23. August 2017

Zwei Männer, zwei Beine: Grosses Finale in Thun

Der beidseitig beinamputierte Rüdiger Böhm und Dominic Kläy haben 2000 Kilometer zurückgelegt - von Meiringen BE bis Rotterdam mit dem Kajak und retour mit dem Rennvelo bis Thun. Im Januar 2018 wird diese sportliche Herausforderung in einem Film zu sehen sein.

Rathausplatz Thun
Rüdiger Böhm und Dominic Kläy sind am Ziel ihrer Träume angekommen. Der Rathausplatz in Thun bildet den Schlusspunkt nach fünf Wochen sportlicher Herausforderung.

23. August 2017: Am 22. Juli haben sich Dominic Kläy (32) und Rüdiger Böhm (47) bei Meiringen aufgemacht, um paddelnd mit dem Kanu auf der Aare und dem Rhein nach Rotterdam zu gelangen. Von dort sind die beiden Sportfreunde mit dem Velo und dem Handbike via Deutschland zurück in die Schweiz gefahren. Das sportliche Vorhaben dauerte also gut einen Monat, rund 2000 Kilometer sind zurückgelegt.

Unterwegs zwischen Sissach und Thun, mit dem Ziel Thun im Visier!

Gut einen Monat nach dem Start bildet der Rathausplatz in Thun das Ziel. Kläy sagt: «Wir wollten an einem symbolischen Ort einfahren. Und der Thuner Rathausplatz, der einen spektakulären Blick aufs Schloss freigibt, eignet sich gut dazu.» Dort warten Freunde, Bekannte und Familien auf das sportliche Duo und stossen mit einem kühlen Bier an. «Ich bin erleichtert und glücklich. Das ist ein schönes Gefühl. Wir waren fünf Wochen täglich zwischen sechs bis zehn Stunden unterwegs, hatten nie einen Ruhetag», erklärt Kläy. Ihr Plan sei super aufgegangen. Das Erlebnis sei streng, intensiv, aber auch wunderschön gewesen. «Es braucht Wille und mentale Stärke, um das zu schaffen.» Auf dem letzten Abschnitt zwischen Bern und Thun habe ein junger Handbiker die beiden begleitet.

Jetzt könne er den Tag wieder so einteilen, wie er möchte. Er geniesse seine Dusche in seinem Zuhause in Hünibach BE nun viel mehr. Denn Kläy und Böhm übernachteten oft im Zelt auf Campingplätzen. Die Sportler sind nun daran, sich wieder an den Alltag zu gewöhnen, das Begleitfahrzeug zurückzugeben, das Material zu sortieren und zu reinigen - und vor allem am Erholen.

Verdiente Pause für Rüdiger Böhm nach fünf Wochen sportlicher Höchstleistung: Der Mentaltrainer geniesst das Bad in der Menge am Rathausplatz in Thun.

Alltag heisst auch: wieder ins Berufsleben einsteigen. Sowohl Kläy wie auch Böhm arbeiten als Mentaltrainer, haben sich so auch kennengelernt: Böhm, beim Karlsruher SC gross geworden, war Dozent, Kläy Student. Von Anfang an verstanden sich die beiden, weil sie sportbegeistert sind. Ende Oktober 2016 waren sie bei bissiger Kälte auf dem Thunersee wakesurfen. Und dort entwickelte sich die Idee für das sportliche Vorhaben nach Rotterdam. «Rüdiger ist ein Kämpfer und jammert nicht. Er hat viele Bundesligafussballer fussballerisch und menschlich weitergebracht», sagt Kläy über seinen ehemaligen Lehrer. «Manchmal sind mir die Minuten auf dem Kajak wie Stunden vorgekommen. Ich dachte, ich kann nicht mehr.» Aber mit Essen und genügend Schlaf sei vieles möglich. «Das nimm ich mir fürs Leben mit: Wenn man an Grenzen kommt, muss man dranbleiben.»

