21. Juli 2017

Wieder im Stau? Nimms cool

Jedes Jahr in den Ferien das gleiche Bild: Stau am Gotthard. Warum tun wir uns das an? Weil viele glauben, der Stau treffe nur die anderen. Dabei wäre eine mentale und kulinarische Vorbereitung keine grosse Sache, sagt der Verkehrspsychologe Rolf Jud.

Knutschen auf der Autobahn
Knutschen auf dem Pannenstreifen: Auch eine Form des Zeitvertreibs in akuter Stausituation - aber verboten.
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Einsteigen, Schlüssel drehen, losfahren. Das Auto ist für viele Sinnbild maximaler Freiheit und Flexibilität. Zumindest, bis der nächste Stau kommt. Und den gibt es garantiert: bei bekannten Nadelöhren und zuverlässig während der Ferienzeit. Der Hauptgrund für Stau ist vor allem die Verkehrsüberlastung – Unfälle und Baustellen sind jeweils nur ein kleiner Teil des Problems.

Das Besondere am Stauphänomen: Laut Studien denken Autofahrer gern, der Stau treffe nur die anderen. Entsprechend unvorbereitet sind die meisten, wenn sie dann doch das Tempo drosseln müssen und schliesslich stillstehen. Das führt zu Aggressionen und Ungeduld, besonders wenn ein wichtiger Geschäftstermin ansteht oder man die letzte Fähre erwischen will.

Was tun Sie, wenn Sie unerwartet in einen Stau geraten?

Moderne Navigationssysteme warnen die Autofahrer vor aufkommenden Staus – trotzdem landen sie oft mittendrin. Warum tut man sich das an? Der Verkehrspsychologe Rolf Jud setzt sich mit der psychologischen Komponente des Staus auseinander und erklärt, dass man sich an den Stau auch gewöhnen kann. «Wir sollten versuchen, Staus cool zu nehmen. Es ist eine kurze Phase in einemlangen Leben.»

Das optimale Fahrverhalten gegen Staus könnte man übrigens den Ameisen abschauen: Laut einem französischen Forscherteam werden deren Strassen sogar noch effizienter, je voller sie sind. Denn Ameisen sind weniger egoistisch und krabbeln gleichmässig, mit adäquatem Abstand mehrspurig über den Waldboden.

Man sollte eine persönliche Strategie entwickeln, was einem am besten hilft im Stau

Rolf Jud
Rolf Jud (65) ist Verkehrspsychologe und Psychotherapeut in St.Gallen

Staus passieren immer an der gleichen Stelle. Warum versucht man nicht, sie zu umfahren?

Den Stau auf der Nord-Süd-Achse akzeptiert man, weil man ins Tessin in die Ferien will. Da wartet quasi eine Belohnung. Der Stau aus dem Berufsverkehr wiederum wird für viele zur Gewohnheit, er gehört zum Arbeitsalltag. Die Betroffenen wissen, wie diese Staus funktionieren und wie lange sie etwa dauern.

Viele glauben offenbar, der Stau treffe immer nur die anderen.

(lacht) Ja, aber das ist natürlich völlig irrational. Und einige haben ja schon Ausweichstrategien: Man fährt zu einer anderen Zeit los, etwa mitten in der Nacht. Das hilft teilweise. Aber grundsätzlich ist man vor dem Stau nie sicher. Es gibt neuralgische Stellen, an denen es immer dazu kommt, und das trifft dann jeden.

Warum weicht man nicht auf den Zug aus?

Ich persönlich finde auch, dass längere Strecken mit dem Zug angenehmer sind. Es ist bequemer, und man riskiert keinen Stau. Aber viele Autofahrer wollen eben ihre Individualität und Unabhängigkeit behalten: Man fährt los, hält an und steigt aus, wann man will. Und wer beruflich auf das Auto angewiesen ist, kann nicht anders. Diese Personen wissen aber meist, mit dem Stau umzugehen, und planen genug Reservezeit ein.

Staus sind vor allem für diejenigen unangenehm, die damit selten konfrontiert sind.

Statt grenzenloser Freiheit im Auto die totale Fremdbestimmung im Stau: ein Frust!

Nicht unbedingt. Wer die Strecke kennt, nimmt das mit der Zeit gelassen. Staus sind vor allem für diejenigen unangenehm, die damit selten konfrontiert sind. Aber sie haben auch Vorteile: Man sieht Dinge, die sonst unentdeckt bleiben.

Gibt es Menschen, die Stau mögen?

Es gibt welche, die sie zumindest nicht als Ärgernis sehen, sondern als Möglichkeit, entspannter zu sein. Sonst erlebt man im Strassen- verkehr vor allem Hektik. Ich selbst erkunde im Stau immer gern, was die anderen tun und lerne so die Menschen besser kennen.

Was passiert in uns, wenn wir unerwartet im Stau stehen?

Das ist sehr individuell. Einige reagieren geladen und aggressiv, andere nehmen es cool.

Im Stau sind wir stärker abgelenkt und weniger konzentriert.

Leidet die Aufmerksamkeit?

Ja, und das kann zu Auffahrunfällen führen. Im Stau sind wir stärker abgelenkt und weniger konzentriert. Stau macht müde, und sobald er zu Ende ist, brauchen wir eine Weile, um uns wieder voll zu konzentrieren.

Wie kann man dem am besten entgegenwirken?

Sich bewusst sein, dass man auf der Strasse ist, die Konzentration immer wieder suchen. Und nach Möglichkeit frische Luft schnappen und genug trinken. Man sollte eine persönliche Strategie entwickeln, was einem am besten hilft.

Welche Beschäftigungen eignen sich, wenn man im Stau steht?

Ein Buch oder ein Magazin lesen, Musik hören oder ein Hörbuch. Wichtig ist, dass alle, auch die Kinder, etwas für sich machen können – ­ etwas zu finden, das für alle funk­tio­niert, ist schwierig und führt zu Diskussionen, was im Stau ungünstig ist.

Wie bereitet man sich am besten auf einen Stau vor?

Die mentale Vorbereitung ist sicher wichtig, sich darauf einzustellen, dass die Reise länger dauern könnte. Und unbedingt genug zu trinken und zu essen mitnehmen.

Was können die Mitfahrer tun?

Es ist sicher gut, wenn jemand dabei ist, der Ruhe verbreiten kann. Niemand sollte sich aufregen, das bringt eh nichts. Und es ist auch für den Fahrer wohltuend, wenn er weiss, dass man sich um ihn kümmert.

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