19. Januar 2015

Guadeloupe: Zu Gast bei den Meeresschildkröten

Ein Vulkan im Regenwald, betörende Unterwasser-Welten und rassiges Essen: Auf der Karibikinsel Guadeloupe kommen nicht nur Sonnenanbeter, sondern auch Naturliebhaber und Geniesser auf ihre Kosten.

Grand Cul-de-Sac Marin
Das Naturschutzgebiet Grand Cul-de-Sac Marin ist ein Paradies für Schnorchler.

Unbeeindruckt von der Aufmerksamkeit der drei Schnorchler, sitzt die Wasserschildkröte am Meeresgrund und grast. Begleitet wird sie von zwei Putzerfischen, die eifrig an ihrem Panzer nagen. Als sie sich gemächlich vom Boden löst, bewegen sich die Putzerfische unter sie, derweil sie anmutig an die Oberfläche steigt, um Luft zu holen – keine zwei Meter entfernt von Alex Zeni und seinen Gästen.

Eine Wasserschildkröte in der Bucht von Malendure, an der Westküste von Basse Terre. (Bild: Alex Zeni)
Eine Wasserschildkröte in der Bucht von Malendure, an der Westküste von Basse Terre. (Bild: Alex Zeni)

Zeni (50) kennt die Bucht von Malendure an der Westküste von Basse Terre fast so gut wie sein Wohnzimmer. Der Schweizer aus Lausanne führt mit seiner französischen Frau Véronique (52) seit 2006 in der Nähe das kleine Hotel Chalets Sous-le-Vent – die beiden leidenschaftlichen Taucher sind, so oft sie können, im Unterwasserreservat Jacques Cousteau unterwegs, zu dem auch die Bucht mit den Meeresschildkröten gehört. An jenem Morgen entdecken die Schnorchler sicher ein gutes Dutzend innert einer Stunde.

«Die Leute kommen von weit her, um hier zu tauchen und zu schnorcheln», sagt Alex Zeni. «In den 80er- und 90er-Jahren konnte man froh sein, wenn man pro Tag eine Meeresschildkröte zu sehen bekam, die Schutzbemühungen seither haben also viel bewirkt.» Auch er tut seinen Teil: «Drei Mal im Jahr machen wir eine Meeresputzete – zu Beginn holten wir dabei Autobatterien und verrostete Kühlschränke aus dem Wasser, mittlerweile ist aber auch hier das Umweltbewusstsein gestiegen.» Das Hauptproblem heute ist der Plastikmüll, der am Land rumliegt und vom Wind ins Wasser geweht wird. Beim Schnorchelgang hat er prompt einen Plastiksack eingesammelt. «Die Schildkröten verwechseln die Säcke mit Quallen, neben dem Gras ihre zweite Nahrungsquelle. Meist sterben sie daran.»

Dem Traum vom eigenen Hotel folgte erst mal harte Arbeit

Seine Leidenschaft ist das Tauchen: Der Schweizer Alex Zeni führt auf Guadeloupe ein kleines Hotel.
Seine Leidenschaft ist das Tauchen: Der Schweizer Alex Zeni führt auf Guadeloupe ein kleines Hotel.

Alex und Véronique Zeni kamen 2005 ferienhalber nach Guadeloupe, um genau in jenem Gebiet zu tauchen, wo sie heute leben. Im Hinterkopf trugen sie den Gedanken, sich nach einem Alterswohnsitz umzusehen – in warmen Gefilden, weil sie beide jahrelang in Asien lebten, wo sie sich 1991 auch kennengelernt hatten. «Wir stiessen dann hier auf eine heruntergekommene Hotelanlage, die zum Verkauf stand, und entschieden ziemlich spontan, sie zu übernehmen und selbst ein Hotel zu eröffnen», sagt Globetrotter Zeni, der einst in Lausanne die Hotelfachschule absolviert hat und seither fast ohne Unterbruch in der Reisebranche gearbeitet hat, meist im IT-Bereich. «Der Anfang war hart: Wir schufteten rund um die Uhr, dennoch schmolzen unsere finanziellen Reserven dahin.» Daneben kümmerten sie sich auch noch um ihre zwei Kinder, Simon (19) und Valentine (16). Nach einem Jahr hatten sie erstmals das Gefühl, dass ihr Hotel eine Chance hat.

Immer mal wieder kämpften sie mit der Infrastruktur, die manchmal auch wegen eines Streiks lahmlag. So kam es vor, dass sie einige Tage ohne Wasser oder Strom auskommen mussten, und auch das Internet fiel ab und zu aus. «Für ein Hotel ist sowas natürlich schwierig, 99 Prozent unserer Gäste kontaktieren uns über die Webseite», sagt Zeni. Mittlerweile jedoch haben sie einen Wassertank und einen Generator installiert, und die Chalets am steilen Berg oberhalb von Bouillante haben sich gut etabliert. «Wir haben viele Stammgäste, die hierherkommen, um zu tauchen oder im Nationalpark zu wandern.» Der gewaltige Regenwald von Basse Terre, der vom 1467 Meter hohen Vulkan La Soufrière dominiert wird, befindet sich ganz in der Nähe und ist von unzähligen Wanderwegen durchzogen. Zu den Höhepunkten gehören die Wasserfälle, darunter die 110 Meter hohen Chutes du Carbet.

