30. September 2019

Zwinker, zwinker

Bänz Friedli (54) las etliche lustige Taschenbücher. Hier kannst du dich mit dem Kolumnisten und seinen Leser*innen austauschen und findest die vom Autor gelesene Hörkolumne.

Mitternacht ist vorbei, die aufgeweckte Nachtmoderatorin hat es vom Tagebuchschreiben. Zahlreich die Anekdoten, die ihr aus der Hörerschaft schon berichtet wurden. Vom Nimmermüden, der seit 1957 jeden Tag mit dem Bleistift in mittlerweile Dutzenden von Büchlein festgehalten hat, bis zur Übermütigen, die nur immer Tagebuch führt, wenn sie verliebt ist – um es «in struberen Zeiten», wie sie sagt, nachlesen zu können. Plötzlich horche ich auf: Von einer Nicole ist die Rede, die ihr Tagebuch vor vielen Jahren mal nicht habe finden können. Und es dann spätabends unter dem Kopfkissen entdeckte, zusammen mit einem Heiratsantrag ihres Liebsten. «Ich hoffe bloss», kommentiert die Radiofrau, «es geht bei den beiden noch immer so romantisch zu.» Sogleich tippe ich eine Nachricht an besagte Nicole, denn ich kenne sie: «O ja, es geht bei euch noch immer so romantisch zu.» Flugs blinkt ihre Antwort auf: «Grins!»

Ich grinse, denn die Wortschöpfung «Grins» stammt aus den Micky-Maus-Heften. Anfänglich galten die Comics aus Amerika als Schund. Es hiess, sie führten zu Kriminalität. Etwa wegen der Panzerknacker, die «Huch, Polente!» riefen, wenn sie mal wieder dabei erwischt wurden, nach der «Pinkepinke» anderer Leute zu trachten? Darüber können wir heute nur lachen. Gar grotesk mutet der einstige Vorwurf an, Walt Disneys lustige Taschenbücher beförderten den Analphabetismus. Denn sie hatten mehr kreativen Einfluss auf die deutsche Sprache als jedes Lehrbuch. Das lag an Erika Fuchs. Ein halbes Leben lang, von 1951 bis 1988, übertrug sie Disney-Geschichten ins Deutsche, und bestimmt wurde «Mickey Mouse» in keine andere Sprache so originell übersetzt. Für ihre sprachschöpferische Arbeit erhielt Frau Fuchs, ehe sie 98-jährig starb, zahlreiche Literaturpreise, in Schwarzenbach an der Saale ist ihr gar ein Museum gewidmet. Und nach ihr ist ein Sprachphänomen benannt: der Erikativ. Frau Dr. Fuchs verkürzte Verben nämlich auf deren Wortstamm, um Geräusche – «knatter», «raschel», «klimper» – und Gefühlsregungen – «staun», «grübel», «schluck», «bibber» – zu beschreiben. Ihr zu Ehren bezeichnen Forscher die Verwendung des Wortstamms zur Darstellung unsichtbarer Vorgänge als Erikativ: «Würg! Ächz! Stöhn!» Mittels Erikativen lassen sich ganze Geschichten erzählen: «Schmelz! Sabber! Knutsch!» Auf wenig Platz viel sagen – der Erikativ ist sozusagen der Vorgänger des Emojis.

War Nicoles «Grins» ein zwinkerndes, ein glückseliges, ein zynisches gar? Zum Glück weiss ich: Bei den beiden geht es nach all den Jahren tatsächlich noch immer so romantisch zu. Aus lauter Nostalgie schickte ich Nicole in jener Nacht kein Grinse-Smiley zurück, sondern ich schrieb: «Gröl!»

Die Hörkolumne (mp3)

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