14. Juni 2018

#MeToo und #TimesUp erschüttern Hollywood wie ein Erdbeben

Die Schauspielerin Cate Blanchett fordert derzeit die grossen Studios heraus. Die Australierin über ihre vorwiegend mit Frauen besetzte Diebeskomödie «Ocean's 8» und über Gleichstellung im Filmbusiness, an Festivals und in der Familie.

Jury-Präsidentin Cate Blanchett
Jury-Präsidentin Cate Blanchett im farbenfrohen Blumenkleid am Filmfestival von Cannes 2018. (Bild © Dukas)

In «Ocean’s 8» planen Sie zusammen mit Sandra Bullock und sechs weiteren Frauen einen komplizierten Juwelenraub. Wie gut sind Sie im Pläne schmieden?

Ein bisschen planen kann ich schon. Sandy, so nenne ich Sandra, übrigens auch. Wir sind ja beide Mütter, Produzentinnen, Schauspielerinnen und Bürgerinnen dieser Welt. Und entsprechend ist die Koordination des Alltags für uns oft ein bisschen wie eine militärische Operation.

Mit von der Gaunerpartie sind zusätzlich Anne Hathaway, Helena Bonham Carter, Sarah Paulson, die Sängerin Rihanna sowie die Komikerinnen Mindy Kaling und Awkwafina. Bei einer grossen Gruppe von Darstellerinnen stellt man sich die Dreharbeiten sehr amüsant vor ...

Wir hatten in der Tat den besten Make-up-Wohnwagen aller Zeiten. Wir konnten uns während der Maske alle beschnuppern: Mit lächerlichen Lockenwicklern im Haar ist das Eis ja auch schnell gebrochen. Ich kannte zuvor ja nur Sandy und Annie, und mit Sarah hatte ich schon gearbeitet. Die anderen waren neu für mich. Nora (aka Awkwafina) und Rihanna brachten eine tolle Energie, und Mindy ist ja eine fantastische Schreiberin, die gut zuhören und Probleme lösen kann. Obwohl nicht alle gleich viel Filmerfahrung hatten, waren wirklich alle top.

Haben Sie Rihanna Schauspiel-Tipps gegeben?

Rihanna braucht keine Tipps von mir. Sie hatte ihren Schauspielcoach am Set dabei. Das Darstellen gelingt ihr sehr natürlich, total entspannt und geschmeidig. Und diese Augen!

Beim Raubobjekt im Film handelt es sich um ein Juwelencollier. Besitzen Sie selber wertvollen Schmuck?

Mein erstes Schmuckstück war ein Edelstein, den ich von meiner Grossmutter geschenkt bekam und ich heute noch trage. Und meine Schwiegermutter schenkte mir ihren Verlobungsring - als ich bereits 15 Jahre mit ihrem Sohn verheiratet war. Ich war so gerührt – sie vertraute mir also endlich (lacht). Meine Schmuckstücke haben also vor allem einen sentimentalen Wert.

Hatten Sie schon mal das Gefühl, einen Jackpot geknackt zu haben?

Ja, als ich aus der Schauspielschule kam und von der Sydney Theater Company gleich für das Stück «Oleanna» von David Mamet an der Seite von Geoffrey Rush angeheuert wurde. Ich habe geweint vor Freude und dachte, dass es danach nur noch abwärts gehen könne. Denn als ich anfing, hiess es noch, Schauspielerinnen hätten etwa fünf gute Jahre vor sich und man solle das Beste daraus machen.

Wie haben Sie dieser Prognose entgegengewirkt?

Ich blieb optimistisch und nahm auch Rollen an, die andere ablehnten - wie beispielsweise diese typische Klischeefigur «Freundin der Hauptfigur». Ich betrachtete jede Rolle, als wäre sie die letzte, und genoss sie entsprechend. Dass ich mal einen Film drehen würde, hätte ich damals schlicht nicht zu träumen gewagt. Schon bei Castings wusste man damals nicht, was man mit mir anfangen sollte. Heute gibt es im Film glücklicherweise mehr als nur dieser eine dekorative Freundin-Frauentyp. Diesbezüglich hat sich schon etwas verändert. Und wir gehen bestimmt auch nicht mehr zurück in diese prähistorische Zeit.

