12. August 2013

So sieht der Alltag in 20 Jahren aus

Was essen wir in 20 Jahren? Kommunizieren wir nur noch digital? Können Autos bald fliegen? Silja Kornacher hat viele Fragen an die Zukunft. Gemeinsam mit dem Zukunftsforscher Georges T. Roos hat sie einen persönlichen Tagesablauf für das Jahr 2033 entwickelt.

Illustration vom Familienleben der Zukunft
Die einen mit der Cyberbrille, die andern mit dem Tablet: Abends schaut jedes Familienmitglied sein eigenes Programm. Ab 20.30 Uhr ist jeweils Entschleunigung angesagt, dann sind alle offline.

Die Zukunftsfamilie im Porträt

Das zukünftige Familienmodell unterscheidet sich kaum vom heutigen. Einzige Neuerung: Sind Migros-Magazin-Volontärin Silja und ihr jetziger Freund David in 20 Jahren verheiratet, führen sie eine Ehe auf Zeit. Nach sieben Jahren wird jeweils über eine Verlängerung entschieden. Silja ist 43, und sie hat einen spannenden Job: Sie kontrolliert eine künstliche Intelligenz, die Themen für Schweizer Medien aufspürt. Zeit-Ehemann David hat im Zukunftsszenario von 2033 ein Jahr Rente vorbezogen und finanziert sich eine Weiterbildung in Richtung Innenarchitektur. Die beiden haben zwei Kinder: Sophia und Julian. Lesen Sie unten, wie der Tagesablauf von Silja und ihrer Familie aussehen könnte.

07:00 Uhr Zeit für den Vitaldatencheck

Das intelligente Armband bestätigt: Julian hat Fieber.
Das intelligente Armband bestätigt: Julian hat Fieber.

Im Bad checke ich mein Energiepotenzial für den heutigen Tag. Der Vitaldatenring an meinem Finger zeigt 105 Prozent an und ist dunkelgrün gefärbt. Das System meldet genügend Schlaf, gute Vitalstoffversorgung und einwandfreie Blutwerte. Heute kann ich somit auf eine Leistungspille verzichten. David, mein Ehemann, kommt ins Bad. Sein Energiebestand liegt heute nur bei 72 Prozent, er nimmt ausnahmsweise eine Leistungspille, denn heute steht an der Schule eine wichtige Präsentation an. Wir haben einen vernünftigen Umgang mit dem Human Enhancement ( Glossar siehe Box unten) gefunden. Obwohl die Pillen keine Nebenwirkungen haben, versuchen wir, auf sie zu verzichten.

07:15 Uhr Watson als Krankheitsberater

Unser Sohn Julian (10) liegt noch immer im Bett. Ich fühle seine Stirn. Definitiv Fieber. Sein Armband, ausgerüstet mit der künstlichen Intelligenz ( Glossar siehe Box unten) namens Watson, verrät mir: Momentan geht eine Grippe um, das Fieber ist aber im normalen Bereich. Tee und Bettruhe reichen aus. Ich rufe per Videotelefonie Frau Meier an. Um ihr Zeitkonto (Glossar siehe Box unten) aufzubessern, passt sie ab und zu auf meine Kinder auf. Sie verspricht, am Nachmittag vorbeizukommen.

Julian hat sich unterdessen ins Geschichts-Game (Glossar) «Historix» eingeloggt, um nicht zu viel vom Unterricht zu verpassen. Er will endlich ein Level weiterkommen. Ich schicke der Lehrerin auf der Internet-Schulplattform eine Nachricht und informiere sie über Julians Absenz.

07:45 Uhr Mobilität im Abo

Der führerlose Elektro-Minibus bringt die Kinder jeden Tag sicher zur Schule.
Der führerlose Elektro-Minibus bringt die Kinder jeden Tag sicher zur Schule.

Unsere Tochter Sophia (8) ist bereit für die Schule. Ihre Vitaldaten sind in Ordnung, abgesehen von Eisenmangel wurde nichts Aussergewöhnliches angezeigt. Auf dem Quartierplatz wartet schon der führerlose elektrische Schulbus auf Sophia und ihre Kameraden.

Mir verrät unterdessen ein Blick auf meine E-Mails: Die Monatsrechnung von «Mobilisuisse» ist da. Diesen Monat haben wir 4 Mal ein Auto und 10 Mal ein Velo ausgeliehen und sind 25 Mal Zug oder Bus gefahren. Der ökologische Fussabdruck ist passabel, das gibt 22 Belohnungspunkte. Da wir in einem «Plusenergiehaus» leben, halten wir unseren Fussabdruck gering: Das Haus produziert selber Energie für Wasser, Strom und Heizung.

08:30 Uhr Flexibles Arbeiten im Share-Office

Heute arbeite ich von zu Hause aus. Nach zwei Stunden konzentriertem Arbeiten am Schreibtisch brauche ich jedoch einen Ortswechsel. Also verlagere ich meinen Arbeitsplatz für den Rest des Vormittags ins Share-Office ( Glossar) der Wohnsiedlung. Die meisten Leute arbeiten heutzutage flexibel, wann und wo sie wollen. Sie haben mit ihren Vorgesetzten abgesprochen, was sie leisten müssen und arbeiten von zu Hause aus mit einem Reportingsystem.

