20. Oktober 2014

Zahlen und Fakten zur Sozialhilfe

Welche Kantone und welche Gruppen weisen die meisten Bezüger auf? Wie viel Geld erhält man für Kinder? Die Statistiken des Bundes zeigen Probleme und räumen mit Vorurteilen auf.

Sozialhilfequote nach Kantonen
Sozialhilfequote nach Kantonen (Grafik: BfS)

Eine sachliche Debatte über die Leistungen der Sozialhilfe für Einzelpersonen oder Familien fällt oft schwer. (Rechts-)Bürgerliche Beobachter und Politiker nehmen angesichts zunehmender Ausgaben die «Sozialschmarotzer» und teilweise Zugewanderte ins Visier, links-grüne Kräfte weisen häufiger der Arbeitswelt und Gesellschaft den Schwarzen Peter zu, weil beide immer mehr Menschen von lukrativer Erwerbstätigkeit und dem selbständigen Leben ausgrenzen.

Die Situation der Erwachsenen, die meist nach längerer Arbeitslosigkeit aufgrund eingeschränkter Vermittelbarkeit auf dem Arbeitsmarkt oder mangelnder Arbeitsfähigkeit Anrecht auf staatliche Unterstützung erhalten, beruht ansonsten jedoch auf unterschiedlichen Entwicklungen und Geschichten. Gemeinsam ist den meisten, dass sie nicht (mehr) hauptsächlich von Arbeitsvermittlungsstellen (RAV) oder der IV getragen werden.
Die Voraussetzungen aber, um finanziell in Zukunft wieder auf eigenen Füssen zu stehen, weichen je nach Ausbildung, gesundheitlichem Zustand, auch soziokulturellem Hintergrund oder schlicht persönlicher Motivation stark voneinander ab.

Auch die Leistungen und der Umgang von Behörden mit den staatlich Unterstützten zeigen von Kanton zu Kanton und von Gemeinde zu Gemeinde Unterschiede. In Sachen Höhe der Zahlungen logisch, kennen die Regionen in der Schweiz doch stark voneinander abweichende Kostenniveaus. Und die müssen beim Berechnen des «Grundbedarfs» (kantonal festgelegt), neben Zuschüssen für Wohnungsmiete und Krankenversicherung entscheidend für die Höhe der zu entrichtenden Sozialhilfe, herangezogen werden.

Immerhin hat dank der Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) mehr interkantonale Absprache unter den Kantonsregierungen den früheren «Wildwuchs» weitgehend eingedämmt. Optimierbar scheinen engere Koordination und Modelle des Lastenausgleichs zwischen den Kommunen, die letztlich die Sozialhilfe entrichten.

ZIELE UND (FEHL-)ANREIZE

Am Anfang stehen drei übergeordnete Ziele des Staates, gestützt auf die Artikel 12 und 115 der Bundesverfassung:

A. Das Existenzminimum der Betroffenen sichern
B. Die Selbständigkeit und Eigenverantwortung stärken
C. Die soziale Integration und nach Möglichkeit die Wiedereingliederung in den Erwerbsprozess fördern

Neben der erwähnten Stossrichtung der ausgerichteten Sozialhilfe scheint es sich nicht verhindern zu lassen, dass auch weniger erwünschte Anreize geschaffen werden. Fast alle Gemeinden mit ins Gewicht fallenden Sozialhilfekosten nennen die folgenden drei:

1. Tiefere Wiedereinstiegslöhne: Im Normalfall ermöglicht Sozialhilfe kein Leben ohne finanzielle Sorgen, geschweige denn im Luxus. Das grösste Problem der Sozialhilfe, die bei zuvor Arbeitstätigen in der Regel nach Ablauf der RAV-Zeit bezogen wird, liegt in den tiefen Ansätzen bei Niedriglohnjobs für (lange inaktive) Wiedereinsteiger. Viele Löhne sichern kaum das Existenzminimum und erreichen nicht einmal die Höhe der erhaltenen Sozialhilfe. Betroffene müssten die Arbeit also primär als Chance zur weiteren Entwicklung sehen und kurzfristig gar den Gürtel (noch) enger schnallen. Für viele eine zu hohe Hürde!