Die #MeToo- und #TimesUp-Bewegungen haben das chauvinistische Hollywood wie ein Erdbeben erschüttert. Ist ein Sommerfilm mit acht Frauen in der Besetzung der erste Schritt zu einem gleichberechtigten Film-Business?

So ein Film ist tatsächlich sehr selten, und ich hoffe umso mehr, dass er sein Publikum findet. Wir haben ihn 2016 gedreht. Seither hat sich die Filmlandschaft sehr verändert: Zurzeit werden viele tolle Filme produziert, die auf Frauenrollen geschrieben wurden.

Sie waren Jurypräsidentin am Filmfestival in Cannes und haben mit 81 Frauen demonstriert, weil wenige Frauen in der Geschichte des Festivals für den Wettbewerb eingeladen waren und noch weniger gewannen. Halten Sie die Forderung nach einer Geschlechterquote «50 zu 50 bis 2020» am Festival für realistisch?

Ich habe nicht gesagt, das müsse oder werde so sein. Aber ich war auf französischem Boden, und die Frauen in Frankreich und Europa wollten mit einer positiven Aktion die #TimesUp-Bewegung in den USA unterstützen. Es wäre schön, gäbe es mehr Frauen in den Selektionskomittees der Festivals. Es ist ja nicht so, dass weibliche Kreativität 2000 Jahre geschlafen hat und es keine Regisseurinnen gibt. Sie sind einfach zu wenig gut repräsentiert an den Festivals.

Aber auch Ihre Jury hat keine Regisseurin ausgezeichnet.

Wenn wir eines Tages zwölf nominierte Frauen und zwölf nominierte Männer hätten, stünden die Chancen besser. Heute ist es ein Irrsinn, drei Frauen in einem Wettbewerb mit 21 Filmen diesen Druck aufzuerlegen, dass sie siegen müssen. Dass die Filme von Nadine Labaki, Eva Husson und Alice Rohrwacher nicht die Palme d’Or gewonnen haben, heisst ja nicht, dass sie nicht in Betracht kamen. Aber die Jury entscheidet demokratisch, und wie Jurymitglied Khadja Nin zu Beginn richtig sagte: Wir waren nicht da, um zu werten, sondern um auszuwählen. Und das war ein ziemlich schmerzhafter Vorgang.

Wie haben Sie sich in der Leaderrolle als Jurypräsidentin erlebt?

Wie geeignet ich für diesen Job bin, müssen Sie wohl die anderen Jurymitglieder fragen. Es war jedenfalls einer der glücklichsten und faszinierendsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe: ein Privileg und eine grosse Verantwortung. Als Leader(in) muss man in erster Linie wirklich zuhören können und dafür sorgen, dass sich jeder miteinbezogen fühlt. Kompromisse gehören dazu. Auch in der Kunst. Manchmal entstehen die besten Momente aus Kompromissen.

Sie haben auch eine Leaderrolle in der #TimesUp-Bewegung. Welche konkrete Veränderung erhoffen Sie sich im Kampf gegen sexuelle Gewalt am Arbeitsplatz?

Also erstens: Es gibt keine Leaderrolle - es ist eine nicht-hierarchische, alle einbindende Bewegung und grösser als jedes seiner Individuen. Die Industrie, in der ich arbeite, ist sehr öffentlich und immer gleich Kritik ausgesetzt. Aber ich halte es für wichtig, dass wir unsere Plattform nutzen. Künstler sind ja immer die Ersten, wenn es um soziale oder politische Veränderungen geht: Wenn wir in unserer Industrie etwas verändern können, kann das auch in einem nicht öffentlich zugänglichen Berufsumfeld passieren. Denn es gibt keine Berufe, in denen gleiches Geld für gleiche Arbeit gezahlt wird oder Machtmissbrauch nicht vorkommt.

Hatten Sie auch schon auf einen Film verzichtet, weil Ihnen nicht gleich viel Geld geboten wurde, wie Ihrem männlichen Co-Star?

Ja, und das ist noch gar nicht so lange her. Ich bin nicht Schauspielerin geworden wegen des Geldes. Ich habe auch schon nur 10'000 Dollar für einen Film bekommen und die gleich wieder in den Film gesteckt, weil der ansonsten in sich zusammengefallen wäre. Aber ich sehe nicht ein, warum ich für gleiche Arbeit nicht gleich viel verdienen sollte wie mein Co-Star. Mir ist völlig klar: Es wird sich nichts über Nacht ändern. Aber jetzt ist auch genug mit geduldig sein.

