02. November 2017

Zwei Alteingesessene in Stadt und Land

Vom Land in die Stadt und wieder zurück: Die meisten Menschen wechseln ihren Wohnort im Lauf ihres Lebens mehrere Male. Nicht so Peter Hafen und Beni Burch. Hafen wohnt sein Leben lang mitten in der Stadt Bern, Burch ist nie vom ländlichen Giswil OW weggezogen.

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PETER HAFEN: Er nervt sich bloss über Demonstrationen

Peter Hafen wohnt schon immer in der Stadt Bern.

Die Braunbären Björk, Finn und Ursina lassen sich im Bärengraben von Touristen fotografieren. Die Aare glitzert unter der Brücke, die zur Altstadt führt. Nur fünf Gehminuten entfernt wohnt Peter Hafen. Im Altenberg-Quartier. «Wir sagen einfach: im Altenberg», erklärt der 70-Jährige. Er lebt noch immer in der Wohnung, in der er als Kind mit seinen Eltern gewohnt hat. Und er schläft heute noch in dem Zimmer, das früher sein Kinderzimmer war.

Peter Hafen trägt einen weissen Bart, eine feine Brille und im Herzen die Stadt Bern. Auf die Frage, weshalb er nie von hier weggezogen ist, antwortet er: «Bei dieser Stadt muss man das nicht fragen!» Da sei etwa die schöne Altstadt; und die Art der Berner, die ihm so gefällt – sie seien einfach nicht so «juflig». Er räumt aber auch ein, dass sein Geschäft ein Mitgrund war. Er besass einen Autoelektrobetrieb und belieferte den ganzen Kanton Bern mit seinen Autoteilen. Die Werkstatt befand sich direkt unter der Wohnung.

Trotz aller Liebe gibt es Dinge, die Hafen an «seiner» Stadt stören. «Überbordende Demonstrationen finde ich daneben. Wenn die Demonstranten alles kaputtmachen und versprayen, nervt mich das.»

Wenn ich als Bauernsohn geboren wäre, wäre mein Leben sicher anders verlaufen.

Dennoch kann er sich nicht vorstellen, in einem Dorf zu leben. «Wenn ich als Bauernsohn geboren wäre, wäre mein Leben sicher anders verlaufen. Aber wer weiss schon, wie?» Seit Generationen lebten die Hafens in Bern. Der Grossvater ist im Mattequartier aufgewachsen. Als «Gieu» war Peter Hafen oft in der Matte, sie ist nur wenige Meter vom Altenberg entfernt und begleitete ihn sein Leben lang. Deshalb engagiert sich der ledige Pensionierte hier: Er ist Präsident des Mattenenglisch-Clubs. Das «Matteänglisch» ist eine Geheimsprache, die in den Gassen der Matte im Mittelalter gesprochen wurde. Der Klub möchte die alte Sprache bewahren.

Es hatte für Hafen nie zu viele Leute in der Stadt. Eher findet er die vielen Angebote überfordernd. Er hat sie nachgezählt: In Bern gibt es pro Tag zwischen 80 und 140 Möglichkeiten, um etwas zu unternehmen. Wichtig ist Hafen vor allem, dass er auch in Zukunft in Bern bleiben kann. «Wenn es sein muss, gehe ich hier ins Altersheim.» Ein solches hat es sogar in seinem Quartier – «im Altenberg».

BENI BURCH: Er kennt alle, alle kennen ihn

Beni Burch hat sein ganzes Leben in Giswil OW verbracht.

Blau und Grün. Mehr Farben scheint es oberhalb von Giswil an diesem Tag nicht zu geben. Blau der Sarnersee und der Himmel, die fast aufeinandertreffen. Grün die Wiesen und die bewaldeten Berge. Da und dort weiden ein paar Kühe. Beni Burch schaut hinab ins Tal. Hier oben am Berg zeigt der 71-Jährige den Bauernhof, in dem er geboren ist. Mausarm sei die Familie gewesen. Eine Stunde lang sei er jeden Tag hinunter in die Schule gewandert. «Im Winter dauerte der Weg anderthalb Stunden.»

Damals noch ohne weissen Bart im Gesicht, dafür mit meterhohem Weiss um die Beine, kämpfte er sich den Berg hinab. Im Sommer ging er mit dem Vater «z Alp».

Trotz oft harter Kindheit, habe ihm sein Heimatdorf immer gefallen. Warum? Für Burch eine rhetorische Frage: «Man muss sich nur umschauen: die Natur, die Berge, die Landschaft. Etwas Besseres gibt es nicht.» Bis heute nicht. Lust wegzugehen hatte er nur ein Mal: Nach der Käserlehre wollte er mit einem Kollegen in Neuseeland arbeiten. Doch der Kollege sprang ab, also blieb Beni Burch in Giswil. Bereut hat er das nie.

Wenn auch nicht geografisch, hat er sich berufsmässig ausgetobt: Er war Forstwart, Käser, Dachdecker, Müller, Wirt, Versicherungsangestellter, Fahrlehrer. Letzteres am längsten, 40 Jahre lang führte er seine Auto- und Motorrad-Fahrschule.

Der zweifache Grossvater ist überzeugt, dass sein Leben in der Stadt um einiges stressiger wäre. «Und Stress brauche ich nicht unbedingt», sagt er und lacht. Auch die Anonymität einer Stadt wäre nichts für ihn: Er mag an Giswil, dass er fast alle kennt – und fast alle ihn. Denn steigt in Giswil ein Fest, und das kommt offenbar des Öftern vor, ist Beni Burch an vorderster Front dabei. Er hat das Zepter für die Festwirtschaft in der Hand.

Stress brauche ich nicht unbedingt

Obwohl es ihm in Giswil wohl ist, schätzt er die guten Zugverbindungen nach Luzern. Jede halbe Stunde fährt ein Zug in die Stadt. Diese Möglichkeit nutzt Beni Burch jedoch nur ein- bis zweimal im Jahr. «Meiner Frau zuliebe gehen wir dann lädele. Ich selber würde ebenso gern hier bleiben.» Seit er pensioniert ist, setzt er sich aktiv für die Region ein: Bei Giswil-Mörlialp-Tourismus ist er zuständig für den Wanderwegbau und Wanderwegunterhalt.

Burch überlegt lange, ob es in Giswil auch etwas gibt, das ihm nicht gefällt. Schliesslich schüttelt er den Kopf. «Nein, alles ist gut hier. Ich vermisse nichts.» Das Angebot im Dorf sei ihm nie zu klein gewesen. Er habe hier alles, was er brauche. Beni Burch lächelt zufrieden. Solange er gesund ist, möchte er in Giswil bleiben.

Momentan ist er mit dem nächsten Jahr beschäftigt. Im Sommer veranstaltet der Jodlerclub Giswil ein grosses Fest. Viele gute Freunde sind im Klub dabei, und Beni Burch steht wieder in der Küche.

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