13. Mai 2013

Zecken – je kleiner, desto gefährlicher

Endlich wird es warm. Und mit den angenehmen Temperaturen kommen auch die gefährlichen Zecken. Aufpassen lohnt sich, denn ihre Stiche können zu chronischen Krankheiten führen.

Kind im Wald
Julia Joss wurde von einer Zecke gebissen und infizierte sich.

Mit der warmen Saison beginnt auch wieder die Zeit der Zecken. Sie können verschiedene folgenschwere Krankheiten übertragen, allen voran die Lyme-Borreliose. Davon betroffen war auch die siebenjährige Julia aus Winterthur.

«Nymphen sind am gefährlichsten!», sagt Norbert Satz. Als Spezialist für Zeckenkrankheiten beschäftigt sich der Zürcher Facharzt für Innere Medizin täglich mit den Folgen der Begegnung von Nymphe und Mensch. Anders als in der römischen und griechischen Mythologie, als Nymphen wohltätige Naturgeister darstellten, bezeichnet der Name Nymphe in der Biologie ein Entwicklungsstadium der Zecke: die Stufe zwischen Larve und erwachsener Zecke mit einer Körpergrösse von knapp einem Millimeter.

Spezialist Norbert Satz warnt vor allem vor Nymphen, der Vorstufe der Zecke.
Spezialist Norbert Satz warnt vor allem vor Nymphen, der Vorstufe der Zecke.

Tragischerweise geht das grösste Risiko, sich mit einem Zeckenerreger zu infizieren, gerade von diesen kleinen Biestern aus. «Diese Vorstufe ist zehnmal gefährlicher als die ausgewachsene Zecke», betont Norbert Satz. Während der Metamorphose zum nächsten Stadium verliert die Nymphe 90 Prozent ihrer Erreger. Die normal grossen Holzböcke von 2,5 bis 4,5 Millimeter Körperlänge seien deshalb verhältnismässig ungefährlich.

Schon nach einer halben Stunde dringen die Spuren in die Haut

Die Gefährlichkeit der Jungzecke besteht nicht nur in ihrer grösseren Erregerkonzentration, sondern auch darin, dass sie auf dem menschlichen Körper wegen ihrer braunen Farbe eher wie ein Pigmentfleck aussieht, denn wie ein Spinnentier. Ein zusätzliches Risiko stellt die Geschwindigkeit der Erregerübertragung dar: Die Bakterien Borrelia burgdorferi nisten sich schon eine halbe bis eine Stunde nach dem Stich in der Haut des Menschen ein.

Eine unscheinbare, mit Borrelien infizierte Zeckennymphe wurde im vergangenen Frühsommer der siebenjährigen Julia Joss aus Winterthur zum Verhängnis. Nur mithilfe einer Lupe identifizierte die Mutter an einem Sonntagmorgen im Juni das winzige Spinnentier an Julias Oberschenkelinnenseite und entfernte es mit der Pinzette. Weil es am Vorabend spät geworden war und die Familie den Samstag weder im Wald noch im Garten verbracht hatte, fiel die sonst übliche Körperkontrolle aus. Ein Fehler, wie sich Wochen später herausstellte.

Als Julia etwa zwei Wochen später über Kopfschmerzen und Müdigkeit klagte, brachte die beunruhigte Mutter diese Symptome gleich mit dem Zeckenstich in Verbindung. Die Kinderärztin konnte mit der klinischen Untersuchung eine Hirnhautentzündung ausschliessen, eine andere Infektion aber nicht erkennen. Blutuntersuchungen weniger als vier Wochen nach einem Zeckenstich sind nicht aussagekräftig, weil sich bis dann noch keine Antikörper gebildet haben.

«Grundsätzlich gelten Grippesymptome nach einem Zeckenstich als Hinweis auf eine Borreliose-Erkrankung, sodass umgehend eine Behandlung mit Antibiotika angezeigt ist», sagt Facharzt Satz. Im Fall von Julia, die wenige Wochen zuvor eine schwere Staphylokokkeninfektion mit mehrtägigen Antibiotikainfusionen durchgemacht hatte und in deren Umfeld gerade eine Sommergrippe umging, entschieden sich Ärztin und Eltern, mit Antibiotika noch zuzuwarten.

Tatsächlich verschwand das Unwohlsein nach einigen Tagen, es schien alles gut. Bis sich ein faustgrosser roter Fleck rund um die Einstichstelle bildete, der weder juckte noch schmerzte. Die schockierende Diagnose: Lyme-Borreliose. «Nur etwa 20 Prozent der an Borreliose erkrankten Kinder und Erwachsenen entwickeln ein Erythema migrans, die sogenannte Wanderröte», erklärt Norbert Satz. Die Rötung heisse so, weil sie sich kreisförmig um die Einstichstelle verbreite.

Während Grippesymptome relativ schwierig einzuordnen sind und viele Patienten deswegen gar keinen Arzt aufsuchen, deutet ein Erythema migrans klar auf eine Infektion mit Borrelien hin. Je schneller danach die Antibiotikabehandlung einsetzt, desto grösser ist die Chance, dass die Bakterien abgetötet werden. Die medikamentöse Therapie soll eine Streuung der Erreger im ganzen Körper möglichst abblocken und die Wahrscheinlichkeit von Komplikationen verringern. Ein Glück für Julia Joss, dass sich ihre Borrelieninfektion mit der Rötung zeigte. Das anschliessende zweiwöchige Schlucken des antibiotischen Sirups hat sie problemlos vertragen.

Irgendwann ist es zu spät für eine Behandlung

Auch nach erfolgter Behandlung ist man vor Nachwehen des Stichs einer infizierten Zecke nie ganz sicher. Gut versteckte Borrelien könnten im menschlichen Organismus überleben und irgendwann wieder für Beschwerden sorgen. Wird erst spät mit der Behandlung begonnen, weil typische Anzeichen fehlten, kann die Erkrankung ins chronische zweite Stadium übergehen mit Gelenkschmerzen, neurologischen Störungen, Kopfschmerzen und anderen diffusen Problemen.

Auch das Post-Lyme-Syndrom ist als immunologische Reaktion eine mögliche Form der Chronifizierung und kann nach jeder akuten Borrelioseerkrankung auftreten. Norbert Satz: «Das hat mit den ursprünglichen Beschwerden nichts zu tun, äussert sich aber ähnlich mit neurologischen Störungen und Gelenkbeschwerden. Mit Medikamenten kann man das nur noch symptomatisch behandeln.»

Bilder: Tina Steinauer

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