18. Januar 2016

Im Tagebuch: Die Yoga-Ferien in Antalya

Migros-Magazin-Volontärin Anne-Sophie Keller machte spezielle Ferien. Was sie in ihrer Yoga-Woche in der Türkei erlebte, lesen Sie in diesem Tagebuch.

Lisa, ich, Steffi und Ingrid
Lisa, ich, Steffi und Ingrid.

Samstag, 12. September

Namaste

Gestern war ich mit meiner Yoga-Clique noch bis um zwei Uhr wach. Mittlerweile weiss ich bei den Frauen schon, an wen sie bei der Meditation denken oder wem sie schreiben, wenn ich sie nachts noch vor dem Computer sitzen sehe. Nach einer Woche, die teilweise sehr spirituell wurde, ist unsere Verbundenheit enorm.

Nach einer kurzen Nacht also machten wir uns bereit für die letzte Yoga-Session. Und weil das Beste immer zum Schluss kommt, ists passiert: Plötzlich hatte ich keine Kraft mehr, mich in einer Pose zu halten. Ich setzte mich in den Schneidersitz, um in mich zu gehen. Was dann alles hochkam, war überwältigend. Ich dachte an mein Grosi, das ich irgendwann gehen lassen muss, und an eine ehemalige Freundin, der ich heute irgendwie verzeihen konnte. Während etwa 30 Minuten kullerten die Tränen. So lange, bis ich mich endlich wieder aufrichten konnte. Yogalehrerin Jana meinte, dies sei normal. Ich solle das zulassen.

Nach der Stunde erzählten mir andere, gewisse Lektionen seien für sie emotional auch heftig gewesen. Und bei einigen Übungen wäre in ihnen auch viel hoch gekommen. Das hat mich beruhigt. Danach setzte ich mich hin und schrieb meine Gedanken auf, um wieder einen freien Kopf zu kriegen. Draussen war es immer noch unglaublich heiss. Doch heute drehte sich der Wind und wehte schon fast sturmartig über das Gästehaus. Irgendwie war alles so, wie es sein musste.

Nach der Abschlussmeditation in der Runde tauschte ich mit ein paar Frauen Nummern aus und fragte Michel, einen der wenigen Männer, wie um Himmels Willen er unsere Frauenbande bloss ausgehalten habe. Er sagte, er habe das gar nicht so mitbekommen. Und ich glaube, das ist genau das, was dieser Ort dir gibt: Ruhe, wenn du sie suchst. Oder eben die totale Verbundenheit mit dir, mit anderen und mit der Natur.

Am letzten Abend gabs Fleisch. Heute war ein guter Tag.

Freitag, 11. September: Klippenspringen und andere Sprünge

«Alles kann, nichts muss» - so lautet das offizielle Motto der aktiven Auszeit im Lykia. Für mich bedeutete dies heute ein lang ersehntes Ausschlafen. Einmal Yoga schwänzen darf drin liegen. Denn so viel Abenteuer kann echt müde machen. Pünktlich zum Mittags-Buffet weckte mich das Knurren meines Magens.

Danach gings nochmals aufs Meer. Dieses Mal fing die Reise etwas später – und mit viel Herzklopfen – an. Der Sohn der Bootsfamilie kletterte die spitzen Felsen hoch, bis er zehn Meter über dem Meeresspiegel war. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Entgegen einiger Warnungen älterer Gäste (aber auf Empfehlung von Yogalehrerin Nina) kletterte ich nach.
Mit leicht aufgekratzten Händen und Füssen kam ich herzklopfend oben an. Runterklettern ging nicht mehr. Also entschieden wir uns für die Flucht nach vorne und ins Blaue. Zurück auf dem Boot übte ich mit einem anderen Gast den Rückwärts-Köpfler, danach tauchten wir unter tief unter dem Boot hindurch. Adrenalin pur. Ich fühlte mich unglaublich lebendig.

Die Autorin mit anderen Teilnehmerinnen der Yogaferien.

Wir schaukelten dann noch bis spät in die Nacht übers Meer. Die Milchstrasse, die Sterne und das ruhige Wasser waren atemberaubend. Auf dem Steg ganz vorne am Boot übten wir unsere Yogaposen, danach zählten wir die Sternschnuppen. Einige schliefen in der milden Nachtluft ein.

Am Abend fragte ich Yogalehrerin Nina, ob ich denn durch mein Schwänzen heute Iyengar enttäuscht hätte. Sie sagte: «Überhaupt nicht, du hast auf dich und deine Bedürfnisse gehört. Und genau das ist Yoga.» Dann war «Zen» ja einfacher, als ich gedacht hatte.

