15. Juli 2019

XY ... ungelöst

Bänz Friedli (54) kam sich cool vor. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser*innen austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Schriftzug - Eat the rich - auf Betonwand
Sprayerei auf Schulhauswand: Erinnerung an die Gymi-Zeit.
Lesezeit 1 Minute

«Sie wollen nur unser Bestes, aber das kriegen sie nicht!» Schwarz auf Beton steht es an der Aussenwand meiner einstigen Schule geschrieben, seit vielen Jahren, vorn beim Velokeller, ich weiss genau, wo – schliesslich habe ich es in einer Sommernacht 1984 eigenhändig hingesprayt. Und war furchtbar stolz. Denn als Jugendlicher streunt man in solchen Nächten nicht allein, man will der Clique imponieren, den Kumpanen. Und war das nicht eine kecke Abrechnung mit dem Gymnasium, das ich Wochen später abschliessen würde?

Der Schulweg kam mir länger vor, als ich letzthin wieder mal dort war. Eigenartig, denn meist erscheinen einem altvertraute Wege kürzer, Dinge kleiner. Drehte ich im Dorf meiner Kindheit abends noch eine Runde, schien der Weg mir lang und das Silo der Landwirtschaftlichen Genossenschaft ein Wolkenkratzer. Ein Türmchen ist es bloss noch, komme ich heute daran vorbei. Was dem Kinderauge gross erschien, wird winzig. Doch der Weg zu besagtem Schulhaus dünkte mich bei meinem jüngsten Besuch unversehens lang. Vermutlich, weil ich diesmal allein war, früher aber stets im Pulk. Wir fuhren mit dem Postauto in die Stadt, gingen dann das letzte Stück zu Fuss, die Böschung hinauf, durch den Lindenhain, vorbei an Wohnblöcken, einem Spital.

Die alten Bilder sind alle noch da: die breite Treppe vor dem Schulhaus, darauf hockt lässig der Sämu, den wir neidisch bewunderten, weil er rauchte und Frauengeschichten hatte und Schlagzeuger in einer Band war. Alles noch da, die Mensa, das Musikzimmer, die grosse Halle. Aber was ich einst als grau und beengend empfand, ist ein grosszügiger moderner Bau, dessen zeitlose Schönheit mich heute begeistert. Wie konnte ich mich nur so anstellen? Mich für die Deutschlektion morgens um halb acht mit «Blues-Brothers»-Sonnenbrille aufreizend gelangweilt in die hinterste Reihe fläzen, wie konnte ich provozieren, schwänzen, Lehrer verärgern, Mathematikprüfungen leer abgeben, einzig mit dem Vermerk «XY … ungelöst»? Und mir noch cool vorkommen dabei …

Weg. «Sie wollen nur unser Bestes, aber das kriegen sie nicht!» ist weg, nach Jahrzehnten entfernt. Mittels Hochdruckreiniger, offenbar. Stattdessen steht «Eat the rich» gesprayt. Da muss in jüngerer Zeit ein Maturand versucht haben, seine Kumpanen zu beeindrucken. Er kam sich bestimmt mutig vor – wie ich mir damals. Doch eigentlich war mein Spruch doof, denn die wollten wirklich unser Bestes. Aber nun ist es wohl ein bisschen zu spät, um Danke zu sagen.

Die Hörkolumne (MP3)

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