Die Filmcrew, die zusammen mit dem Fotografen Michele Di Fede das Projekt begleitete, wird in den nächsten Wochen das Material sichten. Anfang 2018 sollte dann der Film dem Publikum gezeigt werden. Laut Kläy ist eine Filmtournee durch die Schweiz und Deutschland geplant. Für dieses Vorhaben braucht es allerdings Sponsoren. So viel steht schon fest: Die Filmpremiere wird in Thun gefeiert. Wo denn sonst?

21. August 2017: Ein ruhiger Sonntag geht anders: Am 20. August 2107 fuhren Dominic Kläy und Rüdiger Böhm auf ihrem Rennvelo respektive Handbike ganze 150 Kilometer von Mainz nach Karlsruhe. Zehn Stunden Einsatz benötigte dieser Abschnitt. Und am 21. August steht nun die Fahrt von Karlsruhe nach Rust auf dem Programm - «nur» noch 120 Kilometer.
«Die Velofahrt ist im Gegensatz zum Kajak auf dem Hinweg wie ein Schnellgang, bei dem alle tollen Erinnerungen unseres Projekts hochkommen», sagt Kläy. Er spricht von intensiven Erlebnissen, die er und sein Sportsfreund Rüdiger Böhm in den letzten Tagen hatten und meint etwa schöne Landschaften mit Obstbäumen und Rebbergen.

Teilweise sind die Wege so steil, dass Dominik Kläy seinem Sportsfreund Rüdiger Böhm auf dem Handbike ein wenig helfen muss.

Bei den Sportlern kommt aber auch ein wenig Wehmut auf, denn das Ende ihres Projekts rückt immer näher und lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Am 21. August also Karlsruhe-Rust, am 22. August Rust-Basel, und am 23. August steht die Schlussetappe von Basel nach Thun an, wo die beiden gegen den Abend einfahren sollten.

Die Aufnahme zeigt die Kreuzung, wo Rüdiger Böhm vor 20 Jahren beide Beine verlor.

Wenn Kläy von intensiven Erlebnissen spricht, meint er auch den 19. August, als ihm Böhm zwischen Mainz und Karlsruhe die Unfallstelle zeigte, wo er beide Beine verlor. Böhm selbst sagt, er habe mit diesem Thema inzwischen abgeschlossen.

18. August 2017: Kehrtwende beim Projekt «2 Männer, 2 Beine»: Dominic Kläy (32) hat vor zwei Tagen in Rotterdam das Kajak mit dem Velo ausgetauscht, sein Begleiter und Sportsfreund Rüdiger Böhm (47) das Kajak mit dem Handbike. Nun sind die beiden bei starkem Regen unterwegs nach Koblenz. «Es sind lange, aber schöne Tage mit gegen acht Stunden auf dem Velo», sagt Kläy. Nach diesen Tageseinsätzen spüre er die Arme, die Schulterblätter, den Nacken und manchmal auch den Hintern.

«Wenn es optimal läuft», informiert Böhm, «kommen wir am Samstag, 19. August, in Darmstadt an.» Dort war er am 21. April 1997 mit dem Rad unterwegs, als er von einem LKW erfasst wurde. Dabei hat Böhm seine Beine verloren. Was ist das für ein Gefühl, 20 Jahre später an die gleiche Stelle zurückzukehren? «Tendenziell neutral, denn ich fuhr noch Jahre nach dem Unfall dort vorbei, weil das auf meinem Arbeitsweg lag. Das Thema ist abgeschlossen und verarbeitet. Aber es wird speziell sein, diese Stelle Dominic zu zeigen und ihm zu erklären, wie alles passierte.»

Dominic Kläy (links) und Rüdiger Böhm bei den Vorbereitungen zwischen Nijmegen und Düsseldorf

Am Sonntag möchten die Sportler von Darmstadt nach Karlruhe fahren. Das wird gleich nochmals ein spezieller Moment, weil Böhm nach seinem Unfall beim Karlsruher SC zehn Jahre lang als Nachwuchschef und Fussballtrainer arbeitete. Böhm hat die höchste Trainerlizenz. Und damit kam der Deutsche auch in die Schweiz, denn der damalige Thun-Trainer Murat Yakin und Sportchef Andres Gerber haben ihn beim FC Thun als U-21-Trainer engagiert. «Ich merkte, dass ich zwar den Nachwuchs trainieren kann. Aber kein Fussballclubpräsident würde den Mut haben, einen Beinlosen zum Cheftrainer zu befördern.» Und deshalb wagte Böhm nach drei Schweizer Trainerjahren den Schritt in die Selbständigkeit als Coach.