2. Der «Sozialtourismus»: Besonders in kleineren Gemeinden oder solchen mit ausgeprägtem Defizit wird versucht, den Zuzug oder bisweilen gar Verbleib von Sozialhilfeempfängern zu vermeiden. Verbreitet wird Druck auf Liegenschaftsbesitzer und -verwalter ausgeübt, um die Verfügbarkeit von Wohnraum für Sozialhilfeempfänger einzuschränken. So ziehen immer mehr Bezüger in (noch) nicht «abschreckende» Orte, oft grössere mit bereits teuren Zentrumsfunktionen und -lasten.

Lohnen sich mehr Kinder? Zahlungsübersicht der Sozialabteilung Dietikon
Lohnen sich mehr Kinder? Zahlungsübersicht der Sozialabteilung Dietikon ZH.

3. Kinder als Absicherung: Weil es für Kinder nach Anzahl abgestuft stets mehr Sozialhilfe für die Familie oder ein Paar gibt, lohnt sich scheinbar oftmals zahlreicher Nachwuchs. Die nackten Zahlen können auch verlocken: Die Aufstellung der Gemeinde Dietikon (rechts) macht deutlich, dass eine Familie mit sechs Kindern beinahe das Doppelte erhält als ein Paar ohne Kinder.

Viele vergessen, dass dafür auch das gesamte Ausgabenniveau, die Wohnsituation und anderes stimmen muss, damit die Rechnung aufgeht. Und wenige denken an die Zukunft, wenn Teenager noch teurer werden. Entweder weil sie gar nicht so weit denken, oder weil einige schlicht davon ausgehen, dass der Staat den Nachwuchs dann schon irgendwie durchbringen wird.

EIN RÖSTIGRABEN?

Bekannt sind mittlerweile die Regionen oder speziell Städte mit den höchsten Sozialhilfequoten – sprich dem grössten Anteil von Sozialhilfeempfängern an der Wohnbevölkerung. Eine Stadt mit überdurchschnittlich vielen Niedriglohnjobs sowie vielen Ausländern ist speziell gefährdet, eine Spitzenposition einzunehmen. Ein Paradebeispiel dafür ist Biel BE.

Betrachtet man die Schweizer Karte mit den Quoten für die Kantone von 2012 und vergisst für ein Mal den schweizweit markanten Stadt-Land-Gegensatz, fallen weitere Unterschiede auf. Zuallererst der Röstigraben: Der Deutschschweiz gelingt es scheinbar besser, die Anzahl Sozialhilfeempfänger überschaubar zu halten.

Sei es, dass weniger Menschen aus einer existenzsichernden Erwerbstätigkeit fallen; sei es wegen mehr Immigranten ohne abgeschlossene (höhere) Ausbildung. Vielleicht aber auch aufgrund eines höheren Stellenwerts des sozialen Zusammenhalts in der Gesellschaft, der dafür sorgt, steigende Ausgaben eher zu akzeptieren.

Jedenfalls belegen die westlichsten Kantone Genf und Waadt, obschon sie einen der drei grössten Schweizer Wirtschaftsräume («Arc lémanique») bilden, mit einer Sozialhilfequote von 5,3% und 5,1% Spitzenränge. Übertroffen bloss noch von Neuenburg mit 7,0%! Von den Deutschschweizern schneidet, wenig überraschend, Bern mit 4,2% am schlechtesten ab, Zürich und Solothurn folgen mit 3,3% und 3,2%.
Am andern Ende rangieren ausser Luzern (2,1%) sämtliche Innerschweizer Kantone mit zwischen 0,9% (Spitzenreiter Nidwalden) und 1,7% an der Spitze der Rangliste, die Ostschweiz ausser St. Gallen (2,2%) fällt nur leicht ab (1,1% bis 2,0%).

