05. Dezember 2019

Wie sich der Streit am Fest vermeiden lässt

Weihnachten ist das Familienfest schlechthin, für viele jedoch das Fest des grossen Familienkrachs. Die Psychologin Barbara Beckenbauer gibt Tipps, wie man das verhindern kann.

Weihnachtsfest
Nicht immer gehts unter dem Weihnachtsbaum so friedlich zu und her. (Illustration: Veronica Dall'Antonia / Figarophoto )

Weihnachten ist das Fest der Liebe, die ganze Familie kommt zusammen, man umarmt sich, die Stimmung ist harmonisch … oder?

Das ist die grosse Hoffnung – es ist eine der typischen Erwartungen, die man an Weihnachten hat. Und das ist ja schön, aber auch ein Risiko. Wenn die Realität zu stark von den hohen Erwartungen abweicht, ist das ein Nährboden für Konflikte. Erwartungen müssen also im Vorfeld gut gemanagt werden. Idealerweise weiss man, was einem wirklich wichtig ist und was gar nicht geht, und stimmt das rechtzeitig mit dem eigenen Partner und der Familie ab.

Vor dem Feiern erst mal verhandeln?

Genau. Ich selbst zum Beispiel habe Weihnachten als Kind immer als sehr schön erlebt, von dort auch gewisse Traditionen mitgenommen. Und ich habe das Glück, dass mein Mann kein Weihnachtsmuffel ist, sondern sich daran erfreut. Aber er ist Engländer, und ihm ist deshalb wichtig, dass die Geschenke am 25. morgens ausgepackt werden, was für mich ungewohnt war, aber in Ordnung ist. Es gibt Familien, bei denen einer der Partner gar nichts mit Weihnachten anfangen kann, da wird das Verhandeln komplizierter, ist aber umso wichtiger.

Also ist Kompromissbereitschaft gefragt?

Ja, man einigt sich dann zum Beispiel darauf, es dieses Jahr so zu machen, wie sie es möchte, und im folgenden Jahr dann so, wie er es möchte. Oder man beschränkt die Familienfeier auf drei Stunden. Oder trifft sich am 24. nur im engsten Kreis und macht dafür am 25. und 