12. November 2018

Zehn mutige Ideen «made in Switzerland»

Kühlschränke in der Öffentlichkeit aufstellen, Millenials ins Museum locken und das Auto durch elektrische Lastenvelos ersetzen: Überzeugende Ideen wie diese machen die Schweiz ein bisschen besser. Wir stellen zehn davon und die Menschen dahinter vor.

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Die Gründerinnen von SINGA: Seraina Soldner (links) und Tina Erb (Bild: Simon Tanner)

Singa Factory
«Die nehmen uns doch die Jobs weg!», hört man es am Stammtisch zuweilen poltern, geht es – mal wieder – um Flüchtlinge. Solchen Aussagen nehmen Seraina Soldner und Tina Erb den Wind aus den Segeln: Sie sind die Gründerinnen der SINGA Factory, deren Ziel ist, dass Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund ihr eigenes Unternehmen gründen können. «Viele Geflüchtete haben einen unternehmerischen Hintergrund, finden in der Schweiz aber keine geeignete Stelle», sagt Seraina Soldner. Mit einem eigenen Unternehmen sichern sie sich ein Einkommen und schaffen vielleicht sogar Jobs.

Die erste SINGA-Organisation wurde 2012 in Paris lanciert. Nach ersten Erfolgen in Frankreich und Deutschland haben die beiden Schweizerinnen das Konzept 2016 übernommen und daraufhin ein Start-up-Programm aufgebaut: Sechs Monate lang unterstützen sie die ausländischen Teilnehmenden durch Eins-zu-eins-Mentoring und Kurse zu geschäftsrelevanten Themen.

Inderin gründet Catering
«Der finanzielle Aufwand für so ein Programm ist nicht unerheblich und fliesst vor allem in die Koordination und Organisation», erzählt Soldner. Den grössten Teil des Startkapitals stellte Engagement Migros zur Verfügung – jährlich unterstützt der Förderfonds der Migros Pionierprojekte mit rund 10 bis 15 Millionen Franken. Es ist ein mutiger Weg, den die beiden Gründerinnen zusammen mit den Teilnehmern gehen. Denn Unternehmertum ist mit vielen Risiken verbunden. «Doch wir glauben fest an die Menschen und ihre Projekte.» Wie etwa an die Inderin Smriti Chhabra, die jüngst mithilfe der Unterstützung ihr eigenes Catering-Unternehmen mit Kochkursen gründen konnte. Sie hat bereits erste Aufträge.

Stapferhaus
Was prägt unser Leben? Was beschäftigt das Land, bewegt die Welt? Im Stapferhaus in Lenzburg AG werden grosse Fragen gestellt. Die Ausstellungen des 1960 lancierten Projekts wurden immer erfolgreicher – bald herrschte Platzmangel. «Aus der Not entstand die Idee, dass wir ein neues Haus brauchen», sagt Leiterin Sibylle Lichtensteiger. Denn ohne hätte das Stapferhaus keine Zukunft gehabt. Dank vielseitiger Unterstützung konnte der 24,7-Millionen-Neubau am Bahnhof Lenzburg Ende Oktober eröffnet werden. Das Ziel: auch kulturfernes Publikum ins Haus holen – und Antworten auf die grossen Fragen der Gegenwart finden.

Alenka Bonnard ist Geschäftsleiterin und Co-Founderin vom «staatslabor». (Bild: John Patrick Walder)

Staatslabor
Man kennt es: Täglich tauchen neue Apps, neue Tools, neue Systeme auf – und wie zum Teufel funktionieren die eigentlich alle? In der sich rasant verändernden Umwelt steigt die Komplexität. Doch das gilt nicht nur für die Bürger, sondern auch für öffentliche Verwaltungen. Das Potenzial neuer Technologien wird dort zwar erkannt, aber noch wenig genutzt. Hier setzt das «staatslabor» an: Es bereitet Wissen auf und macht es für die Verwaltungen nutzbar. Es setzt Projekte um, die die Qualität und Bürgernähe öffentlicher Dienstleistungen verbessern.

