22. November 2019

Zwei Jahre unterwegs auf Mission

Die Glaubensgemeinschaft der Mormonen hat in der Schweiz nur gerade 9000 Mitglieder. Doch täglich schwärmen im ganzen Land Missionarsteams aus – zum Beispiel Elder Falkena aus den Niederlanden und Elder Luke aus Grossbritannien, die derzeit in der Region Zürich unterwegs sind.

Elder Luke (links) und Elder Falkena
Elder Luke (links) und Elder Falkena sprechen Passanten an der Zürcher Bahnhofstrasse an.
Lesezeit 9 Minuten

Die Wetterbedingungen sind alles andere als ideal für ihre Arbeit. Aber die Elders Falkena und Luke lassen sich von dem regnerischen Spätherbstnachmittag nicht beirren. Mit gewinnendem Lächeln spazieren sie durch die Zürcher Bahnhofstrasse und sprechen Passanten an. Wie üblich tragen sie dabei Hemd und Krawatte sowie unübersehbare Namensschildchen, die sie als Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ausweist. Die Bezeichnung Elder vor dem Nachnamen ist ein kirchlicher Titel und bedeutet Ältester.

Schon die zweite Person bleibt stehen und lässt sich in ein Gespräch verwickeln. «Sie haben mich gefragt, ob mir der Glaube etwas bedeutet», erzählt Laura Gähler anschliessend, «und der ist mir enorm wichtig.» Die 19-jährige Gymnasiastin ist Mitglied einer Kirche aus der Strömung der Pfingstgemeinden. Sie hat von den Mormonen schon gehört, weiss aber wenig über sie. Angeregt unterhalten sich die drei über ihre unterschiedlichen Glaubensvorstellungen. Gähler sagt, dass sie ihre Kirche nicht verlassen würde, den Dialog mit anderen Gläubigen aber spannend findet. Sie tauschen Kontaktinformationen aus, dann ziehen Falkena und Luke weiter.

Laura Gähler im Gespräch mit den beiden Elders
Laura Gähler im Gespräch mit den beiden Elders

Die beiden 22-Jährigen harmonieren bestens miteinander, obwohl sie erst seit einer Woche ein Team sind und ein Ende auch schon in Sicht ist. Sybren Falkenas Zeit als Missionar endet Anfang Dezember, dann kehrt er nach 24 Monaten zu seiner Familie nach Rotterdam zurück. Seif Luke ist erst seit 14 Monaten unterwegs und wird im Sommer 2020 nach Brighton heimkehren. Beide haben schon diverse Stationen in der Schweiz, Österreich und Süddeutschland hinter sich, immer mit wechselnden Teampartnern.

Die gemeinsame Zeit ist kurz, dafür umso intensiver. «Wir unternehmen wirklich alles zusammen», sagt Falkena, «auch in der Freizeit.» Die ist knapp bemessen. Nur der Dienstag steht zur freien Verfügung. «Da planen wir die Woche, gehen einkaufen und machen Ausflüge», sagt Luke. Abends kochen sie in der gemeinsamen Wohnung in Wallisellen ZH, studieren Deutsch oder religiöse Schriften, treiben Sport. Sie gehen nie aus, sehen auch nicht fern und hören keine Musik. Alkohol, Kaffee, Tee und andere Suchtmittel sind ohnehin untersagt.

Das asketische Leben ist Teil ihrer Missionszeit. «Wir sind nicht unterwegs, um Spass zu haben, sondern um Menschen zu helfen», sagt Falkena. «Und ich habe auch realisiert, wieviel mehr Zeit ich für anderes habe, wenn ich keine TV-Serien schaue. Ich werde versuchen, auch zu Hause eine bessere Balance damit zu finden.» Dort nämlich ist er weltlichen Freuden durchaus zugetan und auch mit vielen Leuten ausserhalb seines Glaubens befreundet.

Sybren Falkena ist in einer Mormonenfamilie in den Niederlanden aufgewachsen. «Aber der Glaube hat mich lange nicht besonders interessiert.» Erst mit 19 hat er sich ernsthafter damit auseinandergesetzt und kam zum Schluss, dass die Glaubenswelt seiner Eltern ihm entspricht und er sich von nun an ernsthafter darauf einlassen will. «Ich kenne viele Gleichaltrige, die zwar in der Kirche sind, sich jedoch kaum damit befassen. Das wollte ich nicht – entweder richtig oder gar nicht.» Und weil sein Vater, der einst selbst von Missionaren bekehrt worden war, immer so begeistert von seiner Missionszeit erzählte, war für ihn klar: «Das will ich auch erleben.»

