20. September 2017

Zwischen Pflicht und Kür

Schweizer Gymnasien verlangen eine Maturaarbeit. Das Themenspektrum im medialen Zeitalter scheint grenzenlos – ebenso wie der Ideenreichtum und das Engagement der Schüler. Fünf Maturanden präsentieren ihre erfolgreichen Projekte.

Marc Rauch und Norman Klingler (r.) haben gemeinsam ein selbstfahrendes Segelboot gebaut.
Lesezeit 6 Minuten

Herausfinden, wie das Videoportal Youtube die Jugendsprache verändert. Analysieren, wie afrikanische Frauen in Zeiten der Apartheid für ihre Rechte gekämpft haben. Oder eine praktisch-kreative Arbeit erstellen, zum Beispiel ein Lied komponieren und es im Rahmen eines Konzerts auf der Geige vortragen. Jahr für Jahr stellen sich rund 18 000 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten in der Schweiz solchen Aufgaben.

Denn bevor sie ihre gymnasiale Matura abschliessen, müssen sie allein oder in der Gruppe eine Maturaarbeit erstellen, ein grösseres eigenständiges Projekt, das sie auf ihre akademische Laufbahn vorbereiten soll. Sie recherchieren, planen und dokumentieren den Fortschritt ihrer Arbeit und präsentieren das Resultat den Experten, in der Hoffnung auf eine gute Note.

Relevant sind dabei der Inhalt, die Form, der Arbeitsprozess und die Präsentation. «Die detaillierten Vorgaben sind in der Schweiz aber sehr föderalistisch geregelt», sagt Michael Näf (51), Prorektor der Kantonsschule am Burggraben in St. Gallen.

Etwa 80 Prozent der Arbeiten behandeln einen Sachverhalt, der Rest zählt zum Typ technische respektive kreative Produktion oder Organisation einer Veranstaltung. Hinsichtlich Umfang gebe es in der Schweiz keine einheitlichen Vorgaben, in der Regel müssten die Schüler 20 bis 30 Seiten abgeben, erklärt Näf. Thematische Favoriten seien nicht auszumachen, «aber die Vielfalt ist unglaublich gross», sagt Näf. Arbeiten zum Schönheitsideal sind genauso vertreten wie Untersuchungen zur europäischen Aussen- und Sicherheitspolitik. Es werden Games entwickelt, Romane verfasst, Videos gedreht und Analysen zur deutschen Synchronisation von Hollywood-Filmen erstellt.

Fünf Maturanden haben dem Migros-Magazin ihre zum Teil preisgekrönten Arbeiten vorgestellt und erzählt, warum der Aufwand sich gelohnt hat.

Ein Herz für Strassenhunde

Joelle Zindel mit Hund
Für den guten Zweck: Joelle Zindel will mit ihrer Tierliebe etwas bewirken.

Absolventin: Joelle Zindel (18), Aesch/Maur ZH Thema der Arbeit: Veranstaltung eines Benefizkonzerts für rumänische Strassenhunde

Note: 5,5

Gymnasium: Kantonsschule Hottingen

Bester Moment: Tag des Events

Schwierigster Moment: Suche nach Sponsoren

«Mir war von Anfang an klar, dass ich mit meiner Maturaarbeit etwas bewegen und Positives bewirken wollte. Und weil meine Mutter eine Firma für Charity-Events hat, konnte ich auf ein Basiswissen zurückgreifen. Letztlich war mein Herz für Tiere ausschlaggebend: Ich kam auf die Idee, für die Tierschutzorganisation Vier Pfoten mit einem Benefizkonzert Geld zu sammeln. Im Rahmen des Projekts «Dogs for People» bildet Vier Pfoten Strassenhunde in Rumänien zu Hilfshunden aus, um sie in der Betreuung beeinträchtigter Kinder einzusetzen.

Während sechs Monaten habe ich bestimmt einen Tag pro Woche an der Organisation des Events gearbeitet. Vieles war neu für mich: Flyer gestalten, eine Website erstellen. Besonders schwierig war es, Sponsoren zu finden. Und Am Ende musste ich noch die schriftliche Arbeit dazu schreiben.

