23. April 2019

Zusammen gehts besser

Bänz Friedli hat kein Auto. Ist er deswegen öko? Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Plastikbesteck
Wegwerfbesteck sollte verboten sein. Ist sich unser Kolumnist sicher.

Frühling ists, es grünt und blüht. Selbst Parteien, von denen wir dies nie erwartet hätten, geben sich plötzlich grün. Deren Aussagen sind jedoch bis zum 20. Oktober mit Vorsicht zu geniessen – vielleicht schielen sie ja nur aufs Wahlresultat! Es ist aber schon verrückt: Kein Essen unter Freunden mehr, ohne dass die Rede aufs Klima käme, kein Bier mit Fussballkollegen, kein Zahnarztbesuch. Letzthin traf ich einen Reiseveranstalter, der Trips an die entlegensten Orte der Welt gern als Reisen zum wahren Selbst preist und selber stets mehrere Monate pro Jahr in fernen Landen – Usbekistan, Nepal, Feuerland – verbringt. Vom Kilimandscharo, für ihn kurz «Kili», redet er so beiläufig wie andere vom Gurnigel. Wie er denn ob dem Klimawandel, fragte ich ihn, sein Geschäftsfeld und die eigene Vielfliegerei verantworten könne. «Ich esse dafür kein Rindfleisch!», kam die Antwort prompt.

Sie kam mir bekannt vor. «Ich habe dafür kein Auto», lautet eine meiner prompten Ausreden. Ein Nachbar nahm mich deswegen schon ins Gebet: Ich müsse «gar nicht so grün tun», ich flöge ja in die USA – dagegen könne er ein Jahr lang seinen Offroader fahren. Wahrscheinlich hat er recht. Reden wir uns nicht alle andauernd raus? Und versuchen so, unser schlechtes Gewissen zu beruhigen? Benutze ich beispielsweise den Taxidienst Uber, gebe ich besonders viel Trinkgeld – weil ich weiss, wie unsozial das Unternehmen seine Fahrer behandelt. Und weil ich meist Schuhe eines Herstellers trage, der weissgott nicht für Nachhaltigkeit bekannt ist, betone ich gern, ich kaufe dafür nur fair produzierte Kleider.

Das Leben ist ein fortwährender Balanceakt: Soll ich Bio-Avocados aus Südamerika kaufen? Wem tue ich damit Gutes? Mir? Dem Landwirt? Der Natur? Das Schlimme ist: Wir wissen, worum es geht. Nur noch wenige Stur- und Starrköpfe leugnen, dass die globale Erwärmung menschengemacht ist. Wenn nun aber der eine radikal aufs Fliegen verzichtet, die andere radikal kein Fleisch mehr isst, ein dritter radikal auf Fairtrade-Kleidung setzt und alle behaupten, sie täten das einzig Richtige, landen wir bei den Schuldzuweisungen. So feindete ein bekannter Moderator – der selber oft fliegt – eine gewesene Miss an, weil sie zwar an Klimademos teilnimmt, für ihre Liebesferien jedoch nach Bali jettete. Worauf die vegane Ex-Miss öffentlich vorrechnete, wie gut ihre Klimabilanz trotz Bali-Flug sei.

Gescheiter wäre vermutlich, alle täten alles mit Mass. Und die Politik nähme endlich ihre Lenkungsmacht wahr, indem sie Flüge verteuert, Ölheizungen abschafft und die absurden Plastikverpackungen für Mittagssnacks verbietet, und zwar samt Wegwerfbesteck. Vielleicht ist es ja doch ganz gut, dass ausgerechnet heuer Wahljahr ist ...

Die Hörkolumne (MP3)

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