Seif Luke stammt aus einer christlich-orthodoxen ägyptischen Familie, die nach Grossbritannien auswanderte, als er sechs Jahre alt war. Der Glaube war für ihn immer wieder ein Thema. «Ich war auf der Suche,bin aber nirgends richtig fündig geworden.» Bis er während eines Austauschjahrs in Bulgarien vor zweieinhalb Jahren von zwei Elders angesprochen wurde. «Die Gespräche haben mich berührt, und plötzlich entstand eine Verbindung zu Gott, wie ich sie nie zuvor gespürt habe.» Er liess sich noch in Bulgarien taufen und ist so begeistert über seinen neu gefundenen Glauben, dass er anderen Menschen helfen möchte, diesen Weg zu finden – deshalb ist er nun selbst auf Mission. «Ich will ein wenig von dem weitergeben, was ich bekommen habe.»

Im Gespräch mit Passantin
Meist lassen sich Leute ins Gespräch verwickeln, die sich ohnehin für den Glauben interessieren.

Die Passanten auf der Zürcher Bahnhofstrasse sind trotz des schlechten Wetters überraschend zugänglich. In den rund 90 Minuten bleiben mehr als ein halbes Dutzend Leute stehen – meistens Frauen, oft solche, die schon einen Bezug zum Glauben und finden den Austausch interessant. «Ich könnte mir vorstellen, mir diese Kirche genauer anzusehen», sagt eine muslimisch aufgewachsene Iranerin, die gerade aus Paris zu Besuch ist. Ein junger Mann aus Zürich lässt sich auf ein Gespräch ein, obwohl er mit Religion eigentlich nichts am Hut hat. «Aber ich finde es wichtig, offen zu sein und die Vorstellungen von anderen Menschen anzuhören und
zu respektieren. Würden wir das öfter tun, hätten wir eine friedlichere Welt.»

Ab und zu auch Beleidigungen

Am Ende haben die beiden einige Gespräche geführt, die sie bereichernd fanden – und konnten zwei Telefonnummern von Frauen notieren, die ein vertiefendes Gespräch möchten. Alles in allem ein überdurchschnittlicher Erfolg, finden sie. Und die vielen Nichtinteressierten waren recht freundlich. Das ist nicht immer so: «Es gibt auch abschätzige Reaktionen und Beleidigungen. Mit der Zeit bekommt man aber ein dickes Fell», sagt Falkena. Schwierig finden sie auch Ungläubige, die diskutieren wollen, um ihnen klarzumachen, wie Unrecht sie haben. «Da versuchen wir, möglichst rasch weiterzugehen», sagt Luke.

Zum Alltag der Elders gehört nicht nur die Mission auf der Strasse, sie helfen auch manchmal älteren Leuten im Garten oder bei Handwerksarbeiten – und nicht zwingend nur Kirchenmitgliedern. Auch die vertiefenden Gespräche führen sie selbst, wobei sie meist jemanden aus der lokalen Kirche hinzuholen. Die 36 Schweizer Gemeinden verfügen im ganzen Land über Wohnungen, in denen die Elders temporär unterkommen.Und alle sechs Wochen werden Zusammenkünfte sämtlicher Missionarinnen und Missionare der Region Schweiz, Süddeutschland, Österreich zum gegenseitigen Austausch organisiert.

Zu uns finden Menschen aus allen sozialen Schichten, vom Arbeiter bis zum Bankdirektor.

Christian Bolt, Pfahlpräsident Ostschweiz

Die Schweizer Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage hat 9000 Mitglieder, die grösste Gemeinde befindet sich in Solothurn. Herz der Gemeinschaft ist der Tempel in Zollikofen BE, der bei der Einweihung 1955 der erste überhaupt in Europa war. «Zu uns finden Menschen aus allen sozialen Schichten, vom Arbeiter bis zum Bankdirektor», sagt Christian Bolt (47), Pfahlpräsident Ostschweiz, ein Rang, der einem Bischof bei den Katholiken entspricht. «Wir wachsen seit Jahren stetig, aber auf niedrigem Niveau.» Der Bildhauer und Maler aus Klosters GR ist in zweiter Generation Mitglied der Kirche. Diese finanziert sich durch Spenden und Mitgliederbeiträge, aus denen auch Kirchenangehörige in Not unterstützt werden. Offiziell ist jeder gehalten, zehn Prozent des Einkommens zu geben. «Das ist aber komplett freiwillig», betont Bolt, der sich wie alle anderen ehrenamtlich in der Kirche engagiert.

Alle sechs Wochen ein Dutzend neuer Missionare

Deren Mitglieder sind oft geschäftstüchtige Leute. Zu ihnen gehört der Millionär Alfred Gantner, Gründer und Präsident des Zuger Private-Equity-Hauses Partners Group, oder der Winterthurer Unternehmer Mark Prohaska, Generalimporteur von Defibrillatoren der Marke Zoll. Die Grundlage dafür werde bei vielen in der Missionszeit gelegt, sagt Christopher Brown (55), Präsident der Mission Deutschschweiz, Süddeutschland, Österreich. «Zu Beginn sind die jungen Leute oft scheu und unerfahren. In den zwei Jahren lernen sie, sich zu organisieren, mit Unbekannten ins Gespräch zu kommen, sich mit wechselnden Teampartnern zu arrangieren – sie werden in gewisser Weise erwachsen.»

