02. April 2019

Zügeln ist wie gebären

Unsere Stadt-Land-Kolumnistin zieht in eine neue Wohnung – in ein paar Jahren wird sie den Stress und die Schmerzen vergessen haben.

Schreiende Frau
(Bild: unsplash.com)
Lesezeit 2 Minuten

Ich habe keine Ahnung, wo meine Socken sind. Keinen Schimmer, wo die Hosen stecken. Null Plan, ob es die Kiste mit den Pullis in die neue Wohnung geschafft hat. Umziehen bedeutet für mich aber auch, dass ich selber mich nicht mehr umziehe: Seit Tagen trage ich dieselbe schwarze Hose. Dasselbe lila T-Shirt. Und meine Haare sind mit demselben Haargümmeli nach hinten gebunden. Als ich schwitzend den neuen Spiegelschrank aufstelle, erkenne ich mich darin kaum wieder. «Was ist aus dir geworden?», frage ich mein verlottertes Spiegelbild. «Wo ist denn der Concealer, um die Augenringe abzudecken?», fragt es zurück – auch meine Psyche ist mittlerweile etwas angeschlagen. «Keine Ahnung!», stöhne ich. «Eben!», ruft es.

Mein Freund sieht auch nicht besser aus. Er ist derjenige, der alles schleppen muss. Ich helfe zwar, aber für die richtig schweren Brocken hat nur er die passenden Oberarme. Seit unsere Züglete vor einer Woche begann, ist er um fünf Jahre gealtert. Wir haben zwar Helfer, aber am Ende des Umzugstages sind wir verantwortlich. Wir sind erschöpft, wollen nur noch schlafen gehen. Schatz, ist die hier deine oder meine Zahnbürste?

Ich habe eine Theorie: Mit einem Umzug verhält es sich wie mit einer Geburt. Beides ist schmerzhaft für diverse Körperteile, schmutzig, und man sieht scheisse aus dabei. Doch wenn das Baby in Form eines neuen Zuhauses mal da ist, man zum ersten Mal duscht und Shampoo, Haarbürste, Frotteewäsche gleich findet, dann gluckst man selig vor Glück. Die Jährchen ziehen ins Land, und irgendwann erinnert man sich nicht mehr an den ganzen Stress und Schmerz. Dann blickt man beim Znacht seinen Schatz an und fragt: «Was hältst du davon, wenn wir ...?»

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