03. Juni 2019

Wo man mit dementen Eltern Hilfe findet

Bettina Ugolini, Leiterin der Zürcher Beratungsstelle «Leben im Alter» (LiA), weiss, was pflegende Töchter und Söhne bedrückt, aber auch, was sie entlastet.

Lesezeit 3 Minuten
Bettina Ugolini ist Leiterin der Zürcher Beratungsstelle «Leben im Alter».
Bettina Ugolini (57) ist diplomierte Pflegefachfrau und Gerontopsychologin, Co-Autorin des Buches: «Ich kann doch nicht immer für dich da sein! Wege zu einem besseren Miteinander von erwachsenen Kindern und betagten Eltern».

In der Schweiz leisten Töchter und Söhne einen Riesenanteil der Betreuung ihrer dementen Eltern. Sie unterstützen und pflegen sie während rund fünf Jahren durchschnittlich 25 Stunden pro Woche in deren Wohnung. Wer übernimmt diese Aufgabe, wenn Paare immer weniger Kinder haben, die zunehmend in alle Welt ausfliegen?
Bettina Ugolini: Das ist ein Problem, das tatsächlich auf uns zukommt und mir grosse Sorgen bereitet. Mit telefonischer Fernbetreuung ist es auf jeden Fall nicht getan. Es wird wesentlich mehr Pflegefachkräfte brauchen. Doch eine aktuelle Studie zum Thema Pflegenotstand ergab, dass bei uns schon in den nächsten Jahren ein erheblicher Mangel an Fachkräften bestehen wird. Ganz abgesehen davon, stellt sich für mich noch eine andere hochbrisante Frage: Wem fällt überhaupt noch auf, dass die verwitwete Frau Müller dement wird, wenn ihre Tochter in Kanada lebt und ihr Sohn in Australien?

Wer könnte hier einspringen?
Die Kassiererin in der Migros müsste reagieren, wenn sie feststellt, dass Frau Müller jeden zweiten Tag drei Pakete Butter kauft. Auch der Coiffeur und die Frau am Bankschalter, ja, wir alle tragen im Grunde Verantwortung für betroffene Menschen, die bis zu einer Einweisung in ein Heim doch mitten unter uns leben. Im Kanton Zürich gibt es bereits in der Stadt Zürich das Angebot SiL, in Dielsdorf und Bassersdorf je eine Aida-Care-Anlaufstelle, wo sich beispielsweise die besorgten Nachbarn von Frau Müller professionellen Rat holen können.

Sie leiten seit 17 Jahren die Beratungsstelle «Leben im Alter» (LiA) und haben täglich mit ratsuchenden Angehörigen zu tun. Was macht pflegenden Töchtern und Söhnen das Leben besonders schwer?
Viele verzweifeln schier, weil der demente Vater nicht realisiert, dass er krank ist und Hilfe braucht. Da fragt dann der Sohn, wie viel Druck er anwenden darf oder gar muss. Ein zweites grosses Problem liegt in der Geschwisterrivalität begründet. In der Regel leisten nicht alle Töchter und Söhne gleich viel Hilfe, und mit der Zeit kann dieses Ungleichgewicht viel Unmut, Frustration und schlimmere Gefühle auslösen. Belastend an der Demenz eines nahestehenden Menschen ist auch die eigene Ohnmacht: Ich kann es nicht verhindern, dass meine Mutter langsam im Nebel verschwindet und sich ihre einstige Persönlichkeit mehr und mehr auflöst. Damit sind schmerzhafte Prozesse des Abschiednehmens verbunden, die sich über Jahre hinziehen können. Schliesslich wird die Dauer einer Demenzerkrankung von der Diagnose bis zum Tod auf durchschnittlich acht bis zehn Jahre veranschlagt.

Einer der schwierigsten Entscheide ist sicher, die eigenen Eltern meist gegen ihren Willen in ein Heim einzuweisen. Wann ist der Zeitpunkt gekommen?
Das ist in hohem Masse von den Lebensumständen der Beteiligten, ihren Finanzen und den vorhandenen Betreuungsmöglichkeiten abhängig. Prekär wird es sicher, wenn die Kranken sogenannt herausforderndes Verhalten zeigen wie hohe Aggressivität, verbunden mit lautem Rufen, aber auch einen kaum zu bremsenden Bewegungsdrang, der dazu führt, dass sie beispielsweise nachts die Wohnung verlassen. Solche Umstände können die Angehörigen schnell überfordern. Man weiss aus Untersuchungen, dass vor allem Frauen Mühe haben, sich abzugrenzen und der eigenen Gesundheit Sorge zu tragen. Dann leidet natürlich auch die Betreuungsqualität, und ein Heim ist mit Sicherheit die bessere Alternative, weil hier eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung gewährleistet wird. Schuldgefühle sind auf jeden Fall fehl am Platz.

Wann sollten sich Angehörige Hilfe holen?
Je früher desto besser. Am besten gleichzeitig mit der Diagnose. Sie sollten sich wenigstens informieren, welche Hilfsangebote es gibt, die sie bei Bedarf beiziehen können.

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