25. Oktober 2018

Zurück zu Mama

Lea Mock und Anja Burkhardt, beide um die 30, sind wieder bei der Mutter eingezogen. Das tun viele junge Erwachsene – aus unterschiedlichen Gründen.

Tochter und Mutter
Zurück zu Mama: Ein Trend bei jungen Erwachsenen.

Eines Tages platzte ihnen der Kragen: Als ihr 30-jähriger Sohn Michael trotz mehrfacher Bitten keine ­Anstalten machte, sein Elternhaus zu verlassen, zogen Mark und Christina Rotonda in Syracuse im US-Bundesstaat New York vor Gericht – und gewannen den Prozess. «Der Sohn muss ausziehen», lautete das Urteil, das im Frühling 2018 weltweit für Schlagzeilen sorgte.

Auch in der Schweiz bleiben erwachsene Kinder länger unter den Fittichen von Mama und Papa als die Generationen vor ihnen. Das Durchschnittsalter beim Auszug liegt heute zwischen 24 und 25 Jahren. Und 26 Prozent der 25- bis 29-Jährigen leben gar immer noch unter dem elterlichen Dach – so viele wie nie zuvor.

Längere Ausbildung, ein schmales Budget oder persönliche Krisen zählen zu den oft genannten Gründen für das Verbleiben im elterlichen Nest. Ein weiterer Grund geht aus der Umfrage des Vergleichsdienstes Comparis hervor: 22 Prozent der Befragten schätzen schlicht den bequemen Service im «Hotel Mama» – und die Gesellschaft dort.

Bei Lea Mock und Anja Burkhardt (Porträts Seite 11 und 13) war die Situation etwas anders: Nachdem ihr Leben Purzelbäume geschlagen hatte, entschieden sie, wieder bei der Mutter einzuziehen. Sie hatten also bereits einen eigenen Haushalt geführt und Verantwortung übernommen.

Umso gewöhnungsbedürftiger war es, sich wieder bemuttert zu fühlen oder wie mit 15 die Frage zu hören: «Wann kommst du nach Hause?» ­Alles in allem funktioniert es für beide aber ganz gut.

Situation mit Konfliktpotenzial

Doch nicht immer gestaltet sich das Wohnen unter einem Dach harmonisch. Dass es auch Zündstoff birgt, beobachtet der Familientherapeut Jürgen Feigel (45) seit Jahren. Der Experte rät deshalb, die Rollen zu klären und klare Regeln aufzustellen, damit Kinder und Eltern sich auf der Erwachsenenebene begegnen können. Sonst seien Konflikte programmiert – auf beiden Seiten (Interview Seite 15).

Feigel berichtet von Eltern, die unter ihren Nesthockern leiden, weil sie endlich wieder Zeit für sich wünschen, mehr Ordnung und weniger Diskussionen. Dann sei es an den Eltern, den Auszug zu verlangen – das ist ihr Recht, auch ohne Gerichtsurteil.

Hilfreich kann dabei ein Blick ins Tierreich sein. Denn Tiermütter und -väter gehen weit rabiater vor als etwa die Rotondas. Sie vertreiben den Nachwuchs fauchend und knurrend aus dem Nest, wenn die Zeit reif ist.

Ich bin ein verwöhnter Goof!

Lea Mock (28)
Lea Mock und ihre Mutter
Verstehen sich prächtig und teilen sich die Hausarbeit: Lea Mock und ihre Mutter

Job, Wohngemeinschaft, Beziehung: Plötzlich stimmte gar nichts mehr. Da zog Lea Mock einen Schlussstrich – und bei ihrer Mutter wieder ein. Aber nicht etwa ins «Hotel Mama». Eine Win-win-Situation sei es, finden beide.

