20. April 2018

Zeichen setzen gegen Ausgrenzung

Fachstellen registrieren eine Zunahme von Rassismusvorfällen – vor allem am Arbeitsplatz und in der Schule. Für Martine Brunschwig Graf, Präsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, ist Wegschauen keine Lösung.

Eine Kaktus-Gruppe grenzt einen einzelnen Kaktus aus
Nicht dazugehören: Oft entscheiden schon äussere Merkmale.
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Lehrling X absolviert seine Ausbildung bei einem privaten Pflegedienst. Aufgrund seiner Herkunft und Hautfarbe kommt es immer wieder zu rassistischen Beleidigungen durch die Patienten. Manche wollen sich nicht von ihm anfassen lassen. Der junge Mann überlegt, seine Lehre abzubrechen.

Fälle wie dieser sind Alltag bei Rassismus-Anlaufstellen. 2017 wurden in der Schweiz 301 Vorfälle gemeldet – im Vorjahr waren es noch 199. Das heisse aber nicht, dass die Gesellschaft rassistischer geworden sei, sagt Martine Brunschwig Graf. Die Präsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) betont, dass die Zunahme an registrierten Fällen verschiedene Gründe haben kann. Dazu zählt der positive Umstand, dass die Bevölkerung Rassismus als Problem erkennt und zur Sprache bringt.

Wie reagierst du, wenn du Zeuge/Zeugin von Rassismus wirst?

Laut EKR-Bericht ereignen sich rassistische Vorfälle am häufigsten am Arbeitsplatz und in der Schule. Es sei wichtig, die Gesellschaft zu sensibilisieren, sagt Brunschwig Graf. Als gutes Beispiel geht der Kanton Wallis voran: Im März hat er eine Kampagne gegen Rassismus am Arbeitsplatz ins Leben gerufen. Dazu ist ein Leitfaden mit Fallbeispielen erarbeitet worden.

Eine wichtige Rolle spielt laut Brunschwig Graf die Politik: «In den USA kommt es vermehrt zu rassistischen Akten, weil der Präsident nicht eindeutig gegen Rassismus Stellung bezieht.» Auch in der Schweiz sollten sich alle Parteien «klar von Rassismus distanzieren und keine ambivalenten Bilder verwenden».

Viele Menschen sagen Dinge, ohne sich bewusst zu sein, dass sie jemanden verletzen können

Martine Brunschwig Graf
Martine Brunschwig Graf (68), ist Präsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus.

Wie äussert sich Rassismus am
Arbeitsplatz?

Durch verletzende Bemerkungen, aber auch durch das Gefühl, ausgeschlossen zu werden, nicht die gleichen Rechte wie andere zu haben. Ein typisches Beispiel sind schlechte Witze. Viele Menschen sagen Dinge, ohne sich bewusst zu sein, dass sie 
damit jemanden verletzen können, und den Arbeitgebern ist oftmals nicht klar, was alles passiert. Wenn das Thema diskutiert wird, entsteht schnell ein stärkeres Bewusstsein.

Welche Rolle spielt die Integration?

Integration ist wichtig, aber sie reicht nicht – weil eben auch sehr gut integrierte Schweizer von Rassismus betroffen sein können, wenn sie dunkelhäutig sind, anders sprechen oder einer anderen Religion angehören. In der Schweiz leben seit Jahrhunderten Juden. Noch heute sind sie mit Rassismus konfrontiert.

Dunkelhäutige Menschen sind am häufigsten von Rassismus betroffen. Warum?

Eine andere Hautfarbe fällt sofort auf, schneller als eine andere Sprache oder eine andere Religion. Ausserdem spielen viele unbewusste Vorurteile eine Rolle. Hinzu kommt die Pauschalisierung: Wenn ein dunkelhäutiger Mensch Probleme mit dem Gesetz hat, wird schnell auf alle dunkelhäutigen Menschen geschlossen.

Auch an Schulen kommt es zu rassistischen Vorfällen. Wird das Thema dort zu wenig diskutiert?

Diskriminierung in der Schule kommt nicht nur im Zusammenhang mit Rassismus vor. Auch dicke Kinder leiden darunter. Besonders problematisch ist es, wenn die involvierten Personen schweigen: die Kinder, weil sie Angst haben, die Eltern, weil sie fürchten, dass ihr Kind dadurch in der Schule noch mehr Probleme haben wird.

Müssten Lehrpersonen stärker sensibilisiert werden?

Ich denke, dass man in der Aus- und Fortbildung noch mehr in dieses Thema investieren kann. Es reicht nicht, die Theorie zu vermitteln. Man muss das Thema intensiv angehen: Was tut man, wenn es zu rassistischen Vorfällen kommt? Was ist das Werkzeug? Wie bespricht man das Problem mit dem Kind, den Eltern, der Klasse? Welche Lehren zieht man aus den Vorfällen?

Den Kopf wegdrehen und nichts tun ist keine Lösung

Braucht es Anpassungen auf Gesetzesebene?

Das Strafgesetz genügt nicht. Es braucht zivilrechtliche Schritte, da Rassismus und Diskriminierung im Alltag vorkommen. Bis jetzt gibt es jedoch noch keine Massnahmen, die Diskriminierung direkt behandeln. Es ist aber auch oft schwierig, diskriminierende Vorfälle zu beweisen.

Wie helfen Sie den betroffenen Menschen?

Die Beratungsstellen können viele Probleme lösen, ohne den oft teuren und komplizierten Weg übers Gericht zu wählen. Eine mögliche Alternative ist ein Schlichtungsversuch, Mediation oder eine kantonale Ombudsstelle. Beratungsstellen haben nicht nur mit den Opfern Kontakt, sondern auch mit den Institutionen und den Tätern. Indem Vorfälle gemeinsam diskutiert werden, entstehen tragfähige Lösungen für die Zukunft.

Wie geht man vor, wenn man Zeuge von Rassismus wird?

Man kann mit der betroffenen Person sprechen, ihr Unterstützung anbieten, sie an eine Beratungsstelle verweisen. In gravierenden Fällen und bei strafbaren Handlungen sollte man die Polizei einschalten.

Handeln auch Nichtbetroffene?

Im Alltag beobachte ich, dass es mutige Personen gibt. Aber leider nicht immer. Wie gesagt: Das Schweigen ist ein grosses Problem. Dabei gibt es immer eine Möglichkeit, etwas zu sagen und zu tun. Den Kopf wegdrehen und nichts tun ist keine Lösung.

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