Der schönste Moment war für mich das Event – zu sehen, dass es funktioniert, nachdem man so lange auf etwas hingearbeitet hat. Und natürlich habe ich mich über den riesigen gesammelten Betrag von 20 000 Franken gefreut. Meine Arbeit bedeutete einen grossen Aufwand, aber wenn ich sehe, was ich damit bewirken konnte, gibt mir das ein sehr gutes Gefühl. Demnächst werde ich selbst nach Rumänien reisen können, um mit eigenen Augen zu sehen, was meine Arbeit bewirkt hat.

Jetzt, nach Abschluss der Matura, lege ich ein Zwischenjahr ein, um zu jobben. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, nach dem Studium in der Firma meiner Mutter einzusteigen, denn es macht mir extrem Spass, Events zu organisieren.»

Ein Computer, der lernt

Alexander Uhlmann beim Gamen
Hat beim Gamen sein Thema gefunden: Alexander Uhlmann.

Absolvent:

Alexander Uhlmann (17), Basel

Thema der Arbeit: Der Computer lernt «Super Mario»

Note: 6

Gymnasium: Bäumlihof Basel

Bester Moment: Immer dann, wenn der Computer überraschend etwas Neues gelernt hat

Schwierigster Moment: der zaghafte Fortschritt zu Beginn wegen des fehlenden Wissens über die mathematischen Grundlagen

«Ich spiele sehr gerne Computerspiele, zum Beispiel ‹League of Legends› oder ‹Counter Strike›. Irgendwann begann ich mich für die Funktionsweise der Computer zu interessieren. Ich habe mir Videos angesehen, in denen der Computer selbst etwas lernt. Das faszinierte mich. Also kam ich auf die Idee, einen Algorithmus zu entwickeln, mit dessen Hilfe ein Computer «Super Mario» lernen und spielen kann.

Zu Beginn habe ich wohl den Aufwand etwas unterschätzt, aber zum Glück habe ich früh angefangen. Insgesamt habe ich etwa 300 Stunden investiert. Für das Verständnis des sogenannten maschinellen Lernens benötigt man mathematische Grundlagen. Die hatten wir an der Schule aber noch nicht durchgenommen, darum musste ich lange rumprobieren, manchmal auch raten. Ich habe mir im Internet viele Tutorials angeschaut und auch wissenschaftliche Arbeiten gelesen. So kam ich langsam vorwärts. Aber ich brauchte einen ganzen Monat, um eine einfache Aufgabe zu programmieren – «Super Mario» konnte der Computer erst ganz am Ende. Das war anstrengend, aber gleichzeitig auch spannend, weil der Computer immer wieder überraschend etwas Neues gelernt hat.

Ich bin sehr zufrieden mit meiner Arbeit und durfte sie auch an der ETH präsentieren. Ich kann mir gut vorstellen, später einmal in diesem Bereich zu arbeiten. Den nächsten Schritt in diese Richtung beginne ich mit dem Informatikstudium an der ETH.»

Wundertüten aus dem Briefkasten

Jolein Odermatt am Briefkasten
Die Überraschung kommt per Post: Jolein Odermatt hat im Alleingang einen Versanddienst aufgebaut .

Absolventin: Jolein Odermatt (17), Emmenbrücke LU

Thema der Arbeit: Erstellung eines Onlineshops und dessen Finanzierung

Note: 5,5

Gymnasium: Kantonsschule Reussbühl

Bester Moment: Die erste Bestellung durch eine unbekannte Person

Schwierigster Moment: Einbindung der Bezahlmöglichkeiten in den Onlineshop

«Ich bereite Menschen gerne eine kleine Freude. Und weil mich auch die Idee Start-up interessiert, habe ich mir überlegt, ob man das in einem Onlineshop anbieten könnte: kleine Geschenke per Brief verschicken. Im Internet hatte ich einen ähnlichen Shop aus Holland entdeckt – in der Schweiz gab es das aber noch nicht.

