24. April 2019

Zwei Schweizer beim Cirque du Soleil

Nick Beyeler und Elia Aymon sind zwei der Stars in «Toruk», der vom Science-Fiction-Epos «Avatar» inspirierten Show des Cirque du Soleil. Vor dem Zürcher Gastspiel Mitte Juni führen uns die beiden einzigen Schweizer im Ensemble hinter die Kulissen.

Nick Beyeler (links) und Elia Aymon nach der Verwandlung
Wie von einem anderen Planeten: die Schweizer Nick Beyeler (links) und Elia Aymon nach der Verwandlung in ihre Bühnenfiguren
Lesezeit 6 Minuten

Alle sind irgendwann blau. Die Artisten arbeiten im Backstagebereich nämlich selber an ihrer Verwandlung in avatarblaue Figuren. Nick Beyeler sitzt neben Elia Aymon vor seinem persönlichen Spiegelkoffer und tupft Farbe auf sein rechtes Augenlid, um das sich auf einmal Lachfalten bilden: «Wenn wir später Perücken tragen, erkennen wir uns nur noch am Popo.»

Die Stimmung ist gelöst. Obwohl die Vorstellung in knapp einer Stunde beginnt, scheint niemand nervös zu sein. Seit über drei Jahren ist der Cirque du Soleil mit dem Programm «Toruk – The First Flight» auf Welttournee – inspiriert von James Camerons «Avatar»­Film. 1400 Artisten aus über 50 Ländern sind dabei. Sie spielen in der Regel täglich zwei Shows, bei unserem Besuch gastieren sie gerade in Mailand.

Bevor Nick Beyeler ins Kostüm schlüpft, zeigt er backstage einen Teil seiner selbst erarbeiteten  Takami-Nummer.

Normalerweise, sagt Nick Beyeler, stosse man als Artist erst in einem fortgeschrittenen Stadium zu einer Show. Das war für ihn bei «Toruk» anders. Der Schweizer war Teil des Kreationsteams, das die Show gemeinsam mit Starregisseur Cameron entwickelte. Die sogenannte Takami­Nummer stammt aus seiner Feder.

Sie wird von einem Stamm der blauen Wesen aufgeführt, der tief im Dschungel lebt, und soll eine Blumenwelt darstellen. Später in der Manege werden die Artisten grosse, pink-orangene Fächer um die Hüften tragen, die sie mit den Armen schwingen. Die Angst von Nick Beyeler war, dass die Umsetzung kitschig wirken könnte. Heute ist er stolz, wenn er die Nummer sieht. Sie erinnert ihn an Korallen, die im Meer wiegen.

Bei Helene Fischer und an Olympia
Nick Beyeler ist in Bösingen im Kanton Freiburg aufgewachsen. Erst galt seine Leidenschaft dem Aerobic, 2002 gewann er die Sport-Aerobic-Weltmeisterschaften. Später wechselte er zur Akrobatik. Auch da erfolgreich: Mit seiner Aerial-Show war er Teil der Eröffnungszeremonie an den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking, turnte im Duo mit Schlagerstar Helene Fischer an deren Weihnachtsshow 2011, performte Stunt­Choreografien für Bollywoodfilme.

Nick Beyeler gewann den «Swiss Award».

Es war der Abend des 9. Januars 2016, der den Gipfel seiner bisherigen Karriere markierte. Das Schweizer Radio und Fernsehen verlieh ihm den «Swiss Award», mit dem Schweizerinnen und Schweizer aus verschiedenen Sparten für ausserordentliche Leistungen geehrt werden. Der Zufall wollte es, dass just an diesem Abend in Toronto die Premiere von «Toruk – The First Flight» stattfand. «Ich habe mich selber sehr bemitleidet», sagt der 44-Jährige lachend.

Im besten Fall bewege ich mich in einem Flow. Nichts anderes geht mir durch den Kopf.

Nick Beyeler, Artist

Gerne hätte er an der Preisverleihung teilgenommen. Doch in Kanada brauchte man ihn dringender: «Obwohl ich beim Swiss Award mit Abwesenheit glänzte, war es einer der schönsten Abende überhaupt.» Während dem Aufwärmen für die Premiere erfuhr er vom Swiss-Award-Erfolg, errungen vor Sängerin Sophie Hunger und dem Musikerduo Lo & Leduc. «Alle haben mir gratuliert und sich mit mir gefreut.» Die Auszeichnung habe er als Anerkennung für endlose Trainingsstunden und Tiefpunkte gesehen. Und ja, die Premiere sei auch gut gelaufen. «Wir waren alle froh, dass es endlich losgeht», erinnert er sich.

Tauchen, malen und meditieren
Bis zu elf Shows spielt Nick Beyeler seither pro Woche. Manchmal sogar in der Hauptrolle, er springt regelmässig für den Hauptdarsteller ein. Mit weisser Farbe konturiert er seine Wangen, die Nase, das Kinn. Woran er denkt, wenn er in der Manege steht? «Nichts», sagt er. «Im besten Fall bewege ich mich in einem Flow. Nichts anderes geht mir durch den Kopf.»

