14. August 2017

Wir sind jung und brauchen das Glück

Die Generation Y – englisch tönt das wie «why», also «warum», hinterfragt alles, ist faul und kann sich nicht entscheiden. So die gängigsten Vorurteile. Aber ist das wirklich so? Ich treffe mich mit zwei Freunden zum Interview-Roulette über unsere Generation.

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«Ihr hinterfragt alles!», so das Vorurteil an die Generation Y. Doch das Fragestellen kann auch Vorteile haben.
Lesezeit 6 Minuten

Fast täglich lese ich einen neuen Text über die Generation Y. Mal echt witzig (wie dieser hier) , mal selbstkritisch und reflektiert (wie der hier) , und manchmal auch eher daneben. Unsere Generation rast mit Vollgas auf den Arbeitsmarkt, und will alles anders machen – keine leichte Aufgabe für alle Beteiligten. Logischerweise entstehen Vorurteile über unsere Generation.

Mit meinen Freunden Leandro und Reto habe ich Interview-Roulette gespielt: Wir haben abwechselnd Fragen über die populärsten Vorurteile gezogen und diese gemeinsam beantwortet:

Kann sich unsere Generation nicht festlegen?

Leandro: Man arbeitet heute nicht mehr 30 Jahre im selben Job. Darum müssen wir uns anpassen können. Und es gibt uns die Möglichkeit, verschiedene Jobs auszuprobieren.

Dinah: Verschiedene Jobs zu machen, heisst ja nicht, dass wir weniger Erfahrung haben, sondern einfach differenziertere.

Reto: Es macht mir fast weniger Angst, zu wissen, dass ich nicht das ganze Leben im selben Job arbeiten muss. Ich finde es beruhigend, dass es Wechsel gibt.

Dinah: Sind wir darum auch für Neues besser vorbereitet?

Leandro: Ich glaube schon, ja. Man ist offener gegenüber neuen Kapiteln im Berufsleben. Gleichzeitig hat sich auch die Vielfalt der möglichen Jobs vergrössert. Auch darum will man sich vielleicht nicht zu stark festlegen.

Sind wir faul?

Dinah: Ich denke nicht, dass wir weniger leisten. Neben der Arbeit haben viele von uns noch Projekte und machen andere Dinge, die für uns einen Sinn ergeben.

Reto: Genau. Früher hatte man vielleicht nur den Job und machte nebenbei keine grossen Arbeiten mehr. Das ist heute anders. Wir leisten auch in der Freizeit etwas.

Leandro: Wenn ich einen Job bekäme und wählen könnte zwischen 100 und 80 Prozent, würde ich mich natürlich für 80 Prozent entscheiden. Das hat aber nichts mit Faulheit zu tun aber die zusätzliche Freizeit wäre mir wichtiger als das Geld.

Warum haben wir so hohe Ansprüche?

Leandro: Es geht heute für uns nicht mehr darum, das Brot auf den Tisch zu bringen, wir können es uns erlauben, nach einer Arbeit zu suchen, die zwar Geld einbringt, uns aber vor allem erfüllt.

Dinah: Genau, es geht nicht mehr ums harte Überleben, was sicher ein riesen Privileg ist. Ich finde es wichtig, dass wir hohe Ansprüche haben. Das Gegenteil wäre ja, dass uns alles egal ist und ich wäre von mir selbst enttäuscht, wenn das so wäre. Es ist ja nicht so, dass ich nur von andern mehr fordere, sondern auch von mir selbst.

Reto: Unter einem guten Job stelle ich mir eine Tätigkeit vor, bei der ich auch Spass habe. So wäre ich auch bereit, Überstunden zu machen, weil sich die Arbeit ja nicht unbedingt als solche anfühlt. Und wenn ich einen Sinn in meinem Tun sehe, sind mir dafür der Lohn und andere Anreize weniger wichtig. Das gleicht sich dann auch aus.

Gehen wir verschwenderisch mit Geld um?

