13. Juli 2015

Energiebündel Yvonne Brändle-Amolo

Sie ist Künstlerin, Moderatorin, Politikerin und betreut Waisen in Kenia: Tausendsassa Yvonne Apiyo Brändle-Amolo vereint bei all ihren Projekten Kreativität mit Leidenschaft.

Yvonne Apiyo Brändle-Amolo
Multitalent: Yvonne Apiyo Brändle-Amolo entwirft ihre Kleider selber, stellt an der Biennale in Venedig aus, und gejodelt hat sie auch schon. Nun schreibt sie an ihrer Autobiografie.

Angefangen hat alles in der Roten Fabrik, dem linken Kulturzentrum am Zürichsee. Yvonne Apiyo Brändle-Amolo (39) stiess dort auf ein Plakat eines Videofestivals zum Thema «Interkulturelles Leben». Sie selbst war damals bereits zwölf Jahre in der Schweiz und wusste über die Schwierigkeiten der Integration Bescheid. «Ich war neun Jahre mit einem Schweizer verheiratet und zog zu ihm in die Ostschweiz. Nach der Scheidung musste ich um meinen Platz hier kämpfen», sagt die 39-Jährige, die heute in Weiningen ZH wohnt. Denn in dieser Zeit änderte sich das Gesetz: Bisher reichten fünf Jahre Ehe mit einem Schweizer für eine erleichterte Einbürgerung, neu mussten es zehn Jahre sein. Nach zahlreichen Verhandlungen durfte sie jedoch bleiben.

Die Emotionen aus dieser Zeit verarbeitete die Schweizerin mit kenianischen Wurzeln vor zwei Jahren in einem Beitrag für das Videofestival der Roten Fabrik. In ihrem Kurzfilm «Not Swiss Made» zeigt sie sich vor dem Matterhorn – zuerst lachend, dann ­weinend mit kenianischem Gesang, der in Schweizer Jodel wechselt. Das bedrückende Werk entschied den Wettbewerb für sich, wurde anschliessend an 27 Festivals gezeigt und mit dem Anti-Rassismus-Award aus­gezeichnet. Der Jodel war dabei nicht zufällig gewählt, denn dieser half Brändle-Amolo bei der Integration. «Ich fand hier lange keinen Anschluss», gibt sie zu. Eines Tages stiess sie durch eine Google-Suche nach Schweizer Traditionsgesang auf das Jodeln.

Die Appenzeller Jodlerszene empfing sie mit offenen Armen, und letzten Sommer besuchte Brändle-Amolo das 29. Eidgenös­sische Jodlerfest in Davos. Inmitten der Bündner Berge entdeckte sie die Lebensfreude, die sie aus ihrer Heimat kennt. «Die Leute dort trugen Farben, sie tanzten, sie feierten! Weit entfernt von meinen eigenen Wurzeln konnte ich mich mit denen der Schweiz identifizieren.» Verschiedene Medien interessierten sich fortan für die Frau, die Afro und Tracht mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit trägt.

Nächstes Ziel: Wahl in den Nationalrat

Dieser Rummel ging auch an der SP Limmattal nicht unbemerkt vorbei. Parteimitglieder sahen den Videobeitrag «Not Swiss Made» und holten Brändle-Amolo als neue Politikerin ins Boot. Anfang 2015 kandidierte sie bereits für den Zürcher Kantonsrat. «Unsere Gesellschaft, unsere Kultur- und Wissenschaftsbetriebe sowie auch unsere Wirtschaft haben von Einwanderern stark profitiert. Dass unser Land auch in Zukunft weltoffen und ausländerfreundlich bleibt, dafür will ich mich einsetzen», so ihre Wahlwerbung. Doch so wenig wie man ihre wunderschöne Haarpracht übersehen kann, konnte man auch die damit verbundenen Vorurteile ignorieren: In einem Artikel über die Wahlen wurde Yvonne Apiyo Brändle-Amolo für die wildeste Frisur ausgezeichnet, ihre politischen Ambitionen blieben unerwähnt.

In den Kantonsrat hat sie es dann nicht geschafft. «Es war eine harte Kampagne. In der Schweiz gibt es fast nie offenen Rassismus. Aber du kriegst die Botschaft mit», sagt die Neopolitikerin. Auch parteiintern spürte sie manchmal einen gewissen Widerstand. «In jeder Partei gibt es Gutes und Schlechtes. In der SP habe ich viele gute Leute kennengelernt. Andere sagten mir, ich solle meine Haare bändigen und mich weniger auffällig kleiden. Man muss Letztere respektieren, sich aber auch vor ihnen schützen.» Jedoch behält sie bei allem immer ihre Ziele im Auge. «Schon mit den Plakaten zur Wahlkampagne habe ich etwas erreicht. Eine schwarze Frau, die mich auf Aushängen gesehen hatte, erzählte mir, sie habe sich danach gefragt, ob sie doch noch etwas anderes machen solle als putzen – eine Abendschule besuchen zum Beispiel.» Da habe sie gewusst: Der Einstieg in die Politik war nicht umsonst; man kann den Weg für andere ebnen. Diesen Herbst steht sie auf der SP-Nationalrats-Liste. «Ich glaube fest daran, dass man mit Politik und Kunst viel bewegen kann. Ob die Schweiz für eine Frau wie mich bereit ist, wird sich zeigen.»

Einen normalen Tagesablauf gibt es nicht

An Engagement mangelt es ihr nicht. Yvonne Brändle-Amolo betreut zwei eigene Waisenhäuser in Kenia, ist bei der Organisation «Cuisine sans frontières» involviert und Aushängeschild der «Be the Change»-Stiftung für kulturellen Wandel. Als Künstlerin stellt sie derzeit an der Biennale in Venedig aus, beim Zürcher Lokalradio Lora arbeitete sie als Moderatorin, ein Theaterstück mit der Cellistin Liz Schneider ist in Planung, ein Dokumentarfilm über deren Leben angedacht. Daneben tanzt sie, schneidert ihre eigenen Kleider und schreibt an einer Autobiografie, für die sie derzeit einen Verlag sucht. Hinzu kommt ein Studium der interkulturellen Kommunikation an der Universität Lugano. «Ich mache immer 1000 verschiedene Dinge gleichzeitig. In Kenia gibt es keine normalen Tage und auch keinen normalen Tagesablauf. Man teilt sich seine Zeit anders ein.» Eine immer gleiche Tagesstruktur entspreche ihr nicht.

Hin und her gerissen zwischen den beiden Kulturen fühlt sie sich jedoch nicht: «Ich trage beide Länder in mir. In Kenia merke ich, wie schweizerisch ich geworden bin. Mit gewissen Leuten kann ich nicht mehr verhandeln, weil ich die Schweizer Verbindlichkeit verinnerlicht habe.»

Bild: Ornella Cacace

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