«In der Schweiz trägt unser zuverlässiges Staatswesen massgeblich zur hohen Lebensqualität bei. Aber Gemeinden, Kantone und der Bund müssen permanent neues Wissen einholen, um aktuelle Herausforderungen anzugehen», erklärt Alenka Bonnard, Geschäftsleiterin und Co-Founderin. 2016 lancierte sie mit einer motivierten Gruppe die Idee, der Innovation im öffentlichen Sektor eine Plattform zu geben. Seit dem vergangenen Jahr kann die Gruppe als gemeinnütziger Verein mit Sitz in Bern ihrer Arbeit nachgehen. Alenka Bonnard findet: «Viel mutiger als wir sind die Leute in den Behörden, mit denen wir arbeiten. Das ‹staatslabor› ist sozusagen der Ort für organisierten Mut.»

Mit einem der elektrischen Cargo-Bikes unterwegs: Sybille Suter (Bild: Emanuel Freudiger)

Carvelo2go
Es ist ein noch eher unbekanntes Verkehrsmittel: das Cargo-Bike, kurz Carvelo. Weil es über einen Elektroantrieb und viel Stauraum verfügt, kann man damit leicht schwere Dinge transportieren. «In der Schweiz lassen sich viele Transportfahrten per Lastenvelo bewältigen. Und dies oft bequemer, schneller und effizienter als mit dem Auto», sagt Sybille Suter von «carvelo2go» mit Überzeugung. Dank der 2015 gegründeten Sharingplattform kann schweizweit jeder ein Carvelo mieten. Bislang haben sich 11 000 Nutzerinnen und Nutzer registriert, in mehr als 50 Gemeinden stehen über 250 Fahrzeuge für sie bereit. Das Ziel: den Menschen den Alltag erleichtern und den Städten eine Antwort auf die immer drängenderen Verkehrsprobleme geben.

(Bild: Mathieu Guirard)

Amuze
Flüstern, bedächtige Schritte und nachdenklich blickende Senioren – so stellen sich Junge den Besuch im Museum zuweilen vor. Diesem Bild will Amuze-Initiantin Danica Zeier entgegenwirken. Gemeinsam mit Engagement Migros stellte sie sich vor zwei Jahren die Frage, wie man die Überalterung der Museumsbesucher angehen könnte. «Damit das klappt, müssen Museen die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen», sagt Zeier. Sie erreichen die Millenials über Instagram, Youtube und Co. Amuze hat bereits Events für verschiedene Museen umgesetzt. «Die Hallen waren voll von Jungen, die zu Musik tanzten und die Werke online mit ihren Freunden teilten.» Zeier und ihr Team beweisen, dass die jungen Leute via Social Media wieder den Weg ins physische
Museum finden.

Leiten das Projekt Madame Frigo: Nina Fassbind (sitzend) und Jana Huwyler. (Bild: Franziska Frutiger)

Madame Frigo Peperoni, Tomaten, Joghurt ... Eigentlich hätte man noch vieles zu Hause. Doch die Pläne ändern sich spontan: Man isst bei Freunden oder im Restaurant oder bestellt beim Chinesen. Die eingekauften Lebensmittel verderben und landen irgendwann im Abfall. Das muss nicht sein, finden Jana Huwyler und Nina Fassbind, Leiterinnen des Projekts Madame Frigo. Die Idee: Kühlschränke in der Öffentlichkeit, in denen man geniessbare Lebensmittel, die selber nicht verwendet werden, anderen kostenlos zur Verfügung stellt.

Das Konzept fand bislang in verschiedenen Städten der Schweiz Anklang. So grossen, dass es die beiden jungen Frauen nun aufs ganze Land ausweiten möchten. Sie wollen damit den Food Waste von Privathaushalten minimieren und für das Thema sensibilisieren. Die Zahlen sprechen für sich: 45 Prozent der Lebensmittelverschwendung in der Schweiz wird von Privathaushalten verursacht. Im Vergleich: Vier Prozent sind es bei Grossverteilern. «Wir haben eine klare Vision und Herzblut. Da kann man viel erreichen», sagt Jana Huwyler.