Leandro: Ich glaube nicht, dass wir sorgloser mit Geld umgehen. Wir machen das wohl ähnlich wie die Generation unserer Eltern. Aber klar, für uns gibt es heute mehr Möglichkeiten, Geld auszugeben. Smartphones sind so ein Beispiel. Die gab es früher einfach gar nicht.

Wir haben viele Möglichkeiten, können aber nicht damit umgehen?

Reto:Es ist psychologisch vielleicht einfacher, Bauer zu werden, weil der Vater auch Bauer war. Aber natürlich möchte ich nicht, dass es immer noch so ist. Wir können uns ausprobieren, haben unzählige Möglichkeiten, aber wir haben wohl noch nicht gelernt, damit umzugehen. Ich glaube, wir müssen lernen, damit umzugehen. Und uns daran gewöhnen, dass wir uns zwar früh so etwas wie einen Startpunkt für die Karriere überlegen, aber die Richtung auch immer wieder ändern können später.

Dinah: Man muss sich vielleicht auch den Druck nehmen, denn der erste Job ist einfach nur ein Anfang und wenn’s nicht passt, kann man ja immer wieder was anderes machen.

Leandro: Vielleicht wird auch mal etwas investiert in die Aufklärung von jungen Leuten. Es ist ja längst nicht mehr so, dass man den Gymer machen muss. Man kann auch nach einer Lehre studieren und hat zudem bereits Arbeitserfahrung. Vielleicht wird es an uns liegen, die Generation unserer Kinder besser beraten zu können.

Gleichstellung zwischen Frau und Mann: Ein Thema in der Generation Y?


Hinterfragen wir alles? Und warum?

Wir sind jung und brauchen das Glück?

Leandro: Sicher gibt es auch Leute in unserer Generation, die vor allem Geld verdienen wollen. Aber ich denke, das Glücklich-Sein ist extrem wichtig geworden. Der Job ist ja nicht nur ein Tool um Rechnungen zu zahlen, sondern auch ein Ort, wo man sich erfüllen kann.

Reto: Es hat schon damit zu tun, wie weit wir in der Schweiz sind. Es geht hier nicht mehr ums Überleben, darum ist das Streben nach Glück wohl die logische Folge.

Dinah: Ist es wichtiger als Geld?

Leandro: Ich kann nicht für alle sprechen, aber ich denke schon. Wenn ich in meinem Umfeld fragen würde, was wichtiger ist, dann wäre es bei den allermeisten das Glück. Die würden lieber auf 1000.- im Monat verzichten, wenn sie dafür zufrieden und glücklich sein können.

Was sagt ihr zur Work-Life-Balance?

Reto: Für mich braucht es keine strenge Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Wenn ich im Job erfüllt bin, fliessen die Bereiche ja ineinander und ich wäre zu mehr Einsatz bereit. Logisch will ich noch andere Dinge machen als arbeiten, aber ich will nicht in der Freizeit etwas kompensieren müssen.

Leandro: Ich wünsche mir schon eine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Ich will nicht ständig das Gefühl haben, ich müsste noch etwas erledigen, auch abends und am Weekend. Gleichzeitig möchte ich mich aber auf die Arbeit freuen können.

Dinah: Das Verhältnis hat sich auch geändert. Ich will einfach nicht denken ‚Fuck monday, ich kann nicht warten bis es Freitag ist’. Dann würde ich wohl die Arbeit nicht gut erledigen.

Leandro: Also wenn es so wäre, müsste man doch seine Situation hinterfragen, und zwar schon früh, und dann halt nach einer neuen Möglichkeit suchen.

Werden wir es schaffen?

Dinah: Ich glaube schon. Weil wir eben so flexibel sind und ein anderes Mindset haben als Generationen vor uns.

Reto: ja. Ich glaube nicht, dass wir die Menschheit in Grund und Boden fahren werden mit unserer Generation.

Leandro: Everything is gonna be ok.

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