10. November 2014

Barbara Lüthi: Zwischen Tigermoms und Christbaum

Barbara Lüthi beschreibt, wie sehr sich das Leben mit Kindern in China anders gestaltet als in der Schweiz. Auf Migrosmagazin.ch spricht sie über Erziehung, Ernährung und Schulwahl.

Barbara Lüthi Kinder Bali Strand
Barbara Lüthi geniesst zur Zeit das Leben mit den Kindern auf Bali. (Bild: Lukas Vrtilek)

Seit 2006 lebt die SRF-Korrespondentin Barbara Lüthi (41) in China. 2009 wurden sie und ihr Mann Tomas Etzler Eltern von Lara Uma. Vor zwei Jahren kam Dylan Max hinzu. Fazit: Das Leben mit Kindern gestaltet sich in China anders als in der Schweiz.

Barbara Lüthi über ...

... Erziehungskonzepte:
«Chinesische Mütter sind tatsächlich Tigermoms, wie sie die Autorin Amy Chua in ihrem Buch <Die Mutter des Erfolgs> beschreibt. Interessanterweise werden chinesische Kinder in den ersten Lebensjahren überbehütet, während meine Kinder rumrennen und auch mal hinfallen. Später werden chinesische Kinder stark kontrolliert. Ich finde, Kinder sollen ihre eigene Persönlichkeit entwickeln. Darüber habe ich viele Diskussionen mit unserer Chinesischen Nanny geführt, und sie hat sich tatsächlich meinem Stil angenähert. Es war auch nie ein Problem, andere Mütter und Kinder zu <Playdates> zu treffen. Wir respektieren den jeweils anderen Erziehungsstil, keine Mutter kritisiert die andere. Nach der Schule warten auf die Chinesischen Kinder noch Musikstunden, Studygroups und lange Stunden Büffeln. Lara macht ihre Hausaufgaben in einer halben Stunde und kann dann auch noch spielen.»

Barbara Lüthi Kinder Bali Strand
Mit Ihren Kindern Dylan Max (2) und Lara Uma (5) möchte Barbara Lüthi in Zukunft mehr Zeit verbringen. (Bild: Lukas Vrtilek)

... berufstätige Mütter:
«Jedes Mal, wenn ich in der Schweiz bin, bin ich beeindruckt von den berufstätigen Müttern hier, die fast alles alleine schaffen. Dann wird mir immer bewusst, was für ein Luxus meine Nanny bedeutet – sie kocht ja auch für uns. Sonst ginge das gar nicht mit meinem Job, der unregelmässige Arbeitszeiten und viele Reisen mit sich bringt. Ich kaufe sehr gern frische Zutaten auf dem Markt. Kochen macht mir aber nur Spass, wenn mir Lara dabei hilft und wir so Zeit zusammen verbringen. Sonst tolle ich lieber mit den Kindern draussen herum.»

... gesunde Ernährung:
«Ich selber probiere und esse alles, da bin ich etwas fatalistisch. Ich habe zwar oft über Lebensmittelskandale berichtet. Aber erst seit ich Kinder habe, achte ich darauf, was auf den Tisch kommt. Jetzt bin ich ja nicht mehr nur für mich alleine verantwortlich.»

... internationale Schulen:
«Wir haben uns entschieden, die Kinder auf internationale Schulen zu schicken, denn sie wachsen ja auch international auf. Lara zum Beispiel hat sich mal auf Englisch als <Honkongese> bezeichnet, und ich habe ihr dann erklärt, dass sie eigentlich Schweizerin ist.»

... Muttersprachen:
«Lara ist jetzt in der Vorschule und lernt Hochdeutsch und Englisch. In der Schule kommt Mandarin hinzu. Mein Mann und ich sprechen mit den Kindern ebenfalls Englisch und Hochdeutsch. Kürzlich hat mich Lara gefragt: <Mama, warum sprichst du Schweizerdeutsch mit mir?> Dabei habe ich Hochdeutsch gesprochen, bloss offenbar nicht so akzentfrei, wie sie es sich gewohnt ist. Englisch liegt mir inzwischen näher, ich denke oft in dieser Sprache. Und zum Strengsein ist sie besonders praktisch. <Don’t!> zum Beispiel klingt so richtig schön streng.» (lacht)

... Labelterror:
«Teure internationale Marken sind allgegenwärtig in den chinesischen Metropolen. Jedes Label und jede Preisklasse sind erhältlich. Ich achte sehr darauf, meine Kinder nicht mit Luxusgütern zu überschütten. Wenn ich in die Schweiz komme, finde ich das Angebot in den Läden wohltuend normal und unglamourös.»

... Rituale mit Kindern:
«Es ist mir wichtig, unsere Feiertage zu zelebrieren, egal, wo wir gerade sind. Ich liebe es, mit den Kindern Ostereier zu färben oder den Christbaum zu schmücken. Und ich glaube, für sie sind diese Dinge regelrechte Anker im Leben.»

... traurige Schicksale:
«2008 habe ich über das verheerende Erdbeben in Sichuan berichtet. Bei den Dreharbeiten trafen wir unter anderem auf Eltern, die mit den blossen Händen nach ihren verschütteten Kindern suchten. Damals hatte ich noch keine Kinder und funktionierte in diesem Momenten nur noch. Allerdings musste ich beim Schreiben meines Buches weinen, als ich über diese Eltern und ihre toten Kinder berichtete. Seit ich selber Mutter bin, treffen mich solche Geschichten noch viel härter.»

Autor: Yvette Hettinger

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