Über Gossau SG entleeren sich die Wolken; in der modernen Wohnung im obersten Stock brennen Kerzen, erklingt gedämpfte Musik, und aus dem Teekrug auf der Anrichte dampft es. «Für dich, Lea», sagt Susanne Mock-Tributsch (49), «Lindenblütentee.» Lea bedankt sich, giesst sich einen Becher ein und kommentiert: «Sie bemuttert mich heute mehr als früher.» Die 28-Jährige grinst und fährt mit theatralischem Augenrollen fort: «Lea, willst du nicht die wärmere Jacke anziehen? – Lea, ist alles in Ordnung?»

Beide lachen schallend, dann sagt die Mutter den Satz, der im Verlauf des Abends häufiger fallen wird: «Ja, wir achten gut aufeinander.» Seit dem Tod des Ehemanns und Vaters vor neun Jahren sind Susanne, Lea und die jüngere Tochter Sara (26) noch näher zusammengerückt. «Das ist mit ein Grund, dass beide so spät ausgezogen sind», sagt Susanne Mock-Tributsch. Lea verliess das Elternhaus mit 24, Sara mit 25.

Gar nicht so anders als früher

Nun ist Lea wieder da, seit gut einem Jahr schon. Im vergangenen Sommer hat sich ihr Leben um 180 Grad gewendet: Sie fühlte sich fehl am Platz – im neuen Job, in der Wohngemeinschaft, in der Beziehung mit ihrem Freund. Sie zog einen Schlussstrich, verliess die Stelle, die WG, den Freund, räumte in ihrem Leben auf.
Statt wie geplant mit dem Freund zusammenzuziehen, kehrte sie mit Sack und Pack zu Mama zurück. «Das war für mich ein logischer Schritt.» Bereits während der WG-Zeit und zuvor, als sie in einer eigenen Wohnung lebte, war sie oft zu Hause gewesen, auch an den Wochenenden.

«Als ich wieder einzog, erlebte ich das gar nicht so anders als früher», sagt sie. Und nein, als Frauen-WG betrachte sie das gemeinsame Wohnen nicht: «Ich fühle mich schon sehr als Tochter.»

Das erneute Zusammenleben behagt beiden. Die Mutter schätzt die Gesellschaft, den Austausch, das gemeinsame Kochen oder Essen. «Und wenn Lea für ihre Ausbildung als Naturheilpraktikerin lernt, fällt es mir leichter, meine Berichte zu schreiben», sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Trotzdem hätten sie beide ihr eigenes Leben, einen eigenen Freundeskreis, eigene Projekte, eigene Ferienreisen. Erwartungen an Gemeinsames gebe es keine. «Deshalb funktioniert es auch so gut», sagt Lea Mock. Sie stelle die Frage «Wann kommst du nach Hause?» weit häufiger als ihre Mutter.

Mindestens bis Ende der Ausbildung

Chillt die Tochter mit ihren Freunden auf der Terrasse, ist die Mutter oft mit von der Partie und geniesst die lebhaften Diskussionen. Umgekehrt setzt sich die Tochter spontan hinzu, wenn Gäste zu Besuch kommen. Für die Mutter ist es auch räumlich eine Win-win-Situation: «Fünf Zimmer wären für mich allein viel zu viel.»
Für die Tochter kommt der finanzielle Aspekt hinzu: «In der Ausbildung könnte ich mir gar keine eigene Wohnung leisten, und das Kapitel WG habe ich definitiv abgeschlossen.»

Lea Mock spült die Teller vom Abendessen vor und räumt sie in die Spülmaschine. «Das ist so typisch für Lea – sie ist die bessere Hausfrau als ich», bemerkt ihre Mutter scherzhaft. Prompt ertönt Leas Stimme: «Wie hast du denn das Geschirr eingeräumt? Mami, das ergibt überhaupt keinen Sinn so!»

Bei den Mocks gibt es keine Aufgabenteilung. Aber der Begriff «Hotel Mama» treffe nicht zu, betonen beide. Auch Lea erledigt alles, was so anfällt. «Ich mag es gern ordentlich», sagt sie und fügt an: «Das ist das Mindeste, was ich tun kann. Ich bin ein verwöhnter Goof, lebe hier gratis, habe sogar zwei Zimmer. Also bitte.»

