27. März 2019

Zeig mir dein Heim, und ich sage dir …

Sie leben in einem Haus, das an einen Schokokuss an der Sonne erinnert, in einem ausrangierten Postauto oder in einem Ufo. Mag irr klingen, aber was Alltag ist, wird normal.

DAS SCHOKOKUSSHAUS
Robert Dubler (72), Rundhaus in Waltenschwil AG

Schokokusshaus

Die abgerundeten Fenster seines Hauses erinnern an die Schokoköpfe, die Robert Dubler nur einen Steinwurf von seinem Zuhause entfernt produziert. Inspiration für Dublers Daheim waren die Erdhäuser des Architekten Peter Vetsch. Ein solches Haus, das aussieht, als wäre es organisch gewachsen, Rundung an Rundung, nur wenige Ecken und Kanten, wollte er auch. Er baute es im aargauischen Waltenschwil, eingebettet zwischen seinem Elternhaus und der Süssigkeitenfabrik, die sein Vater 1954 in Betrieb genommen hatte.

Zwei Jahre lang arbeitete er zusammen mit einem Maurer und einem Eisenleger am Haus. Zog den Beton hoch, isolierte die Fassade mit einem Polyurethanschaum, formte mit den Händen einen runden Cheminéesims, mauerte im Obergeschoss für die Badewanne ein Podest. Damit nach draussen schauen kann, wer darin sitzt. Dabei wuchert die Natur im Haus grad so üppig wie davor: Im Wohnzimmer stehen Sukkulenten vor den raumhohen Fenstern, aus einem Betontrog klettert ein Immergrün die runden Wände hoch und im ersten Stock reckt eine Palme ihre Wedel bis unters Dach.

Das Haus von innen

Der 72-Jährige mit dem langen, grauen Zopf und dem Seehundschnauz wohnt allein im runden Haus. Die Einrichtung ist reduziert. Im Wohnzimmer steht statt einer Sofalandschaft ein Billardtisch. Es gibt weder Sideboards noch Bücherregale. Aber in jedem Zimmer, auf nahezu jeder Treppenstufe Kuriositäten, Sammlerstücke, Skulpturen. Über dem Cheminée hängt ein ausladender Stierkopf mit goldfarbenen Locken. «Den hat Bruno Weber gemacht», sagt Dubler. An der Wand gegenüber prangen Eulen, Maria Anna Weber, eine Künstlerin wie ihr verstorbener Mann, setzte sie aus vielen Glassteinchen zusammen. Die beiden archaisch anmutenden Barhocker in der Küche und die runden Glasmosaikfenster im Wohnzimmer sind Geschenke von Gästen, die vor Jahren ein paar Wochen im Dublerschen Anwesen zu Besuch waren. Die Hocker fräste ein Steirer mit der Kettensäge, die Glasfenster fertigte ein Spanier. Stückchen um Stückchen liess er nach einem ausgeklügelten System farbige Scherben zwischen zwei Glasscheiben fallen und so ein Bild entstehen.

Robert Dubler


Katzen, Eisbär und Ledersofa
Die Terracotta-Katzen, die zwischen Kakteen faulenzen, die Karusselpferdchen im Wohnzimmer, die Fuchsfelle über dem Treppengeländer, der Eisbärkopf, der in der Garderobe zwischen bodenlangen Mänteln hervorblitzt, all diese Trouvaillen trug Paula Dubler zusammen, die verstorbene Hausherrin. Und die beiden Altmetallskulpturen, eine thront auf der Küchentheke, die andere flankiert das in die Jahre gekommene Ledersofa, setzte Dublers Sohn zusammen; er weidete dafür ein Töffli aus.

Ausser an der Fassade, wenn es Sturmschäden zu reparieren gibt, legt Dubler nirgends Hand an. Ihm ist wohl im Interieur, das seit Jahren ­unverändert ist. Das Einzige, was er neu angeschafft hat, ist das Jacuzzi im Garten. Vor Kurzem sass er in stockdunkler Nacht im Zuber, Dampf stieg auf, Schneeflocken fielen vom Himmel. Er blickte zur Fabrik. Im Dachgeschoss brannte Licht. Dort wohnt Amanda, seine zweite Frau. Sie hat sich über der Produktionshalle eine eigene Wohnung eingerichtet. Dubler seufzte. Das warme Wasser hatte ihn müde gemacht. Bald würde er ins Bett schlüpfen; dabei könnte er die ganze Nacht Lärm machen – wenn er denn wollte.

