09. November 2017

Wunschkind dank US-Leihmutter

Homosexuelle Paare dürfen in der Schweiz keine Kinder kriegen – eigentlich. Die Zürcher Arne und Álvaro haben trotzdem einen Weg gefunden, sich ihren grössten Wunsch zu erfüllen.

Lesezeit 6 Minuten

Arne (39) schiebt seinen Ehemann Álvaro (35) mit einem Baby im Arm durch die Gänge des Memorial Hospitals in Bakersfield (USA). Obwohl dieser eigentlich ganz gut zu Fuss ist, muss er im Rollstuhl sitzen. Eine Richtlinie der Klinik schreibt vor, dass ein Teil des frischgebackenen Elternpaars nicht selbst gehen darf – selbst wenn in diesem Fall keiner von beiden tatsächlich eine Geburt hinter sich hatte.

Rollstuhlpflicht: «Mami» muss sich ausruhen. (Bild: Privat)

Arne und Álvaro lachen heute über diese Episode. Es ist eine der Kuriositäten, die einem schwulen Paar passieren können. In Spanien etwa gelten die zwei als verheiratet, während sie in der Schweiz nur eine eingetragene Partnerschaft eingehen konnten. Auch sonst mussten sie viele Hürden überwinden, etwa um sich ihren sehnlichsten Wunsch nach einem Kind zu erfüllen. Anders als in 14 anderen europäischen Ländern dürfen Schwule und Lesben in eingetragener Partnerschaft in der Schweiz nämlich keine Kinder adoptieren. Und selbst da, wo es rechtlich erlaubt ist, tendieren die Chancen für gleichgeschlechtliche Paare, ein Kind zu bekommen, gegen Null. So bleibt ­ihnen einzig die Möglichkeit einer Leihmutterschaft – also die Suche nach einer Frau, die ein Kind für sie austrägt.

Aber auch das ist in der Schweiz und den meisten europäischen Ländern verboten. «Viele schwule Paare bitten deshalb eine Freundin um Hilfe», erklärt Arne. «Doch für uns kam das nicht infrage.» Das Paar will nicht riskieren, dass Freundschaften kaputtgehen durch allfällige spätere Streitigkeiten um das Kind und dieses dann später darunter leidet.

Sie favorisieren deshalb eine saubere, vertraglich geregelte Lösung, die die Rechte aller Beteiligten garantiert und das Kindeswohl an erste Stelle stellt. Ebenso wichtig ist ihnen, dass sowohl Eizellenspenderin als auch Leihmutter einwilligen, dass das Kind sie später kennenlernen kann, sofern es diesen Wunsch äussert. Abgesehen davon haben beide Frauen weder rechtliche Ansprüche noch verbindliche Pflichten.

Nur in wenigen Ländern möglich

Dass sie Kinder wollen, war ihnen schon lange klar: «Wir sind beide Familienmenschen.» Doch bis sich das seit über zehn Jahren verheiratete Paar definitiv für eine organisierte Leihmutterschaft entscheidet, vergehen Jahre. Sie vernetzen sich mit Gleichgesinnten über Facebook und tauschen sich aus, recherchieren, rechnen. Finden heraus, dass legale Leihmutterschaften nur in wenigen Ländern möglich sind, darunter in den USA, in Indien und der Ukraine.

Die Kosten einer Leihmutterschaft verteilen sich auf sechs Bereiche. Grafik: Infogram

Bald ist klar, dass für sie einzig Amerika infrage kommt, obwohl die Kosten dreimal höher und die Reisewege um einiges länger sind. Aber in den USA sind die Frauen geschützt, sozial gut abgesichert, und die wirtschaftliche und politische Situation ist stabil. Zudem ist das Modell Leihmutterschaft gesellschaftlich akzeptiert. In Osteuropa und Asien ist diese Reproduktionsmöglichkeit ohnehin nur für Heteropaare möglich.

Arne und Álvaro stellen sich mehrfach die Frage: «Können und wollen wir uns das leisten?» Und dabei geht es nicht nur um die Finanzen.Fast genauso wichtig ist der Faktor Zeit: Zeit, die der gebürtige Deutsche und der gebürtige Spanier nebst ihren 100-Prozent-Jobs für Reisen in die USA, Auswahl einer Klinik, Behördengänge, Anwaltsbesuche und die Suche nach der richtigen Leihmutter und Eizellenspenderin investieren müssen.

Sie merken schnell, dass sie diese Aufgaben nicht allein bewerkstelligen können. Zum Glück gibt es professionelle Agenturen, die den Prozess für werdende Eltern so einfach und menschlich wie möglich machen. Sie nehmen ihnen viel Arbeit ab, doch die monetäre und psychische Belastung für das Paar bleibt hoch. Die harten Entscheidungen müssen nach wie vor die werdenden Eltern selbst treffen.

Eine Eizelle aus dem Katalog?

«Am schwierigsten für uns war es, die Eizellenspenderin auszuwählen», sagt Álvaro. Sie mussten ihre Auswahl anhand eines Katalogs treffen, in dem die Spenderinnen mit Foto, Alter, Beruf, dem familiären Umfeld und einer sehr persönlichen Selbstvorstellung aufgeführt sind. «Horror!» Nach langem Hin und Her treffen sie einen Entscheid, der auf Bauchgefühl und Sympathie beruht. Álvaro: «Wir mussten diese Frau irgendwie mögen.»

