19. Dezember 2018

Woher kommt der Weihnachtsmann?

Autor Mikael Krogerus ist Finne. Das macht ihn zum Weihnachtsmannexperten. In einer schaurig schönen Geschichte aus dem hohen Norden erzählt er, woher der Bärtige stammt.

Der finnische Weihnachtsmann

Der Tag wird kommen, an dem du nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubst. An dem Tag wirst du in dem Mann mit dem zu grossen Kostüm, dem falschen Rauschebart und den immergleichen Sprüchen nicht mehr den Weihnachtsmann sehen, sondern deinen Onkel, den Nachbarn oder einen schlecht bezahlten Studenten. Jedes Kind wird diesen Tag erleben. Es sei denn, es kommt aus Finnland. Denn in Finnland gibt es den Weihnachtsmann wirklich: Er heisst joulupukki und wohnt, wie jedes finnische Kind weiss, in Korvatunturi, einem Berg in Lappland. Warum das so ist, ist eine lange Geschichte. Aber sie ist wahr und sie ist gut und sie geht so:

Im Finnischen heisst Weihnachten joulu. Das Fest ist so wichtig, dass man als einzige Sprache weltweit gleich den ganzen Dezember danach benannt hat: joulukuu, Weihnachtsmonat. Joulu, so wird vermutet, kommt aus dem Frühgermanischen Jehwla oder Jxwla, was ursprünglich die Zeit zwischen Ende Oktober und Anfang November beschrieb und nach der Christianisierung die Geburt Jesu bezeichnete.

Onkos täällä kilttejä lapsia?

(«Gibt es hier artige Kinder?»)

Aber schon lange bevor die ersten Missionare Finnland entdeckten, feierten die Finnen am 13. Januar ein heidnisches Winterfest. An diesem Tag zog eine furchteinflössende, in Tierfellen gehüllte, gehörnte Gestalt, der nuuttipukki, – pukki bedeutet Bock – von Tür zu Tür. Er brachte aber nicht Geschenke, nein, er forderte umgekehrt welche, vor allem in Form von Spirituosen. Würde er keine erhalten, drohte er, die Kinder zu erschrecken. Als die Legende vom Sankt Nikolaus im frühen 19. Jahrhundert endlich ihren Weg auch nach Finnland fand, vermischte sich die Figur des Wohltäters Nikolaus mit der des Kinderschrecks nuuttipukki. Und so wurde aus nuuttipukki, dem Anti-Weihnachtsmann, der kinderliebende joulupukki, der moderne Weihnachtsmann. Es war eine Totaltransformation, aus böse wurde lieb, aus dunkel rot, allein der pukki im Namen erinnerte noch an den Vorgänger.

Schlitten mit vier Rentieren
Joulupukki, so geht die Legende, lebt in Korvatunturi in Lappland, was so viel bedeutet wie «Ohren Hügel», und darauf anspielt, dass joulupukki alles hört, was wir sagen, dass ihm nichts entgeht. Weshalb die Kinder am Heiligabend auch entsprechend ehrfürchtig sind, wenn es spät abends an der Tür klopft und die wohlbekannten Worte ertönen: «Onkos täällä kilttejä lapsia?» («Gibt es hier artige Kinder?»)

Mikael Krogerus an Weihnachten 1980
Mikael Krogerus an Weihnachten 1980

Traditionellerweise lässt sich der Weihnachtsmann von jedem Kind ein Lied vorsingen, bevor er die Geschenke aushändigt, vielleicht in Reminiszenz an den nuuttipukki einen Cognac trinkt und sich dann wieder auf den Weg macht mit seinem Schlitten – gezogen von vier Rentieren, von denen eines den Namen Petteri Punakuono trägt und angeblich das Vorbild war für Rudolph the Red-Nosed Reindeer. Nach getaner Arbeit geht es zurück nach Lappland, wo er das ganze Jahr über mit seinen Zwergen in seiner Werkstatt Wunschlisten liest und Geschenke einpackt. Wer dem finnischen Weihnachtsmann schreiben möchte, schickt einen ausreichend frankierten Brief an: Joulupukki, Finnland. Kommt immer an.