Heute sitzen im Share-Office nur ein Banker, ein Programmierer und eine Eventplanerin. Der Programmierer telefoniert über den Laptop mit einem chinesischen Kollegen. Dank eines ins Telefonprogramm integrierten Übersetzers verstehen sich die beiden trotz Sprachbarriere einwandfrei.

12:00 Uhr Den Nachbarn helfen und damit das Zeitkonto aufbessern

Mein Vitaldatenring schlägt Quinoa-Salat mit Avocado zum Zmittag vor. Ich koche für Julian und mich. Eine übrig gebliebene Portion bringe ich unserer Nachbarin Frau Fischer vorbei. Sie kann nach einer Knieoperation ihren Haushalt nicht mehr alleine führen. Ich mache ihr Bett, lüfte und putze das Bad. Eine Stunde mehr auf dem Zeitkonto (Glossar)! Unterwegs gerate ich in einen Hagelsturm. Extreme Wetterumschwünge gehören mittlerweile schon fast zur Tagesordnung.

16:00 Uhr Shoppen mit Augmented Reality

Bequem einkaufen: Schuhe probiert man nicht mehr an, sondern lässt sie sich auf den Fuss projizieren.
Bequem einkaufen: Schuhe probiert man nicht mehr an, sondern lässt sie sich auf den Fuss projizieren.

Frau Meier kommt, um auf die Kinder aufzupassen. Ich nutze die Gelegenheit für einen Beratungstermin in der Stadt: Ich brauche neue Wanderschuhe. Beim Betreten des Showrooms erfasst das System automatisch die Chipkarte mit meinen Massen und meinem Einkaufsverhalten. So weiss die Schuhberaterin sofort: Ich habe grosse, schmale Füsse, bevorzuge unauffällige Formen und die Farbe Grün. Damit ich nicht jeden Schuh anprobieren muss, projiziert mir die Beraterin die ausgewählten Modelle auf den Fuss. Meinen Favoriten probiere ich natürlich richtig an. Mein Traumschuh wird nun in Auftrag gegeben und sollte in drei Tagen in meinem Briefkasten liegen.

16:45 Uhr Individuelles Training

Ab ins Fitnesscenter! Hier trainiert heute Jung und Alt, jeder nach seinen speziellen Bedürfnissen. Meine Vitaldatenbank rügt mich dafür, dass ich das Training am Samstag habe ausfallen lassen, lobt mich, weil ich heute bereits 870 Schritte gemacht habe und schlägt 17 Minuten Laufbandtraining und 8 Minuten Rückenmuskulatur-Aufbau vor. Während des Trainings erinnert mich mein Vitaldaten-Ring daran, ausreichend Wasser zu trinken.

18:00 Uhr Eine Portion Würmer aus dem Feinkostladen

Gesunder Snack: Die Kinder lieben die eiweissreichen Buffalowürmer.
Gesunder Snack: Die Kinder lieben die eiweissreichen Buffalowürmer.

Im Feinkostladen hole ich 500 Gramm Buffalowürmer (Glossar) und Grashüpfer für das Abendessen. Die Würmer sind reich an Eiweiss und das Lieblingsessen meiner Kinder. Ein kleines Stück Rindfleisch für den Sonntagabend kaufe ich ebenfalls. Fleisch ist ein Luxusgut, das es bei uns nur einmal pro Monat gibt. Ich bezahle die Lebensmittel mit meiner Finanz-App, Bargeld trage ich nie bei mir. Das App-Icon leuchtet grün: Das Familienkonto ist noch nicht überzogen.

18:10 Uhr Dank Nachbarschaftshilfe und Smart Houses sind Altersheime überflüssig

Als ich den Lebensmittelladen verlasse, erhalte ich auf meinem Handy eine Alarmnachricht. Die Sensoren im Haus meiner Mutter haben Gefahr gemeldet: Sie muss gestürzt sein. Ich will ihre Haushaltshilfe anrufen, die ebenfalls via Zeitkonto ( Glossar) für sie arbeitet. Doch schon gibt das Handy Entwarnung: Meine Mutter ist bereits wieder auf den Beinen. Zum Glück hat sie ihr Haus zu einem Smart House ( Glossar) umbauen lassen und kann daheim leben. Dass sie mit ihren 83 Jahren so fit ist, hat sie auch den Pillen gegen Vergesslichkeit zu verdanken.

19:30 Uhr Familienzeit: Auch Offline muss sein

Den Kindern hat das Abendessen geschmeckt. Eine Stunde schaut nun jeder sein Programm auf der Cyberbrille. Mein Mann sieht sich die «Tagesschau» an, ich entspanne mit meiner Lieblingsserie in der Badewanne. Julian liegt auf dem Sofa und liest auf seinem Tablet einen Krimi, während Sophia mit ihren Freundinnen chattet. Ab 20.30 Uhr sind wir dann offline: Im Familienleben bauen wir aktiv Phasen der Entschleunigung ein, ganz ohne Bluescreens. Zum Einschlafen lese ich Sophia «Madita» vor, mein Lieblingsbuch aus der Kindheit. Irgendwann piepst mein Fingerring. Sein Vorschlag: 8,2 Stunden Schlaf. Na dann, gute Nacht!

Illustrationen: Rahel Nicole Eisenring

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