Brown ist selbstständiger Immobilienunternehmer in Wyoming und für seine Aufgabe vor zwei Jahren mit Kind und Kegel nach München gezogen, wo er 1983/84 einst selbst als junger Missionar unterwegs war. In einem Jahr gibt er sein Amt weiter, das er unterstützt von zwei Stellvertretern aus der Schweiz und Österreich ausübt, und kehrt in die USA zurück. Alle sechs Wochen kommt ein gutes Dutzend neuer Missionarinnen und Missionare, die er über seine Region verteilt. Insgesamt sind immer rund 180 unterwegs, davon etwa 60 in der Deutschschweiz. 40 Prozent sind weiblich und 40 Prozent stammen aus Europa. «Das Missionieren ist sicherlich nicht leichter geworden», sagt Brown. «Generell sind die Menschen heute gestresster und in Europa auch weniger religiös als früher.»

Es kommt nur selten vor, dass jemand vorzeitig abbricht.

Christopher Brown, Missionspräsident

Üblicherweise weist er einen Neuling jemandem mit Erfahrung zu, alle paar Wochen wechseln die Teams. «Klar geht ab und zu etwas schief: Jemand wird krank, hat schrecklich Heimweh oder verträgt sich gar nicht mit seinem Teampartner, aber es kommt nur selten vor, dass jemand vorzeitig abbricht.» Ziel der Mission sei nicht, mehr Mitglieder für die Kirche zu gewinnen, betonen Brown und Bolt. «Es geht darum, mehr Menschen den Weg zu Jesus Christus zu zeigen, das ist alles.» Deshalb gebe es auch keinen Druck auf die Missionare, irgendwelche Quoten zu erfüllen. Elder Falkena formuliert es so: «Jeder tut, was er kann, es steht auch niemand besser da, wenn er mehr missioniert als jemand anders.»

Ausstieg manchmal schwierig

Natürlich sind sie sich bewusst, dass es ihrer Religion gegenüber auch Vorbehalte gibt. Ehemalige berichten, dass sie den Ausstieg aus der Kirche schwierig fanden – besonders jene, die ihr ganzes soziales Netz dort haben und kaum etwas anderes kennen. Es bestehe das Risiko der sozialen Ausgrenzung, sagen Kritiker. Vor allem sei ein Ausstieg oft ein schwerer Schlag für die Familie – viele zögerten deshalb, diesen Schritt zu tun, obwohl sie sich innerlich längst abgewendet hätten.

Zudem gilt die Kirche als sehr konservativ. Da ein starker Fokus auf Familie gelegt wird, haben die Mitglieder oft viele Kinder, um die sich meist primär die Frau kümmert. Vorehelicher Sex ist nicht erlaubt, dafür ist man nicht nur verheiratet, bis der Tod einen scheidet, sondern für alle Ewigkeit. Und die Position zur Homosexualität entspricht etwa der der katholischen Kirche. «Wir halten uns schlicht an die Gebote der Bibel», sagt Brown, «die wirken aus heutiger Perspektive sicherlich konservativ.» Auszutreten sei jedoch ganz einfach, man könne schlicht einen Brief schreiben.

Eine ungewöhnliche Form der Kritik ist «The Book of Mormon», ein satirisches Musical, das demnächst auch in Zürich zu sehen ist. Luke und Falkena wissen natürlich davon, würden es aber nicht sehen wollen. «Ich finde, man kann das machen, aber es ist schon ein wenig respektlos», sagt Falkena. Die Kirche als Ganzes gibt sich betont neutral. «Es ist wichtig, dass man über sich lachen kann», sagt Pfahlpräsident Bolt.

Tatsächlich gesehen hat das Musical Mediensprecher Oliver Bassler (40), der den Autoren attestiert, dass sie gut recherchiert haben. «Es gab Stellen, an denen nur ich gelacht habe – weil es nur für jemanden lustig war, der mit den Gepflogenheiten der Kirche vertraut ist.» Bassler hält fest, dass das Musical auch schon Leute dazu gebracht habe, sich für den Glauben zu interessieren, der dahinter steht. «So gesehen ist es also manchmal sogar nützlich für uns.»

Seif Luke und Sybren Falkena werden jedenfalls mit Freude und Stolz auf ihre Missionszeit zurückblicken. «Es sind dabei auch viele Freundschaften mit Leuten aus der ganzen Welt entstanden, die bleiben werden», sagt Falkena. Er will studieren, wenn er zurück in Rotterdam ist. «Ich bin noch nicht sicher, welches Fach, aber es muss mit Menschen zu tun haben.» Luke weiss bereits, dass er Psychologie studieren will. Beide möchten später eine Familie gründen, bevorzugt mit einer Frau aus der Kirche, weil dies sicherlich alles einfacher mache. «Aber das wird noch eine Weile dauern», sagt Falkena, «und wer weiss, was bis dahin alles passiert.»

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