22. September 2017

Zahl der Bergführer schmilzt wie Gletscher

Die Schweizer Bergführer werden immer älter, und ihre Zahl nimmt ab. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Um den Beruf vor dem Aussterben zu bewahren, will die Branche jetzt gegensteuern und die Werbetrommel rühren.

Bergführer oberhalb von Klosters
Unterwegs mit einem Schweizer Bergführer oberhalb von Klosters GR: Pro Jahr kommen schweizweit nur etwa 20 neue dazu.

Der Schweizer Bergführerverband (SBV) schlägt Alarm: Immer weniger Schulabgänger interessieren sich für eine Ausbildung zum Bergführer. Im Durchschnitt sind es pro Jahr nicht mehr als 60 junge Männer und Frauen, von denen ein Drittel schon nach dem Eintrittstest wieder abspringt. Ein weiteres Drittel steigt während der Ausbildung aus, sodass letztlich etwa 20 Nachwuchskräfte abschliessen. Dabei bräuchte es laut dem SBV rund 50 neue Bergführer, um der Überalterung und dem Aussterben des Berufs entgegenzuwirken.

Es scheint so, als habe der Bergführerberuf ein Imageproblem. Thomas Wälti (49), selbst Bergführer und technischer Leiter der SBV-Ausbildung, sagt: «Die Ausbildung ist nicht schwieriger geworden, obwohl das immer wieder behauptet wird. Allerdings ist klar, dass der Beruf im Vergleich zu anderen Jobs anstrengend und mit Unsicherheiten behaftet ist.»

Was zieht dich in die Berge?

Damit meint Wälti unter anderem wirtschaftliche Aspekte. Die Jungen von heute würden nach der Lehre lieber einer geregelten Arbeit nachgehen, als das Risiko einer kompletten Selbständigkeit auf sich zu nehmen. Wälti: «Zudem sind die Rahmenbedingungen strenger geworden. Die Kunden erwarten immer mehr. Sie möchten, dass die Bergführer kommunikativer und allgemein gebildeter sind.» Heutzutage müsse ein professioneller Bergsteiger gleichzeitig Pädagoge und Psychologe sein.

Um den Nachwuchsmangel zu bekämpfen, will der SBV nun dem Beruf zu neuer Popularität verhelfen – mit gezielter Werbung, zum Beispiel an ­Informationstagen und in Jugend-und-Sport-Lagern.  

Viele Junge sind nicht mehr bereit, sich nur auf den Bergsport zu konzentrieren

Marco Mehli, Bergführerverband


Der Schweiz gehen die Bergführer aus. Weshalb?


Viele Junge sind nicht mehr bereit, sich nur auf den Bergsport zu konzentrieren. Das ist aber nicht der einzige Grund.

Was sind denn die anderen wichtigen Gründe?

Es ist nicht einfach, nur vom Bergführerberuf zu leben. Als Selbständigerwerbender muss man viel unterwegs sein, um eine Familie ernähren zu können. Und wenn der Vater in der Hauptsaison, also im Sommer und Winter, oft weg ist, kann das für Familien eine Belastung sein. Die Ausbildung ist jedenfalls nicht schwieriger geworden, wie das in den Medien behauptet wurde. Bei der letzten Prüfung mussten die Lernenden beispielsweise die gleiche Route klettern wie 2005.

Die Ausbildung dauert drei Jahre und ist mit 27 000 Franken nicht gerade billig. Kann es auch daran liegen?

Das ist viel Geld, das stimmt. Doch man darf nicht vergessen, dass in diesen Kosten nicht nur 100 Ausbildungstage, sondern auch Kost und Logis inbegriffen sind. Wir würden den Kurs gern günstiger anbieten. Nur sind die Grundpreise in der Schweiz nun mal hoch. Immerhin übernimmt der Staat ab 2018 50 Prozent der Ausbildungskosten. Kost und Logis werden nicht subventioniert. Die Kandidaten müssen das Geld vorschiessen und erhalten es anteilsmässig erst nach Abschluss der Ausbildung zurück.

Es wird moniert, die Ausbildung sei zu spezialisiert und richte sich an Sportkletterer.

Das ist nicht der Fall. Wir bilden die Kandidaten zu Generalisten aus. Sie lernen Hoch- und Skitouren zu absolvieren, das Klettern im Gebirge und Freeriden. Zur Ausbildung gehört auch ein Modul «Lawinen».

Sie bilden pro Jahr 20 bis 30 Kandidaten aus. Reicht das?

Nein, nötig wären 50, um das Nachwuchsproblem zu lösen. Wir versuchen deshalb, den Bergführerberuf bekannter zu machen – sei es mit ­Informationstagen oder Auftritten in Jugend-und-Sport-Lagern. Wir können jedoch die Situation nicht von einem Jahr zum anderen ändern. Möglich ist es hingegen, das Image zu verbessern, zu informieren, dass es auch heute noch möglich ist, als Bergführer ein respektables Einkommen zu erwirtschaften.

Wie alt sind die Kandidaten?

Wir verlangen eine abgeschlossene Berufsausbildung oder die Matura. Deshalb sind die Auszubildenden mindestens 20 Jahre alt, im Durchschnitt rund 27 Jahre. Es gibt aber bei jedem Kurs auch Interessenten, die über 40 sind.

Wie hoch ist der Frauenanteil?

Dieses Jahr bildeten wir zwei Frauen aus. Normalerweise haben wir pro Kurs und Jahr drei bis vier Frauen. Von den rund 1200 Bergführern sind rund drei Dutzend Frauen.

Was machen Sie, um den Frauenanteil zu erhöhen?

Wir haben nicht vor, die Ausbildung speziell auf die Geschlechter auszurichten. Wir wollen ganz einfach möglichst viele Junge ausbilden – egal, welchen Geschlechts.

Sie sind seit 40 Jahren Bergführer. Was hat sich verändert?

Die Kunden buchen viel kurzfristiger und haben weniger Zeit. Früher erhielten wir Monate im Voraus Reservationen für eine Bergtour.

Marco Mehli (62) ist seit Oktober 2016 Präsident des Schweizer Bergführerverbands.

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