22. September 2017

Zapfmeister im Dienste des Herrn

Mit ihrer fahrbaren Biertheke «Die Unfassbar» bringen die Seelsorger Bernhard Jungen und Tobias Rentsch die Kirche dorthin, wo das Leben stattfindet: an Quartierfeste und Musikfestivals.

Pfarrer Bernhard Jungen und Tobias Rentsch
Die Pfarrer Bernhard Jungen und Tobias Rentsch verkaufen Bier auf der Strasse, um die Kirche näher zu den Leuten zu bringen.

Der Jüngere hat eine Baseballcap auf dem Kopf, wie man sie von Rappern kennt. Der Ältere schmückt sein Haupt mit einem Pork-Pie-Hut, wie ihn Jazzer einst liebten. Das Duo steht am autofreien Sonntag Mitte September im Berner Mattehofquartier an einer fahrbaren Bierbar am Zapfhahn und lässt den Gerstensaft sprudeln. So weit, so gewöhnlich – bis man mit den beiden ins Gespräch kommt.

«Wir sind eigentlich Pfarrer, gehen aber lieber auf die Strasse, um mit den Leuten zu sprechen, als im Büro zu sitzen», sagt Tobias Rentsch (35), der mit dem Rapper Cap. Während er sich darauf konzentriert, dem Becher in seiner Hand die richtige Menge Schaum zu verpassen, entgegnet eine junge Frau ungläubig: «Das ist ein Witz, oder?» Nein, überhaupt nicht, dank der Begegnungen an der Bar wisse er, was er am Sonntag bei der Predigt erzählen werde, erklärt Pfarrer Rentsch und macht die Besucherin auf seine Visitenkarten aufmerksam, die auf dem Tresen liegen.

Tobias Rentsch am Zapfhahn
Man sieht ihm den Pfarrer nicht an: Tobias Rentsch am Zapfhahn.

Die Idee mit dem mobilen Pfarramt hatte Bernhard Jungen (60), der mit dem Jazzerhütchen. Er war in den vergangenen 30 Jahren in der reformierten Kirchgemeinde Ittigen bei Bern als Seelsorger tätig und ist vor Kurzem in Frühpension gegangen. «Ich habe mich immer gefragt, ob die Kirche nicht näher zu den Leuten sollte. Jesus liebte Feste. Davon zeugen unzählige Bibelstellen. Warum also sollte die Kirche nicht auch an Musikfestivals, Quartierfesten oder Sportevents präsent sein?»

Keine neue Form des Missionierens

Das Resultat ist der Verein «Die Unfassbar»: «Der Name soll der Tatsache Rechnung tragen, dass Gott für alle ein Geheimnis bleibt», sagt Pfarrer Jungen. Zudem böte die Bierbar Raum für Geschichten, die das Leben schreibt – von den unfassbar schwierigen bis zu den unfassbar schönen. Als neue Form des Missionierens will Pfarrer Jungen sein Projekt aber nicht verstanden wissen: «Die Bar ist kein PR-Instrument,um den Leuten zu sagen, wo Gott hockt,sondern eine Einladung zum Gespräch.» Er wolle damit auch keine verlorenen Schäfchen in die Kirche zurückholen, sondern im Gegenteil die Kirche auf die Strasse tragen. Er sei überzeugt, dass jeder Mensch einen göttlichen Funken in sich trage, der Clochard genauso wie der Theologieprofessor.

Tobias Rentsch und Bernhard Jungen mit ihrer mobilen Bierbar
Gehen lieber auf die Strasse, als dass sie im Büro sitzen: Tobias Rentsch und Bernhard Jungen mit ihrer mobilen Bierbar «Die Unfassbar».

Jungpfarrer Rentsch, der seine Ausbildung erst vor einem Jahr abgeschlossen hat und bisher ausschliesslich als Stellvertreter tätig war, hörte vom Projekt und kontaktierte Initiator Jungen. Rentsch überzeugte den Pastor in Frühpension, dass er genau der Richtige sei, um bei seinem Projekt mitzumachen. Als aktiver Partygänger kennt der Mittdreissiger die Reaktionen der Leute, wenn sie einen Pfarrer in ungewohnter Umgebung und Aufmachung antreffen. Dabei hat er sich schon oft gedacht, dass so ein Bartresen für seinen Job manchmal besser geeignet wäre als eine Kirchenbank.

Es ergeben sich nicht immer gleich tiefschürfende Gespräche

Auf der gegenüberliegenden Strassenseite dröhnt orientalischer Elektropop aus den Boxen. Der Inhalt der Gespräche an der Bar geht in den Klängen des Synthesizers etwas unter. Die Unterhaltungen drehen sich meist um das kühle Gold, das aus einer lokalen Kleinbrauerei stammt – die Besucher sind sich einig: Es mundet –, oder um die Bar an sich: ein Elektrovelo-Aufbau, bei dessen Konstruktion die Pfarrer von Kunstschmied Kurt Baumann (61) aus Aarwangen angeleitet wurden.

«Es ist nicht so, dass sich immer gleich tiefschürfende Gespräche ergeben», sagt Initiant Jungen. Die Gäste würden bestimmen, worüber sie sprechen wollen. «Wir möchten niemandem etwas aufzwingen.» Jungen und Rentsch haben noch keinen grossen Erfahrungsschatz – das Quartierfest in Bern ist erst der dritte Anlass, an dem sie präsent sind. Was sich aber schon gezeigt hat: Nach jedem Auftritt erhalten sie einige Anrufe oder E-Mails von Leuten, denen etwas auf der Seele liegt. Es sind Menschen, die ein offenes Ohr schätzen und die die Pfarrer von der Kanzel aus nie erreicht hätten.

Das Echo ist positiv, aber es gibt auch kritische Fragen

Für das kommende Jahr hat Pfarrer Jungen 75 000 Franken für «Die Unfassbar» budgetiert. Als Frührentner ist er zwar nicht mehr auf einen richtigen Lohn angewiesen, den Geschäftspartner will er aber nicht gratis arbeiten lassen. Er hofft, den Betrag durch Beiträge von Kirchgemeinden, Kantonalkirchen und privaten Gönnern decken zu können.

Das Echo ist positiv. Aber es gibt auch kritische Fragen, etwa zum Thema Alkohol. Pfarrer Jungen hält es mit den Prozenten wie mit der Religion: «Wir sagen den Leuten weder, an welchen Gott sie zu glauben haben, noch schreiben wir ihnen vor, was sie trinken sollen.» Zudem seien sie unterwegs im Namen dessen, der Wasser in Wein verwandelte, und Bier gehöre zur Schweizer Festkultur: «Die vielen Kontakte kämen an einer Sirupbar nie zustande.» Darunter befänden sich auch Leute, die ein Alkoholproblem hätten: «Wir sind für alle da. Natürlich haben wir auch alkoholfreie Getränke im Angebot. Und den Jugendschutz nehmen wir ernst.»

So oder so: Auf Kosten der Kirche kann sich an der «Unfassbar» keiner betrinken. Die Zapfmeister verkaufen die Drei-Deziliter-Becher für fünf Franken. Nach rund sechs Stunden haben sie zwei 18-Liter-Fässer geleert. Das Kühlsystem läuft am ­Limit – und die Visitenkarten sind fast alle weg.

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