Guadeloupe besteht aus einer Gruppe von neun Inseln der Kleinen Antillen in der Karibik. Es gehört zu Frankreich und ist Teil der Europäischen Union.
Guadeloupe besteht aus einer Gruppe von neun Inseln der Kleinen Antillen in der Karibik. Es gehört zu Frankreich und ist Teil der Europäischen Union.

Generell sind die neun Inseln des französischen Überseegebiets Guadeloupe eher etwas für Geniesser und Naturfreunde. Die Optionen fürs Partyleben sind begrenzt, lediglich in den Touristengebieten gibt es ein paar Casinos und Bars. Für Alkoholnachschub ist dennoch gesorgt, denn auf Grande Terre, der zweiten der beiden Hauptinseln, dominieren weite Zuckerrohrfelder die Landschaft. Daraus entstehen tonnenweise Zucker und hektoliterweise Rum.

Der Rum wird in allen Variationen stets zu den Mahlzeiten gereicht – kein Lunch oder Dinner ohne einen Ti-punch oder Planteur zum Apéro. Letzterer ist eine verführerisch süsse Mischung aus weissem Rum und mehreren Fruchtsäften, von der man sehr schnell betrunken wird, wenn man nicht aufpasst.

Die Inselwirtschaft wurde auf Sklavenarbeit gebaut

Überhaupt, das Essen. Es gehört zu den grossen Attraktionen auf Guadeloupe, allerdings auch wegen der bewegten Geschichte der Insel, die zu einem vielfältigen Gemisch an Ethnien und kulinarischen Traditionen geführt hat. Die Ureinwohner wurden ab 600 nach Christus von den Kariben ausgerottet oder vertrieben. Diese tauften das Land Karukera – Insel der schönen Wasser. Der erste Europäer auf dem Eiland war Christoph Kolumbus höchstselbst, der sie auf seiner zweiten Reise am 4. November 1493 entdeckte und nach dem spanischen Wallfahrtsort Nuestra Señora de Guadalupe neu benannte. Während die Kariben sich gegen die Spanier lange erfolgreich wehren konnten, gelang es den Franzosen 1635, die Insel zu kolonialisieren. Sie errichteten gewaltige Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen; als Arbeitskräfte holten sie Sklaven aus Afrika.

Rum und Gewürze gehören zu den wichtigsten Erzeugnissen der Inselgruppe.
Rum und Gewürze gehören zu den wichtigsten Erzeugnissen der Inselgruppe.

Diese schufteten sich für die weissen Herren zu Tode, männliche Sklaven überlebten im Schnitt nur gerade sieben Jahre. Die Sklavenwirtschaft dauerte bis 1848, deshalb hat die grosse Mehrheit der heutigen Bewohner afrikanische Wurzeln, inzwischen längst und vielfach vermischt mit weissen, karibischen und indischen Einflüssen. Dieser Bevölkerungsmix führt zu ebenso vielfältigen kulturellen Traditionen, etwa der kreolischen Küche. Eine Fülle von Gewürzen aus Afrika und Asien sorgt für köstlich-pikante Fisch-, Fleisch- und Gemüsegerichte. Fast in jedem Lokal gibt es eine andere schmackhafte Version der Accras zur Vorspeise, kleine Krapfen aus Fisch oder Gemüse. Sehr typisch ist auch Colombo, eine mehr oder weniger scharfe Sauce aus Kümmel, Pfeffer, Koriander, Curry, Piment und Ingwer.

Die Inselhistorie hat aber nicht nur positive Nachwirkungen. Bis heute kann es Spannungen geben im Verhältnis zwischen Schwarz und Weiss, und es sind noch immer eher die Weissen, die wirtschaftlich den Ton angeben und Guadeloupe von Frankreich aus regieren. Zudem leiden die 400'000 Inselbewohner unter einer relativ hohen Arbeits­losigkeit von 22 Prozent; gleichzeitig ist das Alltagsleben auf der Insel für die Einheimischen eher teuer, weil fast alle Waren importiert werden müssen. 2009 führte diese Mélange zu einem 44 Tage dauernden Generalstreik, der die Insel praktisch lahmlegte und auch den Tourismus aus der Bahn warf.

So schön die Inseln sind, den Jungen bieten sie nicht so viele Perspektiven.

