09. März 2020

Zeki, jetzt gehts um die Wurst ...

Zeki ist einer der grössten Internetstars der Schweiz. Ein Gespräch, in dem es um Witz, Mobbing und um die Wurst geht – die Sucuk, die er selbst lanciert hat.

Zeki mit Heiligenschein aus Sucuk
Mal Engeli, mal Tüüfeli: Zeki Bulgurcu (30) versteht es, in verschiedene Rollen zu schlüpfen.
Lesezeit 9 Minuten

Wo verstehst du keinen Spass?
Ein schwieriges Thema bei mir (lacht). Ich bin ein Mensch, der in allen Situationen den Witz sucht. Mit mir ein ernstes Gespräch zu führen, ist manchmal fast unmöglich. In der Öffentlichkeit mache ich über Themen wie Religion oder Politik keine Witze.


Warum?
Es reizt mich nicht, weil es mich selber zu wenig bewegt. Zudem ziehen diese Themen oft einen Shitstorm nach sich, und darauf habe ich keinen Bock.


Gibt es Momente, in denen du ernst bist?
Selten. Wer viel mit mir unterwegs ist, weiss, dass ich jeder Situation ein bisschen Comedy abgewinnen kann. Ich weiss nicht, warum das bei mir so ist. Es ist vielleicht angeboren. Diese Eigenschaft hat auch schon zu kritischen Momenten geführt, ich hatte schon oft in einer Beziehung Streit deswegen. Aber es gibt schon auch ernste Momente.


Die Internet-Schweiz kennt dich als humorvollen Zeki. Wer kennt die ernste Version?
Meine besten Kollegen und meine Eltern. Der engste Kreis.


Wissen deine Eltern, was du im Internet tust?
Sie hatten lange gar keine Ahnung. Ich kam nach der Arbeit nach Hause, ging sofort ins Zimmer und setzte mich an den Laptop. Bis ich irgendwann meinen Job gekündigt habe. Dann sahen sie mich in der Zeitung und im Fernsehen, und da wurde es ihnen langsam klar.


Zeki ist in seinem Mercedes-AMG zum Termin gekommen. «Läuft bei ihm», denken Fussgänger vielleicht, wenn er an ihnen vorbeifährt. Und ja, es läuft bei ihm: Seit Jahren ist er einer der grössten Internetstars der Schweiz. 357000 Abonnenten hat er auf seinem Instagram-Account «zekisworld», 822000 sind es auf der 2013 von ihm gegründeten Seite «swissmeme». Zum Vergleich: Die in der Schweiz und in Deutschland erfolgreiche Komödiantin Hazel Brugger hat 216000 Abonnenten. Ein überraschend ruhiger Zeki ist aus dem Auto ausgestiegen. Er sei ein wenig müde. Bis zwei Uhr nachts habe er gestern am Laptop gearbeitet.


Was tust du im Internet?
Das ist facettenreich. Ich drehe Videos und stelle sie online. Darin thematisiere ich Klischees über Schweizer und Ausländer, oder ich spiele die Leiden verschiedener Berufsleute nach. Zusätzlich gestalte ich Memes, das sind lustige Bilder mit Sprüchen auf Schweizerdeutsch. Und ich drehe Werbespots für den Sender 3+. Ich nenne es massentaugliche Comedy.


Du bist als Türke in der Schweiz aufgewachsen. Wie war das?
Im Grossen und Ganzen unbeschwert. In der Kindheit hatte ich schon manchmal Schwierigkeiten, ich wurde aufgrund meiner Herkunft beleidigt. Typische Pausenplatzsprüche halt. Als Kind hat mich das mitgenommen, aber irgendwann hat es mich nicht mehr berührt. Mobbing war damals noch nicht so schlimm wie heute. Jetzt wird über Snapchat gemobbt, oder es werden in Chats Videos herumgeschickt. Das gab es bei uns damals nicht. Ich würde auch nicht sagen, dass ich richtig gemobbt wurde. Aber es war blöd.


Aus deiner Einwandererbiografie lassen sich wunderbar Witze generieren. Das ist ein grosser Teil deines Erfolgs. Wann hast du das gemerkt?
Der Albaner Bendrit Bajra war ein Vorreiter, er wird heute noch vielen bekannt sein. Ich hatte mit Memes begonnen, und irgendwann habe ich mit ihm zusammen Videos über Schweizer-Ausländer-Klischees gedreht. Ich glaube, die Leute haben sich verstanden gefühlt. Egal, ob Schweizer oder Ausländer – wir haben mit den Videos alle abgeholt.


Im Sommer veröffentlichte Zeki ein Video, in dem er einmal als Schweizer Vater und einmal als ausländischer Vater der Tochter das Schwimmen beibringt. Der Schweizer bläst zuerst fürsorglich die Flügeli auf und begleitet dann jede Bewegung der Tochter mit unterstützender Hand, bis sie schliesslich frei davonschwimmt. Schnitt. Das Stück «I believe I can fly» erklingt, und Zeki – als Ausländer in Unterhemd und Trainerhosen gekleidet – wirft die Tochter kurzerhand in den See. «Dieses Video ging voll ab», erinnert er sich. 171149-mal wurde es aufgerufen, 421-mal kommentiert. User schreiben: «So han ich schwimme glernt», und meinen damit die ausländische Version. Zeki hatte wieder einmal einen Nerv getroffen.