Natürlich ist die Bescherung auch in Finnland der Höhepunkt, und doch ging es in meiner Erinnerung an Weihnachten immer auch um mehr. Weihnachten in Finnland beginnt früh im Dezember mit pikkujoulu, was übersetzt «Kleine Weihnachten» bedeutet. Das Feiern von pikkujoulu – oft ein gemeinsames Glögi-Trinken mit Freunden oder im Familienkreis – löste in mir schon immer die Gewissheit aus, dass jetzt die guten Tage beginnen. Kenner übrigens trinken den Glühwein lieber auf Weissweinbasis mit Mandeln und einem Schuss kosken­korva, finnischem Schnaps. Jetzt ungefähr wäre auch ein guter Zeitpunkt, um Weihnachtsbriefe zu verschicken. Finnland ist kein Land, das auf Etikette schaut, niemand erwartet im Alltag Floskeln oder alberne Höflichkeiten, aber wer keine Weihnachtskarte schickt, der sucht Streit.

Geschäfte schliessen, öV wird eingestellt
Die eigentlichen Festtage beginnen am 24. Dezember. Vormittags schmücken die Kinder den Weihnachtsbaum, mittags um 12 Uhr geht es vor den Fernseher. Wir schauen die Übertragung einer ebenso alten wie schönen Tradition: dem Ausrufen des dreitägigen Weihnachtsfriedens. Seit 700 Jahren wird in der früheren Hauptstadt Turku ein kurzer mittelalterlicher Text verlesen, der zu Ruhe und Frieden während der Weihnachtstage mahnt. Es ist durchaus ernst gemeint: die Geschäfte schliessen, der öffentliche Verkehr wird eingestellt, und ein jeder versucht, über die Festtage etwas weniger an sich und etwas mehr an die anderen zu denken.

joulupukki

(Weihnachtsmann)

Bald schon wird es dunkel, und Zeit, zum Friedhof zu gehen, um Kerzen für die Verstorbenen aufzustellen. In meiner Erinnerung lag immer Schnee. Wir Kinder suchten uns den Weg zum Veteranen-Mahnmal, wo die Soldaten selbst bei bitterster Kälte martialisch und unbeweglich vor einer Fackel standen und der Gefallenen im Zweiten Weltkrieg gedachten. Und dann tauchte mein Grossvater neben mir auf und ging zum Grab des unbekannten Soldaten. Lange stand er einfach nur da, dann salutierte er. Auf dem anschliessenden Weg in die Kirche erzählte er uns vom Winterkrieg, als die Sowjetunion im Winter 1939/40 Finnland erobern wollte. Es war so kalt, dass die finnischen Soldaten an der Front in dem gefrorenen Boden Gruben aushoben und sich zu dritt übereinanderlegten, um sich gegenseitig zu wärmen. Alle paar Minuten wechselten sie die Stellung, damit der oberste nicht erfror.

Mikael Krogerus
Mikael Krogerus heute

Mein Grossvater erzählte mir das nicht, um mit seinen Taten zu prahlen, denke ich heute, sondern er erzählte es mir, weil er mich am Heiligabend etwas Demut lehren wollte.

Nach der Kirche wird gegessen.

Das traditionelle finnische Weihnachtsessen besteht aus Weihnachtsschinken (joulukinkku), Steckrüben- (lanttu­laatikko) und Mohrrübenauflauf (porkkanalaa­tikko). Es gibt viel, aber es ist einfach. Gegen Ende des Essens werden wir Kinder langsam unruhig, laufen zur Tür, spähen aus dem Fenster. Vorhin hat sich mein Onkel vom Tisch erhoben. Später wird mich der Weihnachtsmann fragen: Wo ist denn dieser nette Kerl, dein Onkel?

Ich glaube nicht mehr an den Weihnachtsmann. Aber es gibt ihn.

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Geschwister: Wenn eines mehr kann

Tania Amouzouvi mit ihrem Sohn Celio

Starke junge Mütter

Familie Diggelmann zu Hause beim Backen

Weihnachten feiern will gelernt sein

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Hilfsbereite dumme Kuh