Entlang der Sprachgrenze verläuft der Graben aber nicht gerade: Der wirtschaftsschwache Kanton Jura begnügt sich mit 2,3%, das Wallis mit 1,5%, Freiburg mit 2,4%. Deutlich fallen die grossen Kantone an der Peripherie mit zumeist tiefen Quoten auf: Graubünden schafft es auf 1,1%. Und das Tessin vermag bei der hohen Dichte an Sozialhilfeempfängern der Westschweiz auch nicht mitzuhalten, trotz zwei bis drei den Schnitt in die Höhe treibenden Städten begnügt es sich mit 2,2%.

Jährlich geleistete Zahlung pro Kanton und Empfänger (Quelle BfS)

Ein zweiter Punkt neben dem Bevölkerungsanteil mit Sozialhilfeunterstützung betrifft die durchschnittliche Höhe an geleisteten Zahlungen. Hier kommen Kantone mit tieferem Kostenniveau an Mieten, Produkten des täglichen Bedarfs oder Krankenversicherungsprämien natürlich günstiger davon – allerdings verfügen sie durchschnittlich auch über weniger Spielraum im Budget. Die Auflistung (oben) zeigt, dass Freiburg pro Empfänger mit 5'025 Franken jährlich am wenigsten aufwendet, Graubünden mit 12'097 am meisten. Eine Mehrheit zahlt dem Einzelnen im Schnitt zwischen 6'500 und 11'000 Franken.

DIE RISIKOGRUPPEN

Das Stichwort Ausländeranteil ist bereits gefallen: Mit 45% aller Sozialhilfebezüger stellen Immigranten einen doppelt so hohen Anteil am Sozialhilfekuchen wie an der Gesamtbevölkerung. Betrachtet man weitere mögliche Sozialhilfe-Risiken, so stechen zwei weitere Gruppen ins Auge: Gut 33% der Kosten machen Kinder oder Jugendliche bis und mit 16 Jahren aus. Und geht man von den unterstützten Haushalten aus, so führen nicht weniger als 20% davon alleinerziehende Mütter. Kinder und Scheidungen sind also im Verhältnis zum Bevölkerungsanteil ebenfalls grosse Risiken – speziell für Frauen.

Im Detail zeigen sich weitere spannende Zusammenhänge:

- Von den ausländischen Sozialhilfeempfängern sind nur 30% allein lebend und kinderlos, unter den Schweizer(inne)n hingegen 46%! Umgekehrt sieht es bei Paaren aus: 36% der zugewanderten Bezüger leben als Paar mit Nachwuchs (nur 17% der Schweizer), 9% zu zweit ohne Kind (4% der Schweizer).

- Betrachtet man die Antragsteller danach, ob sie erwerbstätig sind (bei Alleinstehenden also «Working Poor»), so trifft dies im Gesamtschnitt immerhin auf 28% der Gesuche zu. Die höchste Erwerbsquote weisen die Alleinstehenden mit Kind und Paare mit drei oder mehr Kindern auf: 42% und 43%.
Ein Paar mit einem oder zwei Kindern kommt auf immerhin 36%. Klar unterdurchschnittlich der Anteil an Arbeitstätigen bei den allein Lebenden mit 23% und bei den kinderlosen Paaren mit 22%.

- Den Erwartungen entsprechend fällt eine Aufteilung der Sozialhilfebezüger ab 18 Jahren für die Jahre 2005 bis 2012 nach Ausbildungsniveau aus: 50,2% der Empfänger hatten höchstens die obligatorische Schulzeit durchlaufen, aber keinen beruflichen Abschluss, in der Gesamtbevölkerung trifft dies nur auf 23,7% zu.
Hingegen besassen bloss 6,6% der Sozialhilfefälle einen Abschluss einer Universität oder eine abgeschlossene Höhere Fachausbildung, gegenüber 27,1% der Gesamtbevölkerung im selben Alter.


WEITERE ZAHLEN UND FAKTEN

Alle Infos des Bundesamtes für Statistik (BfS) zur Sozialhilfe

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