Doch die Unsicherheit bleibt: «Ist es die Richtige? Passt ihr Charakter zu uns?» Sie steigen zum ersten, aber nicht zum letzten Mal ins Flugzeug, um die Eizellenspenderin persönlich zu treffen und kennenzulernen. Sie verbringen gemeinsam einen wunderschönen Tag.

Die werdenden Papis besuchen die Leihmutter vor der Geburt. (Bild: Privat)

Auch mit der Leihmutter haben sie sich vor der Vertragsunterzeichnung unterhalten – per Skype. Sie sind sich von ­Anfang an sympathisch und verstehen sich gut, auch mit ihrem Ehemann und den leiblichen Kindern. «Wäre das nicht gewesen, hätten wir nie zugesagt», beteuert Álvaro. Umgekehrt gilt dasselbe. Die Leihmutter kann ebenfalls Nein sagen, wenn ihr die sozialen Eltern nicht sympathisch sind.

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«Ich bin gerne schwanger!» Leihmutter Crystal erklärt im Skype-Video, weshalb sie sich dafür zur Verfügung stellt.

Doch es passt für beide Seiten. Während der Schwangerschaft skypen sie regelmässig, zweimal besuchen sie die schwangere Frau in Kalifornien und verbringen Zeit zusammen. Das Vertrauen zwischen ihnen ist so stark, dass Leihmutter Crystal den intimen Moment der natürlichen Geburt mit Arne und Álvaro wie selbstverständlich teilt – obwohl sie auf dem Papier eigentlich eine von A bis Z durchreglementierte Geschäftsbeziehung führen: Leihmutter Crystal erhält zum Beispiel Kilometergeld für Autofahrten zu ärztlichen Kontrollen, sie darf sich Umstandskleider auf Spesen kaufen und erhält eine von den Vätern bezahlte Haushaltshilfe zur Verfügung gestellt, sobald sie wegen der Schwangerschaft Unterstützung braucht.

Doch die Beziehung ist alles andere als geschäftlicher Natur. Nach der Geburt verbringen Arne und Álvaro mit dem Baby fünf Wochen in Bakersfield. Für sie war das rückblickend eine sehr emotionale Zeit, die die beiden Familien eng zusammenschweisste.

Leihmutter Crystal mit der glücklichen Familie: Arne, Álvaro und Baby Silvan. (Bild: Privat)

Aber warum macht das eine Frau überhaupt? Die 34-jährige Amerikanerin, die sich zum ersten Mal als Leihmutter zur Verfügung gestellt hat, erklärt: «Ich bin gern schwanger und möchte Menschen unterstützen, die keine Kinder kriegen können.» Des Geldes wegen – im Schnitt erhält eine Leihmutter in den USA etwa 30 000 Dollar – habe sie auf keinen Fall ­zugesagt. Sie geht sogar noch weiter: Bevor die beiden ihre Familienplanung nicht abgeschlossen haben, will sie für niemand anderes Leihmutter sein. «Das käme mir vor, als würde ich Arne und Álvaro betrügen.» Die beiden lachen, als sie das hören.

Komplexe rechtliche Lage

Im Mai 2017 legt das Paar die Strecke Los Angeles–Zürich zum bislang letzten Mal zurück. Sie sind nun nicht mehr zu zweit, sondern haben ihren knapp fünf Wochen alten Sohn Silvan dabei. Ihm gehts gut, er ist drei Wochen vor dem geplanten Termin in Bakersfield gesund zur Welt gekommen und hat damit automatisch die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten.

Auf der Geburtsurkunde sind Arne und Álvaro als gleichberechtigte Väter eingetragen. Das ist gemäss kalifornischem Gesetz möglich und in einem vorgeburtlichen Gerichtsurteil festgehalten. Später wird Silvan noch einen spanischen und deutschen Pass erhalten.

Beide Länder erkennen dank dem Gerichtsurteil sowohl die Geburtsurkunde als auch die gleichberechtigten Väter an. Da beides in der Schweiz laut Gesetz nicht möglich ist, reist der Neugeborene offiziell als Tourist ins Land ein und erhält später den Ausländerausweis B. Das ist so, weil keiner der beiden die Schweizer Staatsbürgerschaft hat. Ansonsten würde nur der genetische Vater anerkannt – der Partner müsste sein eigenes Kind als Stiefkind adoptieren, was neu ab Januar 2018 gesetzlich erlaubt ist.

Zwei Papis nehmen Auszeit

Von ihren Arbeitgebern werden beide von Anfang an unterstützt. Sie erhalten zwar keinen Vaterschaftsurlaub, dürfen aber unbezahlten Urlaub nehmen, um bei der Geburt dabei zu sein und um ihr Kind aufwachsen zu sehen: Die ersten sechs Monate bleiben Arne und Álvaro abwechselnd Vollzeit zu Hause, danach reduzieren beide auf ein 80-Prozent-Pensum und gönnen sich je einen Papitag. Die restlichen drei Tage soll Silvan in der Kita betreut werden.

Auch wenn die ersten Tage und Wochen für die frischgebackenen Eltern streng sind, ­wissen sie schon jetzt, dass sie noch ein zweites Kind wollen – wieder mit Crystal als Leih­mutter. Die befruchtete Eizelle ist schon eingefroren. Wenn nochmal ­alles gut geht, haben Arne und Álvaro je ein leibliches Kind.

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Barbara Bleisch