06. September 2019

Rechts oder links von Geburt an?

Persönlichkeitsmerkmale und Erziehung beeinflussen die politische Gesinnung, fanden zwei Wissenschaftler heraus. Wir haben uns mit drei Menschen unterhalten, deren Positionen sich im Laufe des Lebens verändert haben. Sie erzählten uns, wie es dazu kam.

Jelena Filipovic
Entsetzt über ergebnislose Klimadebatten im Nationalrat: Studentin Jelena Filipovic.

Wir fühlen uns frei, wenn wir unseren Wahlzettel in die Urne werfen. Aber ist das vielleicht nur eine Illusion? Womöglich hängt alles von einzelnen Charakterzügen ab, die unsere politischen Vorlieben diktieren. So lässt sich eine Studie des Politikwissenschaftlers Markus Freitag (50) verstehen: «Die Psyche des Politischen».

Entscheidend sind demnach fünf Persönlichkeitsmerkmale: Wer offen für neue Erfahrungen ist, hat eine Tendenz zu den Sozialdemokraten oder den Grünen. Gewissenhafte Menschen haben eine Neigung zur FDP oder SVP. Das gilt auch für extrovertierte Personen. Wer Wert auf Harmonie legt, schätzt die Grünen, die CVP oder die SP. Emotional Unstabile wählen ebenfalls eher CVP oder SP.

Markus Freitag leitet das Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern. Für seine Studie hat er rund 14 000 Interviews detailliert ausgewertet. Können da noch Zweifel bestehen, dass unser politisches Weltbild so festgefügt ist wie die Persönlichkeit?

Auch der renommierte deutsche Kinderarzt und Erziehungsforscher Herbert Renz-Polster (59) hat sich mit der politischen Prägung beschäftigt. In seinem Buch «Erziehung prägt Gesinnung» schreibt er, dass Menschen schon in den frühen Lebensjahren politisch beeinflusst werden. Wer übertrieben strenge Eltern hat, glaube später eher den Parolen rechtspopulistischer Politiker. Auch ein einseitig leistungsorientiertes Schulsystem könne dazu beitragen.

Soweit die Statistik und die Theorie: Doch es gibt auch Leute, deren politische Präferenzen sich mit der Zeit verändern, schleichend oder durch einen Schockmoment. Wir stellen drei Menschen vor, denen das Parteibuch nicht in die Wiege gelegt wurde.

Von der Beobachterin zur Klimaschützerin

Jelena Filipovic (27) ist in Basel als Kind eines Kranführers und einer Altenpflegerin aufgewachsen, die beide aus Serbien eingewandert waren. Sie selbst fühlte sich schon früh als Schweizerin. Im Gymnasium erwachte ihr Interesse für das Politsystem des Landes. Von anderen Jugendlichen musste sie sich deswegen spöttische Sprüche anhören: «Es ist ja nett, dass du Staatskunde so spannend findest, aber mitreden kannst du hier als Ausländerin trotzdem nicht.»

Als sie 18 wurde, begann Jelena Filipovic mit Leidenschaft die Einbürgerung ihrer ganzen Familie voranzutreiben. Das Projekt war erfolgreich: Am Ende besassen sie und auch ihre Eltern und Geschwister die Schweizer Staatsbürgerschaft.

An der Universität Bern wählte sie Politologie als Hauptfach, weil sie verstehen wollte, wie das Zusammenspiel der Institutionen in unserem Land funktioniert. Ihre Bachelorarbeit schrieb Filipovic über den Aufstieg der SVP – demnächst folgt ihre Masterarbeit. Stets jedoch behielt sie den distanzierten Blick einer Forscherin. Zwar lag ihr die Umwelt am Herzen, aber sie konnte sich nicht vorstellen, deswegen einer Partei beizutreten.

«Im Herbst 2018 wurde schlagartig alles anders», erinnert sie sich. Zuerst erstaunt und dann entsetzt verfolgte sie, wie der Nationalrat die Revision des CO2-Gesetzes debattierte: «Die FDP und die SVP zerredeten die Vorlage immer mehr. Am Ende kam ein Gebilde heraus, das sogar schlechter war als das alte Gesetz. Man musste froh sein, dass die Ratsmehrheit es ablehnte.»

Das sei für sie ein Schock gewesen, erinnert sich die Studentin. «Ich musste jetzt einfach etwas tun. Darum trat ich dem ­rünen Bündnis der Stadt Bern bei. Im Dezember nahm ich an der ersten grossen Klimademo der Schweiz teil.» Bei den Grünen will sie sich nun mit aller Kraft für das Klima einsetzen: «Die Lösungen wären da – etwa Abgaben auf Flugtickets oder mehr Unterstützung für Fussgänger, Velofahrer und den öffentlichen Verkehr. Dafür müssen wir Mehrheiten finden.»