Wo sind Schweizer sonst noch anders als Ausländer?
Natürlich in der Pünktlichkeit. Sagt der Sanitär in der Schweiz, er komme um zwei Uhr, ist er dann da. In der Türkei kommt er vielleicht um drei Uhr. Die Gastfreundlichkeit hingegen ist in der Schweiz nicht so grossartig wie in anderen Ländern. Wenn man das hier jemandem sagt, heisst es sofort, dass das nicht stimme. Aber mir fällt schon auf, wie herzlich man anderswo empfangen wird. In der Schweiz fehlt diese Wärme. Schön ist, dass man sich hier entfalten kann,
das gibt es auch nicht überall.


Reist du oft in die Türkei?
Momentan nicht. Ich habe derzeit Probleme mit dem Militär (lacht). Hier in der Schweiz habe ich zwar die RS gemacht, ich bekomme von dort aber noch immer Einladungen. Wenn ich einreise, besteht die Gefahr, dass ich zum Militär eingezogen werde.


Wo bist du mehr Schweizer?
Gute Frage …


Du bist überpünktlich zum Interview erschienen.
Stimmt, Pünktlichkeit ist mir sehr wichtig. Ich versuche, immer zu früh irgendwo zu sein. Und natürlich in der Sprache: Ich spreche immer Schweizerdeutsch. Türkisch spreche ich viel weniger. Ausserdem trenne ich Abfall: Glas zu Glas, Karton zu Karton. Ich habe sogar einen Abfallkalender zu Hause und orientiere mich daran. Mein Alltag ist sehr schweizerisch.


Ausser beim Essen. Deine Lieblingswurst ist Sucuk. Du hast Lieder darüber gesungen, produzierst deine eigene Sucuk und verkaufst sie in der Migros. Wie ist das passiert?
Ich bin mit dieser orientalischen Wurst aufgewachsen. Jedes Kind aus der Türkei oder vom Balkan kennt sie. Doch wenn man sie kaufen wollte, musste man immer ein türkisches Lädeli oder deutsche Supermärkte aufsuchen. Bei den grossen Schweizer Detailhändlern fand man sie bis vor Kurzem nicht. Ich liebe diese Wurst, das konnte doch nicht sein.


Schon lange macht Zeki die Sucuk zu einem Hype. In zahlreichen Videos und Memes geht es um die Wurst. Seine Follower feiern es. Also dachte er sich eines Tages: Warum mache ich nicht meine eigene? Es sei keine durchgeplante Marketingstrategie gewesen. Der Internetstar ist relativ spontan bei einer Schweizer Metzgerei mit der Idee vorstellig geworden. Dort fand man erst, dass der Markt gesättigt sei. Zeki fand: Aber nicht mit Sucuk. Wienerli gibt es in vielen Varianten, ja. Aber Sucuk? Die Metzgerei liess sich überzeugen. Auch die Migros war schnell mit im Boot. Zuerst war die Wurst ausschliesslich in der Migros Basel erhältlich, nun gibt es sie auch in den Zürcher Filialen. Zum Start veröffentlichte Zeki einen Song namens «Sucuk» mit dem Schweizer Rapper Effe – inklusive Videoclip, in dem mit der Wurst spasseshalber wie mit Drogen gehandelt wird und schöne Frauen Ketten aus Wursträdchen tragen.


Was ist an der Sucuk so gut?
Ich liebe den natürlichen Geschmack und mag keinen Industriegeschmack. Meine Sucuk besteht aus Qualitätsfleisch aus der Ostschweiz. Das schmeckt man auch.


Du weisst aber schon, wie sehr die Schweizer an ihrer Cervelat hängen?
Klar, aber es gibt ja nicht nur Schweizer in der Schweiz. Natürlich ist mir trotzdem wichtig, dass wir auch die Schweizerinnen und Schweizer abholen. Die Resonanz ist bis jetzt sehr gut. Viele Schweizer schreiben mir, dass sie die Wurst superfein finden. Das macht mich glücklich.


Hast du einen Rezepttipp?
Es gibt viele Möglichkeiten, Sucuk zuzubereiten: Mit Ei, mit Toast, roh, gegrillt. Mein persönlicher Favorit ist Sucuk mit Spiegelei. Das geht so: Sucuk in Scheiben schneiden, in die Pfanne damit, und dann das Ei darüber.


Zeki hält sich Daumen und Zeigefinger zum Mund, er stockt kurz: «Wie sagt man? Ach ja: ein Schmaus!» Er küsst seine Finger und lacht dann das typische Zeki-Lachen, das man aus seinen Videos kennt. Sie sind so beliebt, dass er 2019 für den Swiss Comedy Award nominiert war. Vor der Preisverleihung sagte er, dass er eine grosse Sucuk-Grillparty veranstalte, wenn er gewinne. Und es passierte: Zeki wurde für die beste Online-Comedy ausgezeichnet.


