18. Mai 2018

Zutritt nicht nur für Gäste, wenns mal pressiert

Lokale, die bei der Aktion «nette Toilette» mitmachen, stellen ihre WCs auch Passanten gratis zur Verfügung. Und entlasten so deren Blase und gleichzeitig das Portemonnaie der Gemeinden.

WCs, die auch von Passanten benützt werden dürfen
Ein solches Schild weist in Lokalen auf WCs hin, die auch von Passanten benützt werden dürfen. (Bild: Adrian Moser / zVg)
Lesezeit 1 Minute

Wer aufs WC muss, der muss. Aber nicht immer findet sich eine öffentliche Toilette in der Nähe. Was tun? Manche schleichen sich in ein Lokal und verziehen sich dort aufs Klo, ohne etwas zu konsumieren. Andere verschwinden hinter einem Busch. Beides ist verboten.
Ein Wirt ist bloss verpflichtet, seinen Gästen sanitäre Einrichtungen zur Verfügung zu stellen. Für Nichtkunden darf er die Bedingungen selber festlegen, ihnen also auch verbieten, seine Toilette zu nutzen. Wildpinkeln, im Verwaltungsjargon «Verrichten der Notdurft» genannt, kann mit 50 (Basel und Solothurn) bis zu 150 Franken (Sion) gebüsst werden.

Gibt es in der Schweiz genug öffentlich zugängliche WC?

Öffentliche Toiletten zu betreiben, kostet die Gemeinden viel Geld. Die Stadt Zürich investiert jedes Jahr ungefähr zwei Millionen Franken, um ihre zurzeit 106 WC-Anlagen zu
reinigen und zu warten und das Angebot auszubauen. Alles eingerechnet kalkuliert, die Stadt für einen Toilettengang in einem Züri-WC etwa Fr. 1.90. Das Projekt mit dem flotten Namen «nette Toilette» soll das Portemonnaie der Gemeinden und die Blasen der Passanten entlasten. Die daran beteiligten Restaurants stellen ihre Klos auch Passanten gratis und ohne Konsumzwang zur Verfügung. Im Gegenzug entschädigt die Gemeinde die Gastronomen mit 2500 Franken pro Jahr.

In Basel machen neuerdings 31 Restaurants bei der Aktion mit. Ein Schild mit dem Hinweis «nette Toilette» macht die Passanten darauf aufmerksam. Für Daniel Hofer (32), Sprecher beim Basler Tiefbauamt, lassen sich mit dem Projekt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: «Wir zeigen uns gastfreundlich – und hoffen, dass bei einem grösseren Angebot an öffentlichen Toiletten auch weniger wild uriniert wird.»

Farbanstrich gegen Wildpinkler
Bern ist schon seit zwei Jahren dabei, die Erfahrungen sind positiv. Rund 20 Betriebe beteiligen sich an dem Pilotprojekt, eines davon ist das Hotel und Restaurant National. «Es läuft reibungslos, und wir hören immer wieder ein Merci», sagt Geschäftsführerin Esther Grünewald (53).

Auch Dominique Steiner (53) von der Orts- und Gewerbepolizei lobt die nette Toilette als «gute Sache». Aufs WC zu gehen sei ein Grundbedürfnis. Betriebe, die ihre Toiletten öffentlich zugänglich machen, sammelten Sympathiepunkte. Allerdings löse die «nette Toilette» nicht alle Probleme. «Sobald Alkohol im Spiel ist, sinken die Hemmungen», sagt Steiner.
Er plädiert für kreative Ansätze gegen Wildpinkler, wie sie schon anderswo ausprobiert werden. Im Hamburger Viertel St. Pauli sind Hauswände mit einer speziellen Farbe gestrichen, die Urin abweisen. Wer gegen eine solche Wand pinkelt, bekommt den Abperleffekt zu spüren – er wird selbst nass. Paris hingegen experimentiert mit «Uritrottoirs», als Blumenbeete getarnte Pissoirs.

Das grösste Verzeichnis öffentlicher und netter Toiletten liefert wc-guide.ch. Website und App haben Corinne Grond (45) und Adriano Fattizzo (40) aus der Zentralschweiz entwickelt. Aus gesundheitlichen Gründen ist Corinne Grond auf eine schnelle Lösung angewiesen, wenn sie auf die Toilette muss. Besonders mit Stress verbunden war es an unbekannten Orten. So entstand vor bald zehn Jahren die Idee zum WC-Guide. 

Benutzer-Kommentare