Seither kommen weniger Gäste als auch schon, gerade aus der Schweiz, stellt Bruno Gargar (53) fest. Der Kreole zeigt ausländischen Gästen seit 26 Jahren als Reiseführer seine Heimat – zuvor hat er viele Jahre in Süddeutschland gelebt, was seinem Deutsch einen charmanten schwäbischen Twist gibt. Gargars Vorfahren kamen schon 1745 aus Afrika auf die Insel. Seine Urgrossmutter war noch Sklavin, er selbst hat schwarze, weisse und karibische Wurzeln. «Auf Guadeloupe lebt man sehr gut», findet Gargar. Und wer sich anstrenge und etwas erreichen wolle, schaffe das auch, egal, welche ethnische Herkunft er habe. Zudem sieht er es als grossen Vorteil, Teil der Europäischen Union zu sein. «Das eröffnet uns mehr Möglichkeiten als anderen Bewohnern der Karibik.» Seine 20-jährige Tochter etwa studiert in Paris, wie so viele andere junge Leute auch.

Der kreolische Reiseleiter Bruno Gargar.
Der kreolische Reiseleiter Bruno Gargar.
Die Schweizer Touristenbetreuerin Daniele Popote.
Die Schweizer Touristenbetreuerin Daniele Popote.

«So schön die Inseln sind, den Jungen bieten sich hier nicht so viele Perspektiven», sagt Danielle Popote (63), eine Schweizerin aus Neuenburg, die seit 30 Jahren als Touristenbetreuerin auf Guadeloupe lebt, dort einen Einheimischen geheiratet und zwei Söhne grossgezogen hat. Einer lebt heute in Berlin, der andere in Neuenburg. Sie erzählt von den wilden 80er-Jahren, als eine Unabhängigkeitsbewegung auf Guadeloupe sogar Bombenanschläge verübte, um ihre Forderungen durchzusetzen – letztlich erfolglos. «Ich habe zwei Wohnungen deswegen verloren und wäre beim zweiten Mal fast gegangen.»

Schliesslich jedoch blieb sie und hat das nie bereut. Heute lebt sie mit neun Katzen und einem Hund in einem schönen Haus in den grünen Hügeln über Le Gosier, einer der Touristenhochburgen auf Grande Terre. Und obwohl sie gern auf Besuch in die alte Heimat geht, kann sie sich eine feste Rückkehr nicht vorstellen. Dafür geniesst sie das Leben auf der Karibikinsel viel zu sehr.

Traumhafte Strände und hübsche Altstadtgässchen

Die malerische Bucht von Terre-de-Haut auf Les Saintes gilt bei den Einheimischen als die drittschönste der Welt.
Die malerische Bucht von Terre-de-Haut auf Les Saintes gilt bei den Einheimischen als die drittschönste der Welt.

Nur schon die Strände! Man hat eine Auswahl wie aus dem Ferienkatalog: schwarzer Sand, weisser Sand, brauner Sand in allen Schattierungen. Wers richtig ruhig mag, verbringt ein paar Tage auf Les Saintes, einem Inselgrüppchen südlich von Basse Terre. Dort leben nur knapp 3000 Menschen. In den Gässchen des hügeligen Hauptorts Terre-de-Haut lässt sich nicht nur gemütlich flanieren und abends das Rumangebot durchdegustieren, man hat auch immer wieder neue prächtige Blicke auf die Bucht, welche die Einheimischen stolz als «die drittschönste der Welt» bezeichnen.

Eine Marktfrau in der Altstadt von Pointe-à-Pitre.
Eine Marktfrau in der Altstadt von Pointe-à-Pitre.

Fast schon einen Hauch von New Orleans schliesslich findet man in der Altstadt von Pointe-à-Pitre, der Hauptstadt von Guadeloupe. Links und rechts von den engen Strässchen stehen Häuser in buntem Kolonialstil mit Veranden und Balkons, allerdings viele etwas heruntergekommen. Würde man hier Geld in die Hand nehmen, entstünde ein French Quarter fast wie in New Orleans. Aber auch so kann man durch Läden und Lokale ziehen, den Fischern auf dem Markt beim Filetieren ihrer Beute zusehen oder mit bunt gekleideten Marktfrauen über Gewürzpreise feilschen. Abends hingegen sollte man die Hauptstadt als Tourist eher meiden. Unterhaltungsangebote gibt es kaum, stattdessen stösst man auf allerlei Halbweltgestalten, die Sex oder Drogen verkaufen wollen.

Uns zieht es wieder ans Wasser. Die Lagune vor Sainte-Rose im Nordosten von Basse-Terre gehört zum Grand Cul-de­Sac Marin, einem streng geschützten Unesco-Biosphärenreservat, das vom längsten Korallenriff der Kleinen An­tillen begrenzt wird. Aus dem flachen, türkisfarbenen Wasser wachsen Mangroven, in deren Wurzeln sich ganze Barracuda-Familien tummeln und in dessen Wipfeln Dutzende Pelikane und Fischreiher nisten. Von einem Boot springen wir mit Maske und Schnorchel mitten hinein in die Unterwasserwelt, schwimmen um ein gesunkenes Fischerboot, das sich in ein muschelbewachsenes Riff verwandelt hat, beobachten bunte Fischschwärme und geniessen das erfrischende Nass in der tropischen Hitze. Am Schluss dann ein Glas Planteur, was will man mehr?

Diese Reportage wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsbüro Guadeloupe und Air France

Bilder: Paolo Dutto

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