(Bild: Simon Tanner)

Plateforme10
Wenige Meter vom Bahnhof Lausanne entfernt wird ein Kunstviertel aufgebaut. Die «PLATEFORME10» ist ein gemeinsames Projekt des kantonalen Kunstmuseums MCBA, des Museums für zeitgenössisches Design und Kunstgewerbe mudac und des Fotografiemuseums Musée de l’Elysée. «Wir schaffen Raum für Austausch, Entdeckung, Freizeit und Leben für die Menschen in Lausanne, des Kantons Waadt und der ganzen Schweiz – aber auch für Touristen», sagt Tatyana Franck, Direktorin des Musée de l’Elysée. Das Ziel ist, schon vor dem Projektabschluss im Jahr 2021, den Reichtum der drei Museen auf einer digitalen Plattform zu präsentieren.

Menschen an einen Tisch bringen und gemeinsam die Schweiz formen, in der man leben will – das macht Nora Wilhelm (Mitte) von Collaboratio Helvetica.

Collaboratio Helvetica
Wäre es nicht schön, die Welt wäre ein besserer Ort? «Klar!», wird jeder sagen. Doch was ist eigentlich besser? Wir stehen vor komplexen gesellschaftlichen Herausforderungen wie dem Klimawandel oder zunehmenden sozialen Ungleichheiten. Das Projekt «collaboratio helvetica» will Lösungen für die Schweiz finden: «Wir sind der Meinung, dass jede Bewohnerin und jeder Bewohner dieses Landes einen einzigartigen Beitrag für die Zukunft leisten kann», sagt Nora Wilhelm, Mitgründerin und Projektleiterin. Die Leitfrage lautet: «Wie sieht die Schweiz aus, in der wir gemeinsam leben wollen?» Für die Suche nach Antworten bietet «collaboratio helvetica» als Plattform Räume für Dialog und testet neue Formen der Zusammenarbeit.

(Bild: Simon Tanner)

Ethix
Technisch ist heute vieles möglich – doch nicht immer ist das Mögliche auch moralisch vertretbar. Gemeinsam mit Start­ups entwickelt das Pionierprojekt deshalb Instrumente zur Beurteilung von ethischen und gesellschaftlichen Fragen und unterstützt sie darin, sich als verantwortungsvolle Unternehmen zu positionieren. «Wir haben das Ziel, nicht nur einen Beitrag zu ökonomisch, sondern auch sozial und ökologisch nachhaltiger Innovation zu leisten», sagt Co-Founder Johan Rochel. Seit dem Start Anfang des Jahres konnten viele Workshops mit Start-ups aus unterschiedlichen Branchen durchgeführt werden. Aber auch mit Unternehmen, die eher als klassische KMU gelten. «Wir sind stolz, die Unternehmen von unserem Angebot überzeugen zu können.» Dies gerade im rasanten Start-up-Umfeld, in dem für ethische Gedanken oft wenig Zeit bleibe.

Das Team des Offcut-Materialmarkts in Zürich. (Bild: John Patrick Walder)

Offcut Schweiz
Glitzerfäden liegen neben Holzpaletten, liegen neben Kunstblumen. In den Materialmärkten von Offcut trifft man auf eine kunterbunte Welt aus Resten und für den Abfall bestimmte Materialien. Die Kunden: Künstler und Kreative, die Verwendung für die Restposten finden. Somit verlängert das Projekt die Lebensdauer von Ungenutztem und Gebrauchtem und führt beides als Rohstoffe in einen nachhaltigen Kreislauf zurück. Die Idee dahinter ist nicht «nur» ökologischer Natur: Materialien mit einem Vorleben sollen inspirieren und die Kreativität anregen. Projektleiter Dominik Seitz: «Es sind gemeinnützige Werte und nicht der Profit, der dieses Projekt antreibt.» In Basel und Zürich beheimatet, werden dank der Unterstützung weitere Standorte eröffnet.

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