DAS EMMENTALER BAUERNHAUS
in Trub BE

EMMENTALER BAUERNHAUS

Das Haus
Alter gut 200 Jahre
Parterre und 1. Stock9 ½ Zimmer, 200 m2
2. Stock 4 ½ Zimmer, 120 m2
Keller Lebensmittellager, Honigschleuder und -lager
Spycher Geräte- und Gerümpelschuppen, Werkstatt, Garage

Die Bewohner
Parterre und 1. Stock
Anne Flückiger (43), Familienfrau, Helikoptermechanikerin, Maschineningenieurin, Michael Flückiger (51), Elektroingenieur, Flugunfalluntersuchungsleiter mit Matthias (6), Rebecca (4), Noémie (18 Monate) sowie Schäferhund Hades (6) und Kater Chili (9); im Haus seit November 2016
2. Stock
Suzanne (75) und Rodolphe Gigon (83), Annes Eltern, mit Mops Ginkgo (10), im Haus seit 2018


Energie-Selbstversorgung: Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach, Stückgutheizung im Haus, Holz aus dem eigenen Wald, Holzherd in der Küche, eigene Wasserquellen


Garten: Kräuter, Erdbeeren, Lauch, Rüebli, Kartoffeln, Radiesli, Salat, Mais, Kürbis, Zucchetti, Gurken, Kohlrabi … Die Migros brauchts trotzdem.

Geranien: Das Verhältnis der Bewohner dazu ist ambivalent. Ihre Daumen sind noch nicht so grün. Sie geben sich Mühe, dass es «ä Gattig macht».

17 Alpakas: Sind die Leidenschaft von Flückigers. Aus der Wolle werden Bettwaren hergestellt.

Kinderbuch: Das Bauernhaus diente Ferdinand Steenaerts als Vorlage für eine Zeichnung im Buch «Der Bueb vom Trueb» . Die Gemeinde Trub schenkt das Buch Eltern zur Geburt eines Sohnes. Wirds ein Meitschi, gibt es das Buch «Sonnegg-Liseli»
von demselben Autor.

BEIM LUFTIBUS
Manfred Hunziker (80), 22. Stock, Zürich

im Hochhaus

Manfred Hunziker, wie gefällt es Ihnen hier oben?
Wunderbar. Es ist mir wichtig, in der Höhe zu leben. Mein Hobby ist das Bergsteigen. Ich habe gern einen weiten Blick. Früher wohnte ich im Gebäude nebenan im 14. Stock. Dann wurde der Westlink-Tower gebaut, und ich wusste: Da will ich hin.

Es hat geklappt.
Vor anderthalb Jahren konnte ich in den 22. Stock einziehen. Die 65-Quadratmeter-Wohnung kostet mich 3200 Franken Miete im Monat. Je höher, desto teurer. Ich bin alleinstehend und habe keine Nachkommen, es ist etwas, das ich mir leiste.

Wie viele Stunden am Tag schauen Sie aus dem Fenster?
Es ist schon nicht so, dass ich nichts anderes mache, als die Aussicht zu geniessen. Obwohl der Blick auf die Berge einmalig ist. Schön ist auch zu beobachten, wie die Züge in den Hauptbahnhof einfahren. Ich sehe zudem aufs Letzigrund-Stadion. Neulich spielte der FC Zürich gegen den FC Luzern, da konnte ich an der Anzeigetafel ablesen, dass Luzern 1 : 0 führte.

Sie konnten das ablesen?
Als Alpinist habe ich natürlich einen Feldstecher zu Hause.

Könnten Sie sich vorstellen, einmal im Parterre zu wohnen?
Nur wenn es unbedingt sein müsste. Es ist nicht so, dass ich Panik bekäme. Aber wenn ich das vermeiden kann, freut es mich.