Viel Farbe mit «Avatar»-Blau: Beyelers Perücke

Dass der Cirque du Soleil im Juni durch die Schweiz tourt, weckt ein «unglaubliches Gefühl». Zum letzten Mal war er im vergangenen Sommer in der Heimat. Er freut sich auf den Dialekt, auf Freunde, die Familie und auf den Heimwehklassiker: Brot. Das Leben weit weg von zu Hause und aus dem Koffer ist er gewohnt. Drei weitere Koffer hat er in der Schweiz, in Barcelona und Nizza deponiert. Alle paar Monate haben die Artisten zwei Wochen Ferien, weil das Zirkusmaterial verschifft werden muss. Dann kocht Beyeler, taucht, malt, meditiert. So wird er wieder fit für die Bühne. «Die Freude am Kreieren treibt mich an. Ich liebe es, wenn der Funke zum Publikum überspringt.» Das Make-up ist fertig, ein letzter Blick in den Spiegel. Alles gut.

Eine Artistin mit Höhenangst
Elia Aymon auf dem Sitz nebenan ist noch nicht fertig mit Schminken. Doch ihr dunkler Teint mit Sommersprossen verschwindet langsam unter einer dicken Schicht blauer Farbe. Die wilden schwarzen Haare sind noch sichtbar. Auch die 33­jährige Schweizerin ist Artistin. Während andere Darsteller auf der Bühne Abenteuer erleben, erspäht man Aymon häufig gleich unter dem Stadiondach: Die Lüfte sind ihr künstlerisches Spezialgebiet.

Elia Aymon tanzt bei der Probe durch die Lüfte. Bei der Vorstellung werden ihr Tausende zusehen.

In der Show hangelt sie sich immer wieder an einem Seil hoch, um dann mit akrobatischen Verrenkungen wieder nach unten zu rasen. «Eigentlich habe ich grosse Höhenangst», verrät sie. Ihr Trick ist, immer die Kontrolle zu behalten. Akrobatik in solchen Höhen ist nicht ungefährlich. Aymon kennt ihre Grenzen, aber fordert sie auch mal heraus. In ihrer Disziplin, Aerial Hoop und Aerial Silk – zwei Bereiche der Trapezkunst –, ist sie inzwischen eine der Besten der Welt.

Ich habe die Wettkämpfe gehasst, aber das Publikum geliebt.

Elia Aymon, Artistin

Doch mit anderen messen mag sie sich nicht mehr, Wettkämpfe hat sie oft genug erlebt. Bereits mit sieben Jahren begann sie mit rhythmischer Sportgymnastik. Sie gehörte dem Schweizer Nationalteam an und trainierte zwei Jahre in Magglingen BE. «Ich habe die Wettkämpfe gehasst, aber das Publikum geliebt.»

Mit 15 Jahren absolvierte sie das Gymnasium in Sion und besuchte als Hobby eine Zirkusschule. Als sie mit ihren Zirkusfreunden eine Show des Cirque du Soleil besuchte, war ihr gleich klar: «Ich wusste, das will ich auch. Vor und für Menschen aufzutreten, war schon immer das Grösste für mich.»

Der Zirkus ist ihre zweite Familie
Nach anfänglichen Schwierigkeiten und Absagen wurde sie an der Zirkushochschule in Brüssel angenommen. Zugleich reichte sie ihr Dossier beim Cirque du Soleil ein, etwas später trat sie in dessen Show «Viva Elvis» in Las Vegas auf. Drei Jahre arbeitete sie dort, machte dann drei Jahre Pause, um in Turin eine Stylistenschule zu besuchen, und ist jetzt wieder seit drei Jahren beim Cirque du Soleil.

«Toruk» sei ein ganz spezielles Programm: «Das hier ist meine zweite Familie. Ich bin wegen den Menschen schon so lange dabei.» Auf Tour teile man
das ganze Leben – und das sei ja ein extremes, eines mit Vollgas, weil «Toruk» seit drei Jahren auf Welttournee ist.

Dass sie jede Woche in einer anderen Stadt lebt, gefällt Elia Aymon. Es sei schön, viele Kulturen zu sehen. Aber sie wünscht sich auch, sie wäre mal länger an einem Ort und könnte sich zurückziehen. «Jedes Gefühl wird intensiver gelebt, jedes Erlebnis ist spezieller. Und hinzu kommen die normalen Alltagsproblemchen.»

Elia Aymon trägt routiniert ihr Make-up auf. Jeder Pinselstrich sitzt.

Auch für die Liebe sei ihr Leben nicht einfach, klar. «Aber ich bin in einer Beziehung. Wir versuchen es.» Es macht Aymon nervös, dass der Cirque du Soleil bald in die Schweiz kommt. Aber sie freut sich auch, vor Freunden und Familien durch die Lüfte zu tanzen. Dass mit Beyeler ein zweiter Schweizer dazugehört, findet sie wunderbar: «Obwohl wir beide in Magglingen trainiert haben, lernten wir uns erst hier kennen.» Heute verbindet sie eine enge Freundschaft.

Inzwischen ist auch Aymon fertig geschminkt, blau von den Zehen bis zum Haaransatz. Beide setzen die Perücke auf. Nun erkennen sie sich nur noch am Popo. 

Das Bühnenbild der eindrücklichen Welt von Pandora

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