Donnerstag, 10. September: Brennende Berge und leuchtendes Meer

Der heutige Tag stand ganz im Zeichen von kleinen Wundern. Am späten Nachmittag bestieg eine unternehmungslustige Gruppe die hoteleigenen Shuttle-Busse Richtung Çıralı. Am Rande des Dorfes führte ein ziemlich anstrengender Weg über Felsenstücke zu den ewigen Feuern der Chimäre.

Seit Jahrtausenden ist dort ein seltenes Naturspektakel zu beobachten: brennende Bergspalten. Das Feuer entsteht durch Gase, die aus Rissen des Felsens austreten und sich an der Luft entzünden. Überlieferungen zufolge sollen die Flammen in der Antike weithin übers Meer geleuchtet und Seefahrern bei der Orientierung geholfen haben. Nach der griechischen Mythologie hat der Jüngling Bellerophontes mit seinem fliegenden Pferd Pegasus die feuerspeiende Chimäre, eine Mischung aus Löwe, Ziege und Drache getötet. Dabei stiegen Flammen aus ihrem Maul auf.

Die Yoga-Gruppe beim Nachtessen
Verpflegung muss auch sein: Die Yoga-Gruppe beim Nachtessen.

Unser Führer Ilhan erklärte uns nach Sonnenuntergang eine ganz besondere Zeremonie. Wir nahmen daraufhin reihenweise einen Zweig Lorbeer (für das, was man weghaben will) und Myrrhe (für das, was man sich wünscht) in die Hand und legten sie in die Flammen. Beim Verbrennen der Blätter sollen die Wünsche in Erfüllung gehen. Bei einigen flossen Tränen. Das haben Kraftorte wohl so an sich.

Das eigentliche Abenteuer kam beim Abstieg. In Zweierreihen und mit je einer Taschenlampe ausgestattet, stolperten wir den unebenen Weg durch den finsteren Wald hinunter und machten Bekanntschaft mit einem Skorpion.

Danach gings per Shuttle ans Meer. Ich sprang mit ein paar anderen direkt in die endlose Schwärze. Plötzlich begann das Wasser dort, wo wir mit den Armen eintauchten, zu glitzern. Meeresleuchten heisst das seltene Phänomen. Dabei senden die Kleinstlebewesen im Meerwasser (wie Plankton) nach Berührung kurze Lichtsignale aus. Als ob das nicht genug war, leuchtete über uns noch die Milchstrasse.

Im Restaurant Iliz stiessen wir mit einer Runde Raki auf den gelungenen Tag an. Um Mitternacht waren wir Zuhause – einige schliefen seelenruhig bereits im Auto ein.

Mittwoch, 9. September: Mission Zen: Possible!

Ich weiss ja nicht, wie es Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser geht. Aber ich persönlich fand, dass Menschen, die sich in ihren Ferien noch anstrengen, ziemlich einen an der Waffel haben. Aktivurlaub? Nein, danke! Man spart ja nicht sein hart erarbeitetes Geld, um sich dann in den seltenen freien Wochen des Jahres auch noch abzumühen. Zudem war ich mir sicher, dass Ausschlafen mich garantiert mehr entspannen würde, als die zwei Stunden Yoga-Krafttraining. Nun, Vorurteile sind da, um aus dem Weg geräumt zu werden.

Das Essen war reichhaltig.

Wie jede gute Erkenntnis brauchte auch diese einen gewissen Leidensdruck. Konkret bedeutete dies eine Morgenwanderung um 05:00 Uhr. Beide Bestandteile des Wortes «Morgenwanderung» sind nicht meine Freunde. Nun gut, versprochen ist versprochen. Also irrte ich zusammen mit meinen Gefährtinnen durchs Dunkle und hoffte, dass niemand die Klippe herunterrutschte. Nach einem schweisstreibenden Marsch (folge dem Licht!) waren wir oben am Berg und kriegten nochmals die ganze Ladung Sonnenaufgangs-Romantik. Nach einer kurzen Meditation gings zurück ins Hotel. Pünktlich um neun Uhr stürzte ich mich auf das Morgenbuffet.

Nachschlafen? No rest for the wicked! Kurz darauf begann der nächste Ausflug, für den ich mich eingeschrieben habe. Mit «eingeschrieben habe» meine ich «im Auftrag meines Chefs für diesen Blog einschreiben musste». Wir, also eine neue Reisegruppe-Konstellation aus acht Frauen, packten unseren Rucksack für eine Bootstour. Sieben Stunden lang besuchten wir die schönsten Buchten der Küste. Beim ersten Stopp schwammen wir mit unserem Führer Ilhan in eine Höhle hinein, die am hinteren Ende stockdunkel war. Ich wurde als erste hineingeschickt. Mutprobe bestanden!

