07. September 2017

Zucchini brachte Oscar-Nomination

Selten ergiesst sich über einen Schweizer Film ein so grosser Preisregen wie über den Animationsstreifen «Ma vie de Courgette» von Claude Barras. Die herzerwärmende Geschichte des Waisenjungen Icare, genannt Courgette (Zucchini), liess offensichtlich auch hartgesottene Festivaljurys dahinschmelzen.

«Ma vie de Courgette»
Als Camille (rechts) ins Waisenhaus kommt, hellt sich das Leben für Courgette wieder ein bisschen auf.
Lesezeit 2 Minuten

In der westlichen Welt werden Animationsfilme in erster Linie für Kinder gemacht. Dass es auch anders geht, zeigen japanische Anime, die schon lange auch anspruchsvolle und traurige Geschichten erzählen, etwa «Grave of the Fireflies» (1988), in dem ein Teenager gegen Ende des Zweiten Weltkriegs verzweifelt versucht, sich und seine kleine Schwester im kriegsversehrten Japan durchzubringen.

Claude Barras’ «Ma vie de Courgette» ist bei Weitem nicht so finster und traurig, beschäftigt sich aber auch mit ernsten Themen und beginnt mit einem tragischen Unfall. Bei diesem stirbt die Mutter des neunjährigen Icare, von ihr liebevoll Courgette (Zucchini) genannt. Er landet im Kinderheim, wo er wegen seines seltsamen Namens, auf den er hartnäckig besteht, erst mal verspottet wird. Doch dann freundet er sich mit dem grössten Rabauken der Gruppe an, und als ein neues Mädchen ins Heim kommt, schlägt sein Herz plötzlich höher.

Dennoch vermisst er seine Mutter und hätte gerne wieder ein richtiges Zuhause, wie alle anderen Kinder im Heim auch. Diese sind aus unterschiedlichsten Gründen dort: Drogensüchtige Eltern, Eltern, die ausgeschafft wurden, Eltern, die sie sexuell missbraucht haben oder im Gefängnis sitzen.

Dass der Film trotz dieser ernsten Themen leichtfüssig und mit viel Charme und Humor daherkommt, ist nicht nur dem sensiblen Drehbuch von Céline Sciamma zu verdanken, sondern auch den liebevoll gestalteten Figuren mit den riesigen Köpfen und ausdrucksvollen Augen, die sich in Stop-Motion-Technologie über die Leinwand bewegen. Zentral sind zudem die authentischen Kinderstimmen, die der Walliser Regisseur Claude Barras bei einem Casting aus 200 Kindern sorgfältig auswählte. Ecken und Kanten mussten sie haben, erklärte die dafür zuständige Marie-Eve Hildbrand im «Tages-Anzeiger»: «Je mehr die Kinder lispelten oder sonstige Eigenheiten aufwiesen, desto besser.» Und sie sprachen nicht nur einfach in Mikrofone, sondern spielten die Szenen der Animationsfiguren in echt nach.

Trotz allem oft fröhlich: Die Kinderschar im Waisenhaus.

Das Ergebnis bezauberte auch viele Filmjurys: «Ma vie de Courgette» erhielt neben dem Schweizer Filmpreis 2017 als Bester Spielfilm einen César und den Europäischen Filmpreis 2016, jeweils als Bester Animationsfilm. In Cannes, bei den Golden Globes und den Oscars gab es Nominationen. Das zeigt, dass originelle, kreative Projekte durchaus honoriert werden – zu schade, dass die Schweiz solche nur so selten zustande bringt.


«Ma vie de Courgette», bei Exlibris.ch für Fr. 17.90 ( DVD und Bluray )

«Grave of the Fireflies» für Fr. 28.90 (DVD) und Fr. 37.90 (Bluray)

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