13. April 2015

Yves Bossart klärt Fragen des Lebens

Was war zuerst: das Huhn oder das Ei? Yves Bossart beschäftigt sich mit den grossen Fragen des Lebens und liefert im Interview die Antworten.

Yves Bossart
Yves Bossart und die ewige Frage der Philosophie: Was war zuerst – das Huhn oder das Ei?

Yves Bossart, immer mal wieder fordern Politiker einen Numerus clausus für Fächer wie Soziologie, Psychologie oder Philosophie, weil es von diesen Leuten auf dem Arbeitsmarkt nur ganz wenige brauche. Eine gute Idee?

Nein. Unsere Gesellschaft braucht Philosophinnen und Philosophen. In Zukunft vermutlich noch mehr. Wir brauchen das vernetzte und kritische Denken. Gerade in der Fortpflanzungsmedizin oder der Robotik werden künftig viele ethische Fragen zu klären sein. Zu Themen wie dem «Social Freezing» zum Beispiel, also ob man mit 60 Jahren noch Kinder kriegen soll. Philosophie lehrt aber nicht nur das klare, sondern auch das kreative Denken – etwas, das immer wichtiger wird. Sie lehrt, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu beobachten und die richtigen Fragen zu stellen. Und gerade in der heutigen Zeit, in der die Freiheiten zunehmen und die Religion nicht mehr einen so grossen Stellenwert hat, kann sie Orientierung bieten bei Fragen wie «Wer bin ich?» oder «Was ist mir wichtig im Leben?».

Was bringt die Philosophie jenen Politikern, die gern einen Numerus clausus hätten?

Weltoffenheit. Einen Blick über die Landesgrenzen hinaus. Die Idee, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Dass es ziemlich willkürlich ist, irgendwo eine Grenze zu ziehen. Das scheint mir grundlegend zu sein. Zudem sollte man etwas weiter in die Zukunft schauen und an unsere Ururenkel denken. Stichwort Nachhaltigkeit.

Wäre ein Philosoph in einer politischen Diskussion eine Bereicherung?

Ja, aber man muss vorsichtig sein. Man braucht für solche politischen Debatten sehr viel Faktenwissen. Innerhalb der Philosophie gibt es das Feld der angewandten Ethik, die sich mit solchen Fragen beschäftigt. Diese Leute könnten Stellung nehmen. Umgekehrt laden wir bei der «Sternstunde Philosophie» manchmal auch Politiker ein. Aber wir versuchen immer, in die Tiefe zu gehen und nicht bei den tagespolitischen Fragen hängen zu bleiben.

Viele Menschen schrecken beim Stichwort Philosophie zurück, weil sie damit intellektuelle Gedankenspiele im Elfenbeinturm assoziieren, die mit dem realen Leben kaum etwas zu tun haben. Woher kommt dieser schlechte Ruf?

Der ist berechtigt. Wenn man schaut, was Philosophen an der Uni machen, dann ist das oft sehr technisch. Man arbeitet mit Aufsätzen und versucht, ein spezifisches Problem zu lösen, das zum Beispiel Descartes oder Kant gehabt haben und das für die grosse Mehrheit eigentlich ziemlich irrelevant ist. Der Horizont verengt sich, das habe ich bei der Doktorarbeit selbst erlebt. Man liest kaum noch Zeitungen und ist in seiner eigenen Welt. Bis zu einem gewissen Grad braucht es das, aber man muss da auch wieder rausfinden und darf sich nicht in Details verlieren.

... habe mir angewöhnt, die (philosophischen) Theorien auf Gedankenspiele herunterzubrechen.

Sie haben in Ihrem Buch versucht, mit einfachen Gedankenspielen grundlegende philosophische Fragen zu erklären. Wie kamen Sie darauf?

Ich habe viele Freunde, die nichts mit Philosophie am Hut haben. Und es hat mich genervt, dass es so schwierig ist, mit ihnen darüber zu reden, was ich mache. Deshalb habe ich mir angewöhnt, die Theorien auf Gedankenspiele runterzubrechen. Auch als Lehrer im Philosophieunterricht habe ich mit Gedankenspielen gearbeitet und gemerkt, dass sie ganz gut funktionieren. Man ist dadurch sehr schnell in einem Thema drin. Die Frage allein reicht schon, um eine Tür in eine ganz neue Welt aufzustossen. Deshalb macht es mir auch so grossen Spass, am Gymnasium zu unterrichten. Dort sind sie neugierig.

Welche Fragen interessieren die Schüler?

Die Topfrage ist die nach dem Sinn des Lebens. Danach kommt Gerechtigkeit. Doch die Schüler stellen auch viele Fragen zu Lebensführung und Zukunft.

Es gibt ja schon viele philosophische Bücher – was erhoffen Sie sich mit Ihrem?