Beim zweiten Rast gabs Fisch an einem wunderschönen kleinen Strand. Danach hielten wir an einer Bucht, bei der wir uns mit Schlamm einreiben konnten. Eine Österreicherin zettelte eine Schlammschlacht an – und kassierte prompt eine Faust Matsch ins Gesicht. Der Kapitän schaute die lachende Bande ratlos an. Wir antworteten mit einem zielsicheren Wurf. Nach dem letzten Stopp (Tee und Kuchen) band man mich für eine Runde Bodysurfing mit einem Seil ans Boot. Es sei nicht ganz ungefährlich, ich dürfe mich ja nicht im Seil verwickeln und müsse immer den Kopf gen Himmel halten. Mutprobe Nummer zwei bahnte sich an. Nach einigen hundert Metern und ein paar Schluck Meerwasser gaben meine Arme auf. Zu diesem Zeitpunkt war ich ziemlich (!) weit draussen im offenen Meer. Das nicht ganz kleine Boot machte einen ziemlich (!) grossen Bogen, bis sie mich wieder aufgesammelt hatten. Ich musste ziemlich (!) fest an «Open Water» denken. In diesem Film werden zwei Taucher mitten im Meer vergessen und kämpfen anschliessend nicht nur ums nackte Überleben, sondern auch gegen Haifische. Dennoch: Es war grossartig.

Bei Sonnenuntergang sass ich hinten auf dem Steg und liess die Beine baumeln. Der Wind wehte durch mein vom Meerwasser gekräuseltes Haar und auf meinen Beinen bildeten sich weisse Salzflecken. Und ja, ich gebe zu: Es war besser, als einen Tag rumhängen. Mens sana in corpore sano und so. Die vielen Eindrücke schaffen zudem eine unglaubliche innere Ruhe. Denn wann gönnt man sich Zuhause schon mal einen Tag in der Natur? Ohne Handy? Ohne Stress?

Bei all dieser Erleuchtung würde ich jetzt trotzdem nicht soweit gehen, mich am Samstag noch für die fünfstündige Wanderung anzumelden. Man muss ja nicht den Helden spielen.

Dienstag, 8. September: Pfadilager

Morgenstund hat Sand im Mund! Der offiziell zweite Yogatag begann in der Dunkelheit, mit einer rumpligen Fahrt runter zum Strand. Aus Gruppendruck-Gründen hat man mich miteingepackt – ansonsten wäre ich wohl nicht freiwillig so früh aufgestanden. Die Belohnung kam um Punkt 6:37 Uhr mit einem kitschigen Sonnenaufgang und einem kurzen Schwumm im Meer. Danach fuhr uns Big Boss Ismail einen Hügel herauf, weil dort oben die Aussicht so schön sei. Der Geruch der Wälder und des Meeres war unglaublich. Als wir zurückkamen, stopfte ich mir ein Stück Brot in den Mund (dieses Mal bin ich vorbereitet), leerte ein Wasserfläschchen herunter und schaffte es gerade noch pünktlich in die obligaten zwei Stunden Morgenyoga. Und siehe da: Man gewöhnt sich wirklich an alles. Während bei mir gestern statt Chakras vor allem Schweissperlen flossen, ging heute alles irgendwie einfacher. Das sei der «Flow» sagte mir meine Matten-Nachbarin.

Nicht nur Yoga, sondern auch Ausflüge gehören dazu.

Mittagessen gabs heute an einem lauschigen Örtchen mitten im Wald, wo uns türkische Frauen das Fladenbrot Gözleme zubereiteten. Da hauptsächlich Frauen dabei sind, kam wie schon am ersten Tag im Shuttle-Bus ein eigentliches Sisterhood-Gefühl auf. Die Besucherinnen sind alle unglaublich offen und erstaunlich kommunikativ; nur selten läuft jemand mit einem «ich schweige»-Schild herum.
Am Nachmittag gings mit dem Kleinbus nach Olympos. Unter den riesigen Mauern der Grabstätte fühlte man sich winzig. Ein Flüsschen floss zwischen den Bäumen hindurch direkt ins glasklare Meer. Als ich mich am Abend zum Lesen zurückziehe, sagte ein Yogagspändli, sie hätte mich vermisst. Und als ich am Abend schreibend auf der Terrasse sass, fragten mich ein paar Frauen, ob ich auch in die abendliche Meditation käme. Am Abend reden wir an einem Tisch über unsere Verbundenheit. Eine Teilnehmerin sagt, es sei halt ein bisschen Pfadilager für Erwachsene. Und weil sie Recht hat, werde ich morgen um fünf für eine Morgenwanderung aufstehen.