Solange Leas Ausbildung andauert, also mindestens drei Jahre, bleibt sie. Danach wird eine eigene Bleibe wieder ein Thema: «Dieser Wunsch ist doch ganz normal», sagt sie. Das findet auch ihre Mutter. «Lea soll ohne Rücksicht auf mich gehen können.» Ihre Töchter wüssten, dass sie nicht gern allein lebe, doch sie werde eine Lösung finden: «Vielleicht ziehe dann ich in eine WG.»

Auf einmal war ich wieder 15

Anja Burkhardt (31)
Anja Burkhardt
Hat die vier Monate bei ihrer Mutter sehr genossen: Anja Burkhardt

Nur mit einem Koffer in der Hand kehrte Anja Burkhardt für vier Monate zu ihrer Mutter zurück. Wichtiger als ein gefüllter Kühlschrank waren Nestwärme und Gespräche am Küchentisch.
Dennoch ist Anja kein «Mami­titti»: Schon als 16-Jährige zog sie ins Schulwohnheim der Pädagogischen Mittelschule in Kreuzlingen; später, als Studentin, lebte sie in einer Wohngemeinschaft, dann machte sie sich auf nach Australien und nahm sich bald darauf ihre erste eigene Wohnung.

Jetzt, mit 31, sitzt sie am hellen Holztisch im Häuschen ihrer Mutter in Bichelsee TG. Schaut hinaus in den Garten, wo der Regen auf die farbenfrohen Blütenköpfe prasselt. Hier hat sie Unterschlupf gesucht und gefunden, als die Beziehung zu ihrem Freund zerbrach und sie «keinen Tag länger» in der gemeinsamen Wohnung hätte bleiben können.

Überstürzt zog sie zu ihrer Mutter. «Ich habe keine Sekunde lang überlegt, wohin», sagt die Lehrerin rückblickend. Auch ihr Vater hätte sie mit offenen Armen aufgenommen. «Zu spüren, dass die Familie in dieser Situation hinter mir stand, war unglaublich wertvoll.»

Sie schlief auf der Matratze im Büro und war «einfach nur dankbar» für dieses warme Nest.Doch bald nagten die Zweifel an ihr, machten sich Gedanken breit in ihrem Kopf: «Du bist 31 und wieder daheim. In diesem Alter haben andere ein Haus, eine eigene Familie.»

Und so froh sie auch war um diesen sicheren Hafen, so rasch warf sie die Netze aus nach einer neuen Wohnung. «Das hier» – mit ihrer Hand umreisst sie einen Bogen um die helle und gemütliche Stube – «war eine Übergangslösung, das wussten wir beide von Anfang an.»

Im Zimmer ein Korb mit gebügelter Wäsche

Dieses Wissen habe beigetragen zum unkomplizierten Zusammenleben mit ihrer Mutter, die sich dazu nicht öffentlich äussern möchte. Schön sei es gewesen, abends gemeinsam zu essen und zu reden.
Sie erinnert sich, wie sie einmal in ihr Zimmer kam und dort den Korb mit der gebügelten Wäsche vorfand. Oder an das warme Gefühl, wenn der Kühlschrank voll war. Einen «Ämtliplan» gab es nie, beide machten, was gerade anstand.

Anja genoss den Garten mit dem Grillplatz, sogar das Jäten und Rasenmähen. Gewöhnungsbedürftig sei nur der Moment gewesen, als ihre Mutter zum ersten Mal gefragt habe: «Wann kommst du heute Abend nach Hause?» – Sie lacht: «Ich stutzte und war auf einmal wieder 15 …»

Vor Kurzem hat die Tochter das Nest im beschaulichen Bichelsee wieder verlassen. Mit allem, was sich inzwischen angesammelt hat. «Oh, jetzt ist es so leer hier!», habe ihre Mutter gerufen. «Das fand ich schön», sagt die junge Frau, die in der eigenen Wohnung in einem richtigen Bett schläft und ihre Möbel um sich hat. Das Gefühl der Dankbarkeit hat sie mit in ihr neues Leben genommen.

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