In «Ocean’s 8» wird argumentiert, dass Frauen sich als Diebinnen besonders eignen, da sie in der Gesellschaft unsichtbar sind, also nicht wahrgenommen werden. Sehen Sie das auch so?

Ich glaube, dass Frauen wohl oder übel verstohlen agieren müssen, und dass uns deshalb nachgesagt wird, dass wir manipulierend seien. Andererseits: Wenn wir direkt sind, ist es auch nicht recht. An der Pressekonferenz in Cannes wurden mir viele Fragen gestellt, weil ich Madame President war - ein Titel, den ich übrigens sehr mochte (lacht). Obwohl ich versuchte, die Fragen auch an andere Jurymitglieder weiterzugeben, hiess es nachher, ich sei sehr happy gewesen, das Wort an mich zu reissen. Würde man so was über Pedro Almodovar, George Clooney oder die Coen Brothers sagen? Wir brauchen nicht nur mehr Frauenpower, sondern es muss sich auch ändern, wie man über Frauen redet und wie man sie einstuft. Meine «Ocean’s 8»-Co-Darstellerin Awkwafina meinte, wir sollten uns das Narrativ zurückstehlen – es gab doch Zeiten, da mussten wir Frauen stark sein und waren es auch – und zwar ohne dass man uns Machthunger unterstellte.

Es ist jetzt 20 Jahre her, seit Sie als Königin Elizabeth Ihren internationalen Durchbruch feierten. Sie sind damals von Australien nach Hollywood gezogen und leben heute ausserhalb von London. Wieso haben Sie Europa als Familiensitz gewählt?

Wir haben uns letztlich für England entschieden, weil zwei unserer Kinder da geboren sind und mein Mann da seine Wurzeln hat. Den königlichen Hochzeits-Wirbel letzten Monat habe ich jedoch verpasst (lacht). Und übrigens gilt: Australien verlässt man eigentlich nie richtig, es ist ein sehr magnetisch anziehender Kontinent. (lacht)

In der Traumfabrik Hollywood zeigt sich immer wieder, dass es schwierig ist, Beziehungen intakt zu halten. Sie jedoch sind seit 20 Jahren mit dem Autor Andrew Upton verheiratet. Was machen Sie richtig?

Ich habe einen Seelenverwandten kennengelernt, und das zum richtigen Zeitpunkt. Das heisst: Als wir uns beide mit der gleichen Begeisterung aufs Leben gestürzt haben, warf das uns in eine gute Bahn. Und es funktioniert immer noch, weil wir für den anderen nur das Beste wollen. Wir ergänzen uns, wir konkurrenzieren uns nicht. Klar, meint mein Mann manchmal auch, dass er in einer sechsköpfigen Familie zu kurz kommt. Aber was sich nie ändert, ist der Respekt, die Zärtlichkeit und der Humor. Immer wenn er mich zum Lachen bringt, verliebe ich mich neu in ihn.

Sie haben nach drei Söhnen schliesslich ein Mädchen adoptiert. Wie hat das die Familiendynamik verändert?

Da sind wir wieder bei der Geschlechterfrage, nicht wahr? Als ich ein Mädchen war, hätte ich eigentlich gar nicht gedacht, dass ich einmal Kinder haben würde. Aber dann traf ich meinen Mann, und wir bekamen ein Kind. Schon damals überlegten wir uns, allenfalls ein zweites Kind zu adoptieren. Aber dann kam das zweite. Danach sprachen wir wieder übers Adoptieren. Aber es war dann halt erst nach dem dritten so weit. Und es ging auch nicht darum, ein Mädchen zu haben. Wir hatten einfach Platz in unserem Leben. Ich bin sehr stolz auf meine Buben, wie sie die Kleine aufgenommen haben. Alle vier können sich glücklich schätzen, dass sie einander haben.

  • master

«Ocean’s 8» in Open-Air-Kinos

In Schöftland AG: im Austalian-Open-Air-Kino
In Trubschachen BE: im Open Air hof3
In Buochs(-Ennetbürgen) NW: im Kinospektakel

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