Vom Gewerkschafter zum Liberalen

Beat Kappeler (73) sah stets zu seinem Vater auf, der ein geschäftstüchtiger Schreinermeister in Herisau war: «Von ihm habe ich schon früh gelernt, wie man unternehmerisch denkt», sagt der bekannte Publizist. Sonst aber hielt er in seiner Jugend eher wenig von der älteren Generation. Sie wirkte auf ihn oft «grau und fantasielos». Vor allem als Student des Völkerrechts und der Weltwirtschaft rebellierte er gegen die herrschenden Verhältnisse. Die wirtschaftliche Situation in der Schweiz kam ihm erstarrt vor: «Überall in unserem Land gab es damals Kartelle und Preisabsprachen. Er fehlte an Dynamik und Konkurrenzkampf.»

Kappeler empörte sich auch über den Vietnamkrieg, nahm jedoch nicht an Demonstrationen teil, sondern schrieb stattdessen mit dem späteren «Kassensturz»-Moderator Urs Paul Gasche einen Artikel in der «Nationalzeitung». Die beiden wiesen nach, dass Radio Beromünster bei der Berichterstattung über den Krieg einfach die Bulletins des amerikanischen Generalstabs übernommen hatte.

Beat Kappeler
Entfremdete sich von den Sozialdemokraten: Publizist Beat Kappeler.

Beat Kappelers politische Heimat war die SP, seine berufliche die Gewerkschaft. Von 1977 bis 1992 amtete er als Sekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes und betreute die Liberalisierungsdossiers. Viel Zeit wendete er damals für die Schulung von Gewerkschaftsmitgliedern auf: «Es ging mir darum, dass Arbeitnehmer die Bilanzen ihrer Firmen verstehen und analysieren können.» Die Idee dahinter: Arbeiter sollten notfalls lieber auf Lohn­rhöhungen verzichten, dafür aber günstig Anteile an ihrem Unternehmen erwerben und so Vermögen aufbauen.

Doch in den 90er-Jahren kam es zum Bruch mit der SP und den Gewerkschaften. «Beide setzten immer stärker auf staatliche Konjunkturprogramme, statt auf die Initiative und Eigenverantwortung der Arbeitnehmer», erklärt er. Kappeler wendete sich enttäuscht ab und konzentriert sich seither auf seine Arbeit als Kolumnist mit spitzer Feder und entschieden liberalen Thesen.

Heute wundert er sich, wenn ihm frühere Weggefährten vorhalten, er sei mit den Jahren nach rechts gerückt: «Ich habe immer an meinen Überzeugungen festgehalten, es ist der Zeitgeist, der sich gewandelt hat.»

Von der Parteilosen zur CVP-Frau

Sabrina Egger-Liechti (38) fühlt sich auf dem Land daheim. Sie hat fast immer in Muolen gewohnt, einem St. Galler Dorf mit nur gerade 1200 Einwohnern. Ihr Vater ist Käser, ihre Mutter Krankenpflegerin. «Aber in meiner Kindheit war der Bauernhof meiner Gross­eltern manchmal wichtiger als mein Elternhaus», erinnert sie sich. «Dort verbrachte ich als Kind viel Zeit und half auch immer bei der Apfelernte.»

Wie viel ihr das Dorf bedeutete, bemerkte Egger-Liechti als junge Frau: Damals zog sie in den St. Galler Vorort Wittenbach. «Plötzlich lebte ich in einem anonymen Block und hatte statt eines Gartens nur noch einen kleinen Balkon. Ich hielt das nicht aus und kehrte schon nach vier Monaten aufs Land zurück.»

Heute führt sie ein Leben, das randvoll mit Verpflichtungen ist. Sie hat einen zweieinhalbjährigen Sohn und arbeitet in der Pflegeleitung der Klinik Stephanshorn bei St. Gallen. Ausserdem ist sie schon in der dritten Amtszeit Gemeinderätin in ihrem alten und neuen Wohnort Muolen: «Als ich angefragt wurde, konnte ich nicht Nein sagen. Ich bin so stark in dieser Gemeinde verwurzelt.»

Sabrina Egger-Liechti
Schärfte in der Dorfpolitik ihr politisches Profil: Gemeinderätin Sabrina Egger-Liechti.

Vom ersten Tag an trug sie im Gemeinderat tatkräftig dazu bei, dass ihr Dorf funktionierte. Sie übernahm das Ressort Gesundheit und Jugend und erreichte, dass sich in der neuen Mehrzweckhalle des Dorfes eine betreute Spielgruppe treffen kann: «Das ist wichtig für die Integration von fremdsprachigen Kindern.» Ausserdem ist sie im Vorstand der lokalen Spitex.

Nur wie ihr politisches Weltbild genau aussieht, konnte sie lange nicht sagen: «Noch als 30-Jährige war ich mir nicht sicher, ob ich eher links oder rechts dachte.» So gehörte sie während der ersten beiden Amtszeiten keiner Partei an. Doch an der Front der Dorfpolitik wurde ihr mit der Zeit klar, was ihre Hauptanliegen sind: «Ich will, dass Frauen Arbeit und Beruf verbinden können. Ich bin für die Umwelt, aber gegen radikale Massnahmen: Auf dem Land sind die Leute oft auf ein Auto angewiesen. Und unsere Spitex könnte ohne Wagen mit Vierradantrieb im Winter nicht zu abgelegenen Bauernhöfen fahren.» So hat Egger ihre politische Heimat schliesslich in einer Mittepartei gefunden: Sie gehört nun der CVP an.

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