Das Projekt «2 Männer, 2 Beine» bezeichnet er als «extrem spannend und herausfordernd». Herausfordernd vor allem deshalb, weil Böhm - im Gegensatz zu Kläy - auch nach dem Kajakfahren mit der Muskelkraft in seinen Händen und Armen arbeiten muss.

Unterwegs im Raum Düsseldorf.

16. August 2017: Dominic Kläy freut sich: «Wir haben das Ziel erreicht und sind in Rotterdam angekommen. Wir wollten symbolisch von den Bergen bei Meiringen runter bis zum Meer, und das alles mit dem Kajak.» Dieses Vorhaben musste der Mental Coach in Absprache mit seinem Begleiter Rüdiger Böhm (47) leicht abändern. Kläy erzählt: «Wir wollten vom Zentrum Rotterdams bis zum Meer paddeln. Das Wetter stellte um, die Sicht wurde schlechter. Dann kam uns ein grosses Containerschiff entgegen. Dessen Kapitän zeigte uns den Vogel.» Das Duo liess sich aber vorerst vom Plan nicht abbringen und wollte das rund 30 Kilometer entfernte Meer erreichen. Das Problem: Auf diesem Gewässerabschnitt verkehren riesige Containerschiffe, die nur einen Bereich auf dem Wasser sehen und sich ansonsten Übersicht mit Radargeräten verschaffen. Nur tauchen die Kajakfahrer nicht auf dem Radar auf. Nach einer Warnung von einem anderen Frachtschiff-Kapitän und aufziehenden Blitzen am Himmel brachen Kläy und Böhm ihre Kajakfahrt ab.

Kläy erzählt weiter: «Am 15. August haben wir umgepackt und uns am Wendepunkt Rotterdam (Bild oben) auf die Velofahrt vorbereitet.» Am 16. August um 9 Uhr morgens fahren die beiden mit Zweirädern los und wollen noch am gleichen Tag den Grenzbereich Holland-Deutschland erreichen. «Mal schauen, wie wir uns nach drei Wochen Kajakfahren fühlen. Nachdem wir vorwiegend gesessen und gepaddelt sind, wird das eine grosse Umstellung sein.»

14. August 2017: Rüdiger Böhm und Dominic Kläy befinden sich in Gorinchem, einer niederländischen Kleinstadt, die noch 50 Kilometer von Rotterdam entfernt ist. «Die Schiffe, denen wir vom Kajak aus auf dem Rhein begegnen, werden immer grösser. Wir müssen aufpassen», sagt Kläy. Dafür sei die Landschaft viel grüner. Am Ufer gibt es Sandstrände, fettgrüne Wiesen und ab und zu Kühe, die im Wasser stehen (Bild unten). Die Industriegebiete im Grenzgebiet zwischen Deutschland und den Niederlanden seien vorbei.

«Wir befinden uns super im Zeitplan, stehen nun aber vor zwei anspruchsvollen Tagen», erklärt Kläy. Denn die Fliessgeschwindigkeit des Rheins nehme ab Gorinchem ab. Gefragt ist also Muskelkraft. Trotzdem geht Kläy davon aus, dass er und Rüdiger Böhm am Abend des 14. Augusts 2017 Rotterdam erreichen. «Danach möchten wir in einer Tagesroute von Rotterdam aus das Meer erreichen.» Auf der Karte sehe dieser Abschnitt nach wenig aus. Doch auch dort fliesse das Gewässer nicht mehr stark. Die beiden grossen Mündungsarme des Rheins in die Nordsee heissen übrigens Waal. Zusammen mit der Maas bildet dieser das niederländische Rhein-Maas-Delta.