Montag, 7. September: Der Geist ist willig, das Fleisch schwach

Heute galt es ernst: Kurz nach Sonnenaufgang versammelte sich unsere Gruppe in einem kleinen Häuschen mit offenen Seiten für die erste Yoga-Sitzung. Ich habe mal drei Jahre Power Yoga gemacht, die Fortgeschrittene-Klasse sollte also kein Problem sein. Zudem waren diese Frauen alle doppelt so alt wie ich. Und überhaupt: Wie schwer kanns schon sein? Dachte ich übermütig und stürzte mich in mein Unglück. Die Kombination aus nüchternem Magen, 37 Grad und zwei Stunden Yoga direkt nach dem Aufstehen ging mir ehrlich gesagt ziemlich an die Substanz. Man versprach mir jedoch, ich würde mich daran gewöhnen. Ich hoffe es.

Auch das «Sisterhood-Gefühl» kam nicht zu kurz.

Am Nachmittag gings zum ersten Mal an den Kiesstrand in der Bucht von Adrasan. Mit zwei Minivans fuhr unser Grüppchen durch die Pinienwälder und mir fiel zum ersten Mal auf, wie schön es hier eigentlich ist. Die 30 Bungalows sind zwischen den Bäumen versteckt, die Wege schlängeln sich um Granatapfelbäume herum und von der Terrasse sieht man aufs Meer. Auf dem Gelände spazieren Hühner, Katzen und Haushund Sir Henry. Als ich am Nachmittag auf einem Sessel las, setzte mir Besitzerin Nina plötzlich ein Küken auf die Hand. Zarte 30 Stündchen alt ist die gelbe Handvoll. Am Abend gabs die erste Meditation. Hier lässt es sich aushalten.

Sonntag, 6. September: Das erste Abendmahl

Merhaba Antalya! Fotografin Lea und ich sind uns einig: Schlaf wird überbewertet. Rechtzeitig packen auch. Das Gepäck vernünftigerweise schon am Vorabend einchecken sowieso. Also führte eins zum anderen und wir standen am Sonntagmorgen nach drei Stunden Schlaf und zu unchristlichen vier Uhr morgens beim Check-In des Flughafens Zürich. Im Koffer: Yogakleider, Bikini, Sonnencreme mit LSF Zehntausend. Mehr braucht ein Mädchen nicht, um bei 35 Grad in einem Yoga-Retreat glücklich zu werden.

Unser Zielort: der türkische Küstenort Adrasan in der Nähe von Antalya. Drei Flugstunden später rumpeln wir zusammen mit anderen Amateur-Yoginis in einem Shuttle-Kleinbus der türkischen Küste entlang, an Granatapfelbäumen und Campingplätzen vorbei ins Paradies. Mit uns reisen rund acht Frauen. Man spricht deutsch! Die einzige Ausnahme – und bis jetzt der Hahn im Korb – ist Landsmann Michel. Yoga sei aber nicht bloss ein Frauending, sagt mir Yogalehrerin Nina später. Sie hat in Deutschland gearbeitet, landete eines schönen Tages auf schicksalhafte Weise in der Türkei: Sie hat sich verknallt und lebt jetzt als Yogalehrerin hier im Lykia Adrasan Hotel. Quasi «Eat, Pray, Love» im echten Leben. Total romantisch.

Romantisches Nachtessen unter Sternenhimmel.

Da heute Anreisetag ist und alle ziemlich erschöpft sind, verkriechen sich die meisten ins Zimmer oder lassen sich im Pool treiben. Nach einem Abendessen unter Sternenhimmel überreden wir unseren Tisch zu einer paar Runden Efes (türkisches Bier) und überlegen uns, dass wir womöglich nicht den besten Einfluss auf die Gruppe haben. Lange geht der Abend dann doch nicht. Schliesslich müssen wir am Montagmorgen um acht auf der Yogamatte stehen. So ganz kann ich mir noch nicht vorstellen, inwiefern mich diese Woche entspannen soll. Neues Motto: Get Zen or die trying.

Die Reise wurde unterstützt von inspiration-reisen.ch

Bilder: Anne-Sophie Keller

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