12. Mai 2018

Zirkusakrobat mit Handicap

Jason Brügger leidet unter einer Ohrenkrankheit, die mit Schwindelattacken einhergeht. Trotzdem ist er als Akrobat erfolgreich. Inzwischen setzt er sich für Hörgeschädigte ein. Im Libanon machte er kürzlich betroffenen Kindern Mut.

Jason Brügger mit Mops im Spagat
Ein spontaner Spagat ist für Jason Brügger überall drin.

«Er muss immer im Mittelpunkt stehen», sagt Jason Brügger, lacht und streichelt seinem Hund Bombo über den Kopf. Dann gibt er ihm ein Küsschen auf die Stirn, bevor der junge Mops wieder durchs Wohnzimmer tollt.

Auf dem internationalen Parkett steht das Herrchen im Mittelpunkt. Spätestens seit 2016, als Jason Brügger bei «Die grössten Schweizer Talente» gewann. Im Jahr darauf schaffte er es ins Finale des deutschen Formats «Das Supertalent». Und immer wieder tritt er in Zirkusmanegen im In- und Ausland auf. Dabei schwebt, turnt und verbiegt sich der Akrobat in schwindelerregender Höhe.

Tatsächlich machte ihm der Schwindel lange zu schaffen, auch heute noch. Der 25-Jährige leidet an einer Erkrankung des Innenohrs, die seinen Gleichgewichtssinn zum Teil massiv beeinträchtigt. «Ganz am Anfang, als ich als Künstler bekannt wurde, wollte ich meine Krankheit nicht thematisieren», sagt er. Man kennt sie zu gut, die emotionalen Geschichten von Castingshowteilnehmern, bei denen am Schluss die unausgesprochene Frage bleibt, ob sie nur aus diesem Grund so weit kamen.

Spontaner Applaus

Das wollte Jason Brügger nicht. Also erwähnte er sein vermeintliches Handicap irgendwann nach seinem Sieg, ganz nebenbei. Inzwischen möchte er darüber sprechen. Vor allem weil er sich nun für andere Betroffene einsetzt. Ende April war er in Zusammenarbeit mit dem Hörgerätehersteller Sonova eine Woche lang im Libanon, in einer Schule in der Nähe von Beirut. Dort werden hörgeschädigte Kinder aus armen Familien unterrichtet.

Der Künstler erzählte den 85 Kindern seine Geschichte, um ihnen Mut zu machen. Eine Dolmetscherin übersetzte seine Worte in Gebärdensprache: «Lasst euch niemals sagen, dass ihr wegen eurer Krankheit etwas nicht erreichen könnt. Ihr seid stark, ihr könnt alles schaffen.» Spontan begannen die Menschen im Saal zu applaudieren, und Jason Brügger bekam Gänsehaut. «Ich werde diesen Moment niemals vergessen», sagt er.

Er sitzt am Esstisch in Allschwil BL bei Wasser mit Zitronenschnitzen und mit Mops Bombo auf dem Schoss. Und erzählt, dass er sich oft gefragt habe, warum gerade sein Gehör und dadurch sein Gleichgewichtssinn beeinträchtigt ist. «Doch als ich die Kinder im Libanon sah, bekam ich fast ein schlechtes Gewissen. Ihnen geht es viel schlechter als mir.»

Da waren drei Schwestern aus Syrien, die durch eine Bombenexplosion einen Teil ihres Gehörs verloren haben. «Eins der Mädchen hört sogar gar nichts mehr. Als wir ihr Hörvermögen testeten, begann sie heftig zu weinen.» Doch es gab auch schöne Momente, etwa, als er mit den Kindern einen Zirkusworkshop machte und sie dabei immer mutiger und ausgelassener wurden.

Tinnitus aus dem Nichts

Jason Brügger war die ersten 18 Jahre seines Lebens kerngesund. Aus dem Nichts bekam er während der Matur einen Tinnitus auf dem rechten Ohr, der auch nach einer Woche nicht verschwand. Ein Arztbesuch war wenig hilfreich. Der Arzt war der Meinung, der Tinnitus sei stressbedingt und ginge vorüber. Damals wohnte Jason Brügger mit seinen drei Geschwistern bei den Eltern Nathalie und Lukas. Nach der erfolgreich bestandenen Matur wurde der junge Mann an einer renommierten Zirkusschule in Kanada angenommen.

Sein Leiden wurde dort nicht besser, im Gegenteil, der Tinnitus machte sich nun auch im anderen Ohr bemerkbar. Dazu kamen regelmässig Schwindelattacken. «Ich konnte nicht einmal mehr gehen und musste mich auf allen vieren fortbewegen.» Er hörte sehr schlecht und begann, sich von den Mitschülern zu isolieren. Im Abschlussjahr wurden die Beschwerden so schlimm, dass Jason Brügger in die Schweiz zurückkehrte, um sich verschiedenen Untersuchungen zu unterziehen.

Nach tagelangen Tests hatte er endlich eine Diagnose: Morbus Menière, eine Erkrankung des Innenohrs. «Ich war so erleichtert, als ich endlich wusste, was ich habe», sagt er. Hörgeräte verbesserten seine Lebensqualität erheblich. Und Medikamente, die den Schwindel reduzierten. Trotzdem: Zu diesem Zeitpunkt konnte Jason Brügger, der Akrobat, nicht einmal mehr auf einem Bein stehen. «Ich musste lernen, das Gleichgewicht wiederzufinden. Es war hart, ich bin in Tische gelaufen, umgefallen, ich hatte überhaupt kein Gefühl mehr für die Balance.»

Der Druck war gross. Denn die Abschlussprüfung stand an, eine Akrobatiknummer vor allen wichtigen Leuten aus dem Zirkusbusiness. Als Schüler arbeitet man drei Jahre lang auf diesen Moment hin. Und Jason Brügger beherrschte kurz davor gar nichts mehr. Dank eisernen Trainings und mithilfe der Medizin schaffte er die Abschlussprüfung. «Sagen wir es so: Ich habe mich zwar miserabel gefühlt, aber ich habe es geschafft.»

Angst, den Job zu verlieren

Nach dem Abschluss erhielt er eine Stelle beim Circus Monti. Es kam vor, dass er während eines Auftritts eine Attacke hatte, in bis zu 15 Metern Höhe – ungesichert. «Alles hat sich gedreht. Und ich habe es im Nachhinein niemandem gesagt, aus Angst, meinen Job zu verlieren oder keine Aufträge mehr zu bekommen.»

Heute ist Jason Brügger vernünftiger. Die Attacken sind seltener geworden, er weiss, dass seine Karriere nicht an einem seidenen Faden hängt. Er kann seinen Beruf ohne Weiteres ausüben. «Wenn es normal ist», er formt mit den Fingern Gänsefüsschen in der Luft, «dann höre ich einfach weniger gut und habe einen Tinnitus». Die letzte Attacke hatte er im vergangenen Jahr, als er mit dem Circus Knie auf Tournee war. Da sagte er den Verantwortlichen, dass ein Auftritt heute nicht möglich sei. Sie hatten Verständnis für ihn.

Dank seiner Krankheit schätze er Dinge, die für andere selbstverständlich sind: Gespräche führen, mit Bombo spielen und überhaupt: arbeiten. Momentan schreibt Jason Brügger an einem Buch, es erscheint im September. Ist es eine Autobiografie? «Irgendwie schon. Es geht darum, zu zeigen, dass es sich lohnt, für seine Träume und Ziele zu kämpfen.»

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