Zusammenfassung vom 22. Juli bis zum 11. August: Böhm und Kläy haben am 11. August in der aktuellen Tagesetappe die Hansestadt Emmerich am Rhein und im Bundesland Nordrhein-Westfalen im Visier. «Am Dienstag/Mittwoch möchten wir mit dem Kajak in Rotterdam am Meer ankommen», sagt Kläy. Dann haben die beiden quasi Halbzeit und legen den Rückweg in die Schweiz mit dem Rennvelo und dem Handbike zurück.

Böhm und Kläy sind am 22. Juli in Meiringen BE gestartet, um geplante 1000 Kilometer bis nach Rotterdam mit dem Kajak zurückzulegen. «Wir haben die Route auf Google Earth grob berechnet, aber nicht jede Kurve der Aare gemessen. Effektiv werden wir in Rotterdam 1200 Kilometer mit dem Kajak zurückgelegt haben», informiert Kläy. Sie erwarten, zwischen dem 21. und 28. August wieder an ihrem Startpunkt im Berner Oberland anzukommen.

Der Regen der letzten Tage schlägt ein wenig auf die Moral, weil die Sportler jeweils auf Campingplätzen übernachten und die Kleider so nie ganz trocken werden. Aber beim Kajakfahren würden Regenjacken mit Neopren dafür sorgen, «dass wir relativ trocken aus dem Boot steigen können». Kläy und Böhm sind begeistert von der abwechslungsreichen Landschaft, die ihnen unterwegs begegnet. Abschnitte mit Wildwasser wechseln sich mit Grossstädten wie Köln oder Düsseldorf ab. «Manchmal sind wir eine ganze Stunde alleine auf dem Rhein, und plötzlich begegnen wir Schiffen im Minutenabstand.» Diese sind nicht immer ganz unproblematisch, weil sie grosse Wellen auslösen können, was die Fahrt im Kajak zur grossen Herausforderung macht.

Ihre Affiche: 2 Männer, 2 Beine, 2000 Kilometer. Rüdiger Böhm hatte bei einem Unfall, als ihn ein LKW vor 20 Jahren überfuhr, beide Beine verloren. Aber diese Behinderung wollen Mental Coach Kläy und Coach und Buchautor Böhm nicht thematisieren. «Mit diesem Projekt wollen wir viel mehr ein Zeichen setzen und aufzeigen, dass man auch mit einer Beeinträchtigung gemeinsam eine grosse Herausforderung meistern kann», sagt Böhm.

Unterwegs auf dem Rhein: Die Kajakfahrer im Schatten eines grossen Kahns (Bilder: Michele Di Fede).

Und Kläy ergänzt: «Rüdiger und ich lernten uns 2014 bei der Ausbildung zum Mentaltrainer kennen. Schnell wurde klar, dass wir nicht nur eine gemeinsame Begeisterung für das Mentaltraining haben, sondern auch im Sport und im Umgang mit Menschen die gleichen Werte teilen.» Aus spannenden Diskussionen habe sich eine Freundschaft entwickelt, in der Handicaps keine Rolle spielen. «Wir erkannten aber auch, dass dies in der Gesellschaft leider oft ganz anders aussieht.» So entstand die Idee, mit einem gemeinsamen Projekt das Bewusstsein in der Gesellschaft zu verändern - mit dem sportlichen Vorhaben, die Strecke vom Aareanfang bis zum Rheinende zu bewältigen. Kläy sagt: «Die grössten Handicaps entstehen viel zu oft in unseren Köpfen.»

Begleitet werden die beiden übrigens von Michele Di Fede (30), der gleichzeitig die hier veröffentlichten Bilder fotografierte. Und dabei ist auch ein Team, das die sportliche Leistung filmisch festhält.

Unterwegs im deutschen Neuenburg am Rhein.

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Oliver Zimmerli und Nima Hashemi auf dem Klausenpass

Vierzig Pässe in zehn Tagen

Blick auf den Baldeggersee

Velotour von Lenzburg nach Hitzkirch

Seitental vor dem Übergang ins Riemenstaldnertal

Von Brunnen ins Riemenstaldnertal

Chalets und Alphütten oberhalb von Bürchen

Per Bike von Visp nach Turtmann und zurück