Mein primäres Anliegen ist, Leute für Philosophie zu begeistern. Dabei überlasse ich das Denken dem Leser, ich stelle lediglich die Rätsel und die verschiedenen Lösungsvorschläge vor. Ich möchte den Leser inspirieren und ihm nicht einfach etwas vordenken. Mein Ansatz ist sokratisch: Ich frage so lange nach, bis der andere merkt, dass er eigentlich ziemlich wenig weiss. Und vielleicht führt es ja zu Diskussionen unter Freunden. Ich bin ein Fan von Diskussionen.

Philosophie gilt als schwer verständlich. Wie schwierig war es, die Theorien so einfach zu erklären?

Das Vorurteil ist nicht unberechtigt: Die grossen Philosophen wie Hegel, Heidegger oder Kant sind fast unlesbar – man hätte das viel einfacher schreiben können. Mit dieser Aussage wage ich mich natürlich aufs Glatteis. Andere Philosophen würden mir wohl vorwerfen, dass ich die Theorien in meinem Buch simplifiziere. Aber in meinen Augen kann jeder gute Gedanke und jede gute Theorie verständlich erklärt werden.

Die Philosophie eignet sich doch recht gut zur praktischen Lebenshilfe – eine Büchersparte, die boomt wie nie. Auch Ihr Buch startet mit Erläuterungen zum Thema Glück. Eigentlich müsste Philosophie richtig populär sein, oder?

Ich bin kein Fan von Ratgeberliteratur. Auch, weil ich glaube, dass die Philosophie in dieser Sparte nicht wirklich kompetent ist. Bei Fragen, wie man leben oder welche Werte man haben soll, kann die Philosophie schon weiterhelfen. Aber wenn es um den Alltag oder das persönliche Glück geht, sind psychologische Ratgeber besser geeignet. Es gibt Philosophinnen und Philosophen, die Ratgeberliteratur schreiben, ich bin aber noch zu jung, um Ratschläge zu geben (lacht). Ich bin selber noch auf der Suche.

«Ich bin kein Fan von Ratgeberliteratur»: Philosoph Yves Bossart.

Wird man in Ihrem Alter als Philosoph überhaupt ernst genommen? Man hat ja vom Philosophen eher das Bild eines alten Herrn mit weissem Bart.

Das Stereotyp vom bärtigen alten Mann, der mürrisch dreinschaut, ist sicher da. Und gewisse Leute wollen natürlich auch so jemanden. Ich muss immer zuerst das Klischee bekämpfen und beweisen, dass ich trotz meiner Jugend kompetent bin. Aber eben: Lebensweisheiten habe ich nicht parat. Das würde auch komisch ankommen.

Nun gibt das Philosophiestudium nicht immer klare Antworten, was richtig und was falsch ist. Auch Sie stellen im Buch mehr Fragen, als Sie Antworten geben. Hat sie deshalb einen schweren Stand in Zeiten, wo sich jeder sein Weltbild zimmert und dann eisern daran festhält?

Überzeugungen sind ein Teil von uns. Gerade wenn sie mit Werten verknüpft sind, ist es nicht einfach, sie über den Haufen zu werfen. Aber ich habe nie genau verstanden, warum man sich mit seinen Überzeugungen so stark identifiziert. Die grosse Herausforderung ist, bereit zu sein, sich überzeugen zu lassen, wenn der andere bessere Argumente hat. Das macht im Alltag leider praktisch niemand.

Gelingt es Ihnen?

Manchmal. So habe ich aufgrund von Diskussionen zum Beispiel meine Ernährung radikal geändert und war eine Zeit lang Veganer. Mittlerweile bin ich aber aus Bequemlichkeit inkonsequent geworden und esse manchmal Fisch. Aber aus ethischen Gründen müsste man Veganer sein. Das ist ein Konflikt, den ich in mir habe.

Sie sind auch Atheist. Warum?

Ich war es schon immer, bin auch atheistisch aufgewachsen. Aber ich diskutiere gern mit religiösen Menschen, denn ich möchte verstehen, was Religion ist, wie dieses Lebensgefühl eines gläubigen Menschen funktioniert. Religion kann einem Menschen eine extreme Geborgenheit, Zuversicht und Hoffnung geben. Sobald die Religion aber sagt, die Welt ist so und so, und wir alle sollten uns daran halten, muss sie mir Gründe liefern. Und zwar solche, die wissenschaftlichen Standards standhalten.

Kann man denn überhaupt wissen, was wirklich ist?