Der Businessplan war eine Herausforderung, denn ich hatte das bis dahin ja noch nie gemacht. Auch herauszufinden, welche Geschenke ich anbieten wollte und diese dann aufzutreiben, hat mich viel Zeit gekostet. Mit einem Crowdfunding-Projekt konnte ich 1500 Franken sammeln und die Produkte einkaufen.

In technischer Hinsicht habe ich mir alles selbst beigebracht. Das war schwierig, aber ich habe viel Neues gelernt. Ich wusste zum Beispiel nicht, welche Arbeit hinter einem Onlineshop steckt. Jetzt, am Ende, bin ich sehr happy mit dem Resultat. Auch wenn der Aufwand gross war: Ich habe den Entschluss, einen Onlineshop zu erstellen, nie bereut. Auch die Experten waren begeistert.

Inzwischen führe ich den Onlineshop weiter; meine vier Geschwister helfen mir dabei. Wir erhalten etwa eine Bestellung pro Tag. Gewinn erzielen wir zurzeit noch keinen, aber durch Mundpropaganda und den Einsatz von Flyern soll der Shop noch wachsen. Im Moment verkaufen sich die Wundertüten am besten – auch das Sortiment möchte ich weiter ausbauen. Aber zuerst beginne ich mein Maschinenbaustudium an der ETH.» 

Ein Segelboot geht auf Kurs

Norman Klingler und Marc Rauch und ihr Segelboot
Gemeinsam stark: Die Teamarbeit hat die Segelfans und Techniktüftler Norman Klingler (r.) und Marc Rauch motiviert.

Absolventen: Norman Klingler (20), Zug; Marc Rauch (21), Buonas ZG

Thema der Arbeit: «The Red Pearl » – ein selbstfahrendes Segelboot ( hier siehst du, wie das Boot auf dem Zugersee fährt).

Note: 6

Gymnasium: Kantonsschule Zug

Bester Moment: das Boot auf dem See fahren zu lassen

Schwierigster Moment: die Planung und die zeitintensiven Messungen

Norman: «Wir wollten unbedingt etwas zusammen machen, um eine grössere Arbeit realisieren zu können. Marc hat sich für den Softwarebereich interessiert, ich baue gerne Dinge – das ist lustig, weil er jetzt Elektrotechnik studiert und ich ab Herbst Maschinenbau. Da wir beide gerne segeln, kamen wir auf die Idee, ein selbstfahrendes Segelboot zu bauen, das einen Kurs im vorgegebenen Winkel zum Wind einstellen und halten kann – egal bei welcher Witterung. Ich habe das Boot gebaut, Marc hat die Software dazu entwickelt.»

Marc: «Das Programmieren habe ich mir selbst beigebracht – mit vielen Youtube-­Videos, einigen Büchern und Kursen im Rahmen der Informatik-Olympiade. Anfangs kamen wir gut vorwärts, doch dann mussten wir immer wieder zeitintensive Messungen auf dem See machen. Auch die Planung war ziemlich schwierig. Und dann mussten wir ja auch noch einen eigenen Windsensor bauen. Gestritten haben wir uns nie, die Zusammenarbeit hat uns eher motiviert, weil man wusste: Wenn ich aufgebe, ist es für den anderen auch doof.»

Norman: «Wir haben vor allem bei mir in der Garage gearbeitet, in den Ferien ganze Wochen lang, zum Schluss fast in jeder freien Minute. Es war immer ein Highlight, wenn etwas Neues funktionierte. Und am Ende das Boot auf dem See fahren zu lassen, das war schon super.»

Marc: «Wir sind zufrieden mit dem Resultat und können uns auch vorstellen, am Boot weiterzuarbeiten. Die Verbauung der Elektronik etwa liesse sich noch verbessern, auch eine Fernsteuerung wäre toll. Das Boot heisst übrigens ‹Red Pearl› – in An­lehnung an den Film ‹Der Fluch der Karibik›.»

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