07. Juli 2017

Zum Kind schauen statt aufs Handy

Der Schweizerische Badmeister-Verband warnt eindringlich: Eltern sollten Kleinkinder im Schwimmbad stets im Auge behalten. Wenn sie sich vom Handy ablenken lassen, kann das für den planschenden Nachwuchs schnell einmal lebensgefährlich werden.

Kinder im vollen Bassin
Ausgelassene Kinder im vollen Bassin. Die Eltern sollten stets ein wachsames Auge haben (Bild: Keystone).

Sind Eltern nur 20 Sekunden lang unachtsam, kann das für Kinder tödliche Folgen haben. Der Schweizerische Badmeister-Verband zeigt sich besorgt: Eltern in der Badi hielten sich zwar in der Nähe ihrer planschenden Kleinkinder auf, sie seien jedoch so sehr mit dem Smartphone beschäftigt, dass sie kaum etwas mitkriegten, wenn der Nachwuchs sich in Gefahr begebe.

Passt Du in der Badi pausenlos auf dein Kind auf, solange es nicht gut schwimmen kann?

Michael Kurz, der in Bolligen BE als Badmeister arbeitet, berichtet, er müsse täglich Eltern mahnen und immer wieder Kinder aus dem Wasser ziehen. Erst kürzlich habe er ein kleines Mädchen aus dem Kinderbecken gerettet, während die Mutter mit ihrem Smartphone beschäftigt gewesen sei. «Eigentlich müsste man ein Handyverbot zumindest prüfen», sagte der Badmeister gegenüber dem «Berner Oberländer».

Auch die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) betont, dass Kinder nur begleitet ins Wasser dürfen und kleine Kinder immer in unmittelbarer Nähe beaufsichtigt werden sollten. Vergangene Woche hat die SLRG die Präventionskampagne «Das Wasser und ich» lanciert, mit Ex-Mister-Schweiz Renzo Blumenthal als Botschafter. Der Bündner Biobauer ist Vater dreier Kinder und setzt sich auch deshalb für die Kampagne ein, weil sein Vater einst beinahe ertrunken wäre.

Ertrinken ist bei Kindern in der Schweiz seit mehreren Jahren die Unfalltodesursache Nummer zwei. 2013 ertranken in der Schweiz sechs Kinder, 2014 drei, im Hitzesommer 2015 fünf und 2016 (Stand 22. September) vier Kinder – die Mehrheit in Seen und Flüssen.

Die Verantwortung für ihren Nachwuchs tragen die Eltern selbst

Beat Wüthrich
Beat Wüthrich (40) ist Anlagechef des Freibads Marzili

Beat Wüthrich (40) ist Anlagechef des Freibads Marzili in Bern.

Der Schweizerische Badmeister-Verband schlägt Alarm, weil Eltern sich aufs Handy konzentrieren statt auf ihre badenden Kleinkinder. Wie gross ist das Problem wirklich?

Tatsächlich reicht es bereits, 20 Sekunden lang wegzuschauen – und ein Kind kann ertrinken. Aber man muss den Ball flachhalten. Das Handy ist nun mal Teil der Gesellschaft. Bei uns im Marzili-Schwimmbad sind wir gar nicht in der Lage, alle Eltern anzusprechen, wenn sie nicht auf ihre Kinder aufpassen. Die Verantwortung für ihren Nachwuch tragen die Eltern letztlich selbst. Sie müssten auch damit leben, wenn ihr Kind verunfallt.

In einem Leserforum war die Rede davon, dass immer mehr Eltern annehmen, dass die Badmeister auf die Kinder aufpassen.

Das ist so. Wir im Marzili sind aber nicht für die Kinder verantwortlich. Unsere Aufgabe ist es, dann einzuschreiten, wenn etwas passiert. Selbstverständlich reagieren wir auch, wenn wir eine mögliche Gefahr erkennen, etwa wenn ein Kleinkind zu nah an ein grosses Becken herangeht.

Wie soll man als Gast reagieren, wenn man Eltern sieht, die nicht auf ihre Kinder achten?

Wenn ich persönlich Gast in einer Badi bin und eine Gefahr erkenne, weil die Eltern nicht verantwortungsvoll auf ihre Kinder achten, suche ich das Gespräch im Sinn von: «Es ist zwar nicht mein Kind, aber ich rate ihnen, einzuschreiten.» Wenn die Eltern dennoch nicht reagieren, behalte ich die Situation im Auge, um das Schlimmste zu verhindern. Aber ich eile bestimmt nicht zum Badmeister und verlange von ihm, dass er die Eltern warnt.

Eigentlich sind unachtsame Eltern nichts Neues – bloss dass sie früher mit einem Buch beschäftigt waren.

Ja. Das Handyproblem ist ein Spiegel der sich verändernden Gesellschaft. Früher las man in der Badi die Zeitung, heute zückt man das Handy.

Verbote muss man in erster Linie durchsetzen können.

Würde denn ein Handyverbot die Sicherheit in den Badis erhöhen?

Wir haben in der Schweiz bereits so viele Verbote. Die muss man in erster Linie durchsetzen können. Im Marzili haben wir an einem normalen Sommertag rund 12'000 Besucher. An solchen Tagen müssen wir die Sicherheit der Badegäste im Becken gewährleisten. Unsere Aufgabe ist es sicher nicht, Leute zu jagen, die ein Handy benutzen. Es bringt nichts, den Leuten zu verbieten, ihre geschäftlichen E-Mails anzuschauen. Ein Handyverbot im Marzili ist eine Utopie. In einem kleinen Freibad mit 500 Gästen lässt sich ein Verbot vielleicht eher durchsetzen.

Mit einem Handyverbot könnte man aber auch das Problem mit fotografierenden Spannern lösen.

Nach meiner Einschätzung ist dieses Problem in Wirklichkeit weniger gross, als es in den Medien dargestellt wird. Trotz des hohen Besucheraufkommens entdecken wir die Spanner meistens – auch dank der Hilfe von anderen Badegästen. Intern haben wir drei klare Regeln. Erstens: Am Becken oder im Wasser gibt es keine Fotos. Zweitens: Auf dem Gelände ist Fotografieren erlaubt, sofern der Persönlichkeitsschutz gewährleistet ist. Drittens: Wer sich in seiner Privatsphäre verletzt fühlt, kontaktiert uns, und wir leiten Massnahmen ein – entweder im gemeinsamen Gespräch oder mit Unterstützung der Polizei.

Wie sehr achten Sie auf Ihre eigenen Kinder im Freibad?

Meine Frau und ich haben unseren Kindern, die heute sechs, sieben und zwölf Jahre alt sind, schon früh das Schwimmen beigebracht. Wir besuchen gerne das Familienbad Ka-We-De in Bern mit der Wasserrutschbahn und dem Wellenbad. Wenn unsere Kinder im Wasser sind, befinde ich mich immer in Sichtweite. Ins Wellenbad oder ins tiefe Wasser begeben wir uns nur gemeinsam. Und wenn wir schwimmen gehen, habe ich das Handy praktisch nie dabei.

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