 Geschäfte, 30 Fast-Food-Läden und 22 Restaurants), Plaza Sul Shopping (über 220 Geschäfte, 6 Kinos), Shopping Center Lapa (1968, monatlich über eine halbe Million Kunden), Villa Daslu (die reichen Kunden landen mit dem Helikopter) sowie der neueste Zugang Shops Jardins, das sich als Boutiquezentrum mit 60 luxuriösen Läden versteht, rund 32 Millionen Franken kostete und 2013 eröffnete.

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Das Einkaufszentrum Iguatemi JK befindet sich in der Nähe der Avenida Paulista.

Nicht in dieser Aufzählung fehlen darf das im Juni 2012 eröffnete Iguatemi JK, das sich in der Nähe des Parque do Povo (übersetzt Volkspark) befindet, 1600 Parkplätze (auch für Velos!) und 211 Läden aufweist. Täglich wird es von 20'000 Menschen frequentiert. Die neueste Attraktion ist ein Gucci-Museum. Es zeigt, wie die für viele überteuerten Handtaschen angefertigt werden, wie das Design in den 1950er-Jahren aussah und zeigt dazu Bilder, Originalhandtaschen aus Florenz und Videoanimationen. Ganz nach amerikanischem Muster befindet sich im obersten Stockwerk des Iguatemi JK ein «Food Court», eine Ansammlung von Restaurants internationaler Küchen.

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Im Stadtteil Centro sieht São Paulo weniger nobel aus.

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