16. Oktober 2017

«Wir halten an unserer Ambition fest»

Das Ziel, bis 2017 nur noch «eco»-zertifizierte Textilien zu verkaufen, wird die Migros verfehlen. Im Interview erläutert Manfred Bötsch, Leiter Direktion Nachhaltigkeit, die Gründe und wie es jetzt weitergeht.

Manfred Bötsch, Leiter Direktion Nachhaltigkeit & Qualitätsmanagement bei der Migros, im Interview.
Lesezeit 4 Minuten

Die Migros versprach 2013, bis Ende dieses Jahres alle Textilien gemäss dem eigenen «eco»-Standard zu beschaffen. Was hat man in den vier Jahren erreicht?
Manfred Bötsch: Es ist uns gelungen, den bereits anfänglich hohen Anteil «eco»-zertifizierter Textilien kontinuierlich zu steigern. Allerdings geschah dies nicht so schnell, wie wir uns erhofft hatten. Bei der Bekleidung haben wir heute 80 Prozent erreicht, über das gesamte Textil-Sortiment zwei Drittel. Das Ziel, bis Ende Jahr 100 Prozent zu schaffen, werden wir verfehlen.

Wo liegen die Gründe?
Wir haben unterschätzt, wie aufwändig es ist, den Migros-eigenen «eco»-Standard bei komplex zusammengesetzten Produkten durchzusetzen. Nehmen wir eine Skijacke: Die besteht aus Innenfutter, Aussenfutter, Isolationsmaterial, Kapuze, Reissverschluss und vielem mehr. Für alle diese Bestandteile gilt es, Produktion und Fertigung einzeln zu kontrollieren. Das bedeutet in der Realität mehrere Dutzend Betriebe für ein einziges Produkt. All dies ist sehr aufwändig und braucht Zeit. Daneben gibt es prozessuale Probleme, die noch ungelöst sind. Zum Beispiel, wie man Textilien ohne die problematischen Fluor-Chemikalien gleichzeitig noch Eco-kompatibel machen kann.

Hätte das Versprechen mit mehr Zeit eingehalten werden können?
Neben dem Zeitfaktor gibt es noch eine andere Herausforderung: In der Schweiz mögen wir ein bedeutender Detailhändler sein, auf dem globalen Textilmarkt ist die Migros ein kleiner Player. Mit unseren vergleichsweise kleinen Stückmengen einen eigenen Standard zu etablieren, ist schwierig. Für viele Lieferanten, die technisch in der Lage wären, Eco umzusetzen, sind wir nicht interessant genug.

Umweltschutzkreise kritisierten das «eco»-Versprechen damals als unrealistischen Alleingang. Hatten sie ein Stück weit recht?
Als die Migros «eco» 1996 ins Leben rief, war sie damit absolute Pionierin. Erst in den letzten Jahren hat sich unser umfassender Ansatz, nicht nur das Produkt und den Fabrikationsprozess von schädlichen Chemikalien zu befreien, sondern auch soziale Arbeitsbedingungen durchzusetzen, bei den grossen internationalen Labels ebenfalls durchgesetzt. Dies war zum Zeitpunkt der Lancierung unseres Versprechens in diesem Ausmass nicht vorhersehbar. Unser Versprechen hat uns weitergebracht. Es ist aber korrekt, dass der grosse Hebel für Verbesserungen der Situation in Lieferantenländern beim gemeinsamen Vorgehen vieler Unternehmen liegt.

Manfred Bösch über selektives Nachhaltigkeitsbewusstsein.

Was bedeutet das für die Migros?
Wir haben vor diesem Hintergrund beschlossen, uns zu öffnen und Alternativen zu «eco» zu evaluieren. Ab 2018 arbeiten wir mit ausgesuchten internationalen Textilstandards zusammen und hoffen, so schneller voranzukommen. Denn an unserer Ambition, 100 Prozent des Textil-Sortiments ökologisch und sozial nachhaltig zu beschaffen, halten wir fest.

Sind diese Textilstandards denn gleichwertig mit «eco»?
Für uns kommen nur Standards mit mindestens so hohen Anforderungen wie «eco» in Frage. Sie müssen eine ökologisch einwandfreie und sozialverträgliche Herstellung sowie eine lückenlose Rückverfolgbarkeit und Dokumentation sämtlicher Arbeitsschritte gewährleisten. Aufgrund dieser Vorgaben evaluieren wir vier zusätzliche Standards (siehe unten), drei davon werden derzeit in Pilotprojekten getestet. Wir sind zuversichtlich, so die 100-Prozent-Marke schneller zu erreichen.

Stimmt eigrntlich der Eindruck, dass das Nachhaltigkeitsbewusstsein bei Textilien geringer ist als bei Lebensmitteln?
Hier existiert tatsächlich ein Gefälle. Je näher am Körper, desto grösser das Nachhaltigkeitsbewusstsein. Deshalb ist es nirgends ausgeprägter als bei Nahrungsmitteln, die man aufnimmt. Bei Non-Food-Produkten wie Möbeln oder Heimtextilien muss man sich hingegen aktiv vergegenwärtigen, dass diese für Umwelt und Wohlbefinden ebenfalls relevant sind.

Manfred Bötsch über die Bedeutung von Textil-Recycling.

Kleider trägt man doch sehr nah am Körper.
Ja, und darum haben sie auch einen relativ hohen Anteil am «eco»-zertifizierten Textilsortiment. Doch auch hier gibt es Unterschiede: Am stärksten ausgeprägt ist das Bewusstsein bei der Babykleidung. Dann kommen Unterwäsche und Pyjamas, also Kleider, die man direkt auf der Haut trägt. Bei einer Jacke nimmt es bereits wieder ab und bei Vorhängen noch einmal.

Die Migros beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit bei Textilien. Wie geht es in der Branche weiter?
Das Thema der Zukunft ist auch hier die Ressourcen-Effizienz und die Wiederverwertung beziehungsweise das Schliessen von Materialkreisläufen. Der Einsatz natürlicher Materialien ist nicht nur für die Umweltverträglichkeit wichtig, sondern auch fürs Recycling. Belastete Stoffe lassen sich nicht effizient wiederverwerten. Weiter muss bei der Herstellung der Energie- und Wasserverbrauch sinken. Die Migros wird ihren Teil tun, um diese Entwicklung voranzutreiben.

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