Nein. Ich habe meine Abschlussarbeit über Skeptizismus geschrieben und finde die Argumente sehr einleuchtend. Wir können nicht wissen, ob alles nur ein Traum ist. Wir können nicht wissen, was gut ist – auch nicht in ethischen Fragen. Wir haben keine Letztbegründung, so wie zum Beispiel in der Mathematik. Aber es gibt trotzdem bessere oder schlechtere Begründungen oder Argumentationen. Es ist nicht einfach alles okay. Menschenrechte zum Beispiel sind nicht relativ. Trotzdem können Diskussionen mit Leuten wie etwa den Fundamentalisten des Islamischen Staats eine Herausforderung sein. Man hinterfragt sein eigenes Fundament ja nie, sondern diskutiert meist mit Leuten, die mehr oder weniger die gleiche Meinung haben.

Macht es überhaupt Sinn, einen Diskurs mit Fundamentalisten zu suchen? Die kann man ja eh nicht von ihrer Haltung abbringen.

Ich diskutiere viel mit religiösen Menschen. Das sind zwar keine Fundamentalisten, aber das Problem ist vergleichbar. Ihre Überzeugung basiert meistens nicht auf zwei oder drei Argumenten, die man widerlegen kann, sondern ist ziemlich zusammengeschustert. Man müsste also ihr ganzes Weltbild über den Haufen werfen, und so was passiert nicht von heute auf morgen. Wichtig ist bei solchen Diskussionen, dass man am Anfang zusammen ein Ziel festlegt. Man sollte den anderen fragen: Bist du überhaupt offen? Es sollte nicht nur darum gehen, sich selber mit seinen Argumenten zu zelebrieren und überhaupt nicht von seiner Position abzurücken.

Kann man sagen: Je älter die Leute werden, desto geringer ist die Chance, dass sie ihre Haltung in Frage stellen?

Wahrscheinlich ist das so, die Offenheit nimmt mit dem Alter ab. Aber auch der Jugend fehlt heute etwas: der Mut zum revolutionären Denken. Viele Junge finden sich damit ab, dass die Welt halt so ist, dass sie sich anpassen und ihren Weg suchen müssen. Man weiss zwar von der Armut, vom Klimawandel, von sozialer Ungerechtigkeit. Aber das System ist, wie es ist, die Welt scheint unbeeinflussbar zu sein. Es herrscht diese Ohnmacht gegenüber den riesigen Konzernen, den globalen Spielregeln. Durch diese Überforderung kommen schliesslich Rückzugsfantasien ins Spiel.

Jugendliche (...) scheinen sich auf das Private zurückzuziehen.

Die Jugendlichen haben also keine Utopien mehr?

Viel weniger als noch in den 70er-Jahren. Sie scheinen sich auf das Private zurückzuziehen. Klar gibt es Technologiefreaks, die glauben, dass Technik die Menschheit retten kann, soziale Utopien hingegen gibt es kaum. Das ist gefährlich. Aber ich spüre diese Ohnmacht auch selbst.

Haben nicht gerade junge Philosophen eine Verantwortung, dieser Ohnmacht entgegenzutreten und eine Führungsposition einzunehmen? In den 70er-Jahren waren einige Philosophen politisch sehr aktiv.

Schon, aber haben Philosophen eine grössere Verantwortung als andere Bürger? Alle sollten sich einmischen. Wer Philosophie studiert hat, ist vielleicht etwas sensibler für gute und schlechte Argumente und an der Wertedebatte etwas näher dran. Trotzdem scheint mir, dass wenige Philosophen eine Haltung haben, es kommt zu wenig von ihnen, denn das Potenzial wäre eigentlich da. Philosophen müssen sich mehr einmischen.

Wie ist das als Philosoph im Alltag? Ist man der Ratgeberonkel im Freundeskreis?

Nein. Gut, nach vier Bier fragt ab und zu mal einer nach dem Sinn des Lebens (lacht). In letzter Zeit fangen die Leute aber immer an zu lästern, wenn ich sage, dass ich Philosoph bin. Vor allem denken sie, dass alle Philosophen gesellschaftskritische Pessimisten sein müssen und von dieser Gesellschaft nur das Schlechteste erwarten. Dabei kann Philosophie auch lustig sein. Man muss eine Haltung finden, bei der man heiter und gelassen und trotzdem kritisch bleiben kann. Ich kann zum Glück gut abschalten. Ich mache Musik, treibe Sport. Habe Freunde, mit denen ich über ganz andere Sachen als die Philosophie rede.

Geht man als Philosoph alle Probleme des Lebens mit einer philosophischen Gelassenheit und Klarheit an? Oder hat das reale Leben Sie auch schon aus der Bahn geworfen?

(lacht) Ja, sicher. Ich habe genauso existenzielle Krisen, Tiefs und Ängste wie alle anderen, ich verrenne mich auch andauernd im Stress. Die Lebensschule kann einem kein Buch abnehmen. Aber manchmal hängen die kleinen Probleme mit grossen Fragen zusammen. Dann kann die Philosophie helfen, indem sie etwas Klarheit schafft. Sie lüftet ein bisschen den Nebel.

Fotograf: René Ruis

Benutzer-Kommentare