Findet die Sucuk-Grillparty statt?
Zuerst war es nur ein Spass. Aber die Leute haben extrem darauf reagiert. In dem Moment habe ich realisiert: Okay, es wird ernst. Ich habe live im Schweizer Fernsehen verkündet: «Wir machen eine Grillparty und brauchen nur noch jemanden, der den Härdöpfelsalat mitbringt.» Momentan organisieren wir alles, ich hoffe, dass wir es hinkriegen.


Was kannst du über die Party schon verraten?
Wir haben bereits eine Location. Mehr will ich nicht sagen, bevor alles fix ist.

Zeki


Bist du auch sonst jemand, der seine Versprechen hält?
Im Privaten schon, ich bin ein zuverlässiger Typ. Beruflich verspreche ich nicht viel, ich mache einfach. Im Voraus rede ich nicht gross darüber.


Hast du Angst, dass du etwas nicht einhalten kannst?
Wenn man etwas ankündigt, bekommt man automatisch Druck. Darauf kann ich verzichten.


Gibt es etwas in deinem Leben, das du bereust?
(Überlegt lange.) Ich bin zu oft umgezogen und hätte die Wohnungen besser prüfen sollen. Vor dem Umzug habe ich nie richtig abgecheckt, wo ich hinziehe. Ein Jahr lang habe ich in Rapperswil gelebt – nichts Schlechtes über Rapperswil, es ist megaschön dort –, aber die Wohnung war direkt an der Hauptstrasse, es war sehr lärmig. Sonst bereue ich nicht viel. Vielleicht, dass ich nicht früher angefangen habe mit dem Internetzeugs.


Was hat dich daran gehindert?
Lange war ich im Detailhandel tätig, zehn Jahre lang, inklusive Lehre. Ich war sehr bequem in dieser Zeit und änderte nichts, dabei war ich sehr unzufrieden. Dieser Beruf war nicht meiner. Anderen gefällt er vielleicht besser.

Ich glaube, so etwas wird es in der Schweiz nie wieder geben.


Hättest du dir damals gedacht, dass mal dein eigenes Produkt über die Ladentheke geht?
Niemals, das hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erwartet. Aber ich bin auch sehr ehrgeizig, in dem, was ich tue. Das war wohl das Ausschlaggebende für meinen Erfolg.


Bist du stolz?
Absolut. Ich glaube, so etwas wird es in der Schweiz nie wieder geben. Einen solchen Aufstieg mit Social Media, meine ich. Ich bin stolz, dass ich einiges richtig gemacht habe, will das aber nicht an die grosse Glocke hängen, sondern bin froh, wenn die Leute an meinen Witzen Freude haben.


Deine Zielgruppe sind junge Menschen, die manchmal keinen Bock haben, in den Lehrbetrieb zu pendeln und zu arbeiten – was rätst du ihnen?
Dranbleiben und durchziehen. Das Wichtigste ist, die Lehre abzuschliessen. Und wenn man ein Hobby hat, kann man das auch später noch verfolgen. Auch nach der Lehre würde ich erst einmal arbeiten, bevor man ganz auf das Hobby setzt.


Was ist das für eine Generation, die dir folgt?
Eine Social-Media-affine Generation, Als ich ein Teenager war – heute bin ich 30 – hatten wir gerade mal MSN Messenger, waren viel mehr offline, nicht immer erreichbar und haben noch SMS geschrieben. Social Media hat sehr viel verändert, im Positiven wie im Negativen. Man ist zwar immer erreichbar, aber die ständige Erreichbarkeit hat auch negative Folgen. In einer Beziehung zum Beispiel: Wieso ist er online? Schreibt er anderen Frauen? Das ist wie Gift. Diese Generation ist auf vielen Plattformen unterwegs: Instagram, Snapchat, Tiktok, und es werden immer mehr.


Warum funktioniert deine Comedy, obwohl du nicht zu dieser Generation gehörst?
Ich glaube, mein Humor ist massentauglich. Mit meinen Videos kann ich ein Kind, aber auch eine ältere Person begeistern. Weil sie nicht zu kompliziert sind.


Finden deine Eltern, du könntest langsam eine Familie gründen?
Absolut! Aber ich habe gerade eine dreijährige Beziehung hinter mir, das ist kein Thema für mich. Sie fragen mich immer wieder: «Wenn chömed Chinder?» Und ich denke mir: Kolleg, reg mich nöd uf. Ich verfolge dieses Ziel nicht. Der klassische Verlauf von Frau finden, Haus bauen, heiraten, Kinder machen und sterben – das reizt mich nicht.


Was denn dann?
Reisen und neue Dinge erleben. Karriere machen. Mich selber finden, die Welt sehen, und dann vielleicht irgendwann mal ruhiger werden.


Wir sind am Ende mit den Fragen. «Am Ende? Ich auch, total», sagt Zeki. Er kann halt nie ganz ernst.

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