FESTGEFAHREN
Kolja Farjon (70), Zug

Kolja Farjons Haus

Abends leuchtet warmes Licht aus dem Innern des Postautos in das lichte Wäldchen, das die Zuger Lorze säumt. Spaziergänger, die den Uferweg entlang bummeln und vor dem gelben Bus stehen bleiben, sehen hinter den Scheiben einen Mann mit grauer Mähne, Kolja Farjon. Seit zwölf Jahren wohnt der Holländer im Postauto, Baujahr 1968. Parkiert ist es in einem Zuger Aussenquartier. «Zugerberg hell» steht auf dem Plakat hinter der Windschutzscheibe. Neben der Vordertür ist ein Bienenhotel platziert, auf einer Stange thront ein Vogelhäuschen, an einem Baum ist ein Briefkasten befestigt.


Einen symbolischen Franken hat Farjon der Post für den Bus bezahlt, hergefahren hat ihn ein Freund, Farjon besitzt keinen Führerschein. Zwei Monate lang baute er das Transportmittel zum Zuhause um. Im vorderen Teil richtete er ein Esszimmer ein, mit Holztisch, zwei Holzstühlen, zwei kunstledernen Bussitzen. Er zimmerte eine Küchenzeile mit Kochherd, Kühlschrank, Waschmaschine, Gas- und Elektroofen. Darüber schraubte er ein Regal für Geschirr und Pfannen. Hinten im Heck richtete er das Schlafzimmer ein, eine grosse Koje mit Aussicht in die Natur und auf das Toilettenhäuschen, das die Stadt Zug hingestellt hat. Für die Morgentoilette steht Farjon in eine der hinteren Türnischen, wo er eine Dusche montiert hat. Im Sommer rieselt das Wasser bei offener Tür über Kopf und Körper, «ein Gefühl wie im Paradies», sagt Kolja Farjon.

Postauto-Heim


In einer Wohnung hat der Senior nie gewohnt. Während all den Jahren, die er als Archäologe und Grabungsleiter in der Westschweiz, im Wallis und im Kanton Zug gearbeitet hatte, waren Zelte und Bauwagen sein Daheim. In jungen Jahren, als er in Frankreich nahe der Schweizer Grenze lebte, hatte Farjon eine Ziegenherde mit zwölf Geissen, einem Bock und «einem Hund, der den Hirtenjob praktisch allein gemacht hat. Sagte ich ihm: Geh, hol mir Sylvie, kam er mit Ziege Sylvie angetrottet.» Eine Hundehütte steht noch heute vor dem Bus, doch sie ist unbewohnt, der Hund ist überfahren worden.


Biotopia nennt der Senior mit der wilden Frisur sein Daheim. Doch ein Biotop nach seinem Gusto ist es nicht. «Alles zu gepützelt hier», sagt er. «Als ich 1990 zum ersten Mal nach Zug kam, glaubte ich, die Wälder würden mit dem Besen gefegt, so sauber waren sie.» Deshalb wird er im Frühling wie jedes Jahr vor seinem Postauto Wildwuchs heranziehen, mit unterschiedlichsten Pflanzen, die er in die Erde setzt. Er sehnt sich nach den langen Tagen, nach Wärme und nach den Kohlmeisen, denen er helfen wird, die hungrige Jungmannschaft durchzufüttern. Mit Mehlwürmern, die er auf die Handfläche legt. Die Kinder aus den benachbarten Wohnblöcken ­werden zuschauen, wie die Vögel das Futter aus seiner Hand picken.

IM UFO DAHEIM
Frédéric und Cécile Riat, Moudon VD

im Ufo


Was ist das Besondere an einem Domespace?
Es hat die Form einer Halbkugel. Das Konzept stammt aus der Bretagne, wurde in der Schweiz aber komplett umgestaltet. Statt in Quadratmeter ist das Haus in Kuchenstücke aufgeteilt: Wir durften wählen, wie viele Stücke wir jedem Raum zuordnen möchten. Es besteht zu 95 % aus Holz und liegt auf einer runden, von einem Betonsockel getragenen Schiene, dank der es sich um sich selbst drehen kann.

Seit wann wohnen Sie so? 
Seit dem 1. April 2012 – und das ist kein Aprilscherz! Zunächst sorgte unser rundes Haus für viel Neugier, mittlerweile haben sich die Leute daran gewöhnt.

Welche Vorteile hat es?
Da es drehbar ist, können wir nach Belieben die Sonne in einen Raum hineinscheinen lassen oder uns von ihr abwenden.

Und die Nachteile?
Es ist vor allem eine Frage der Anpassung. Da es keine Ecken gibt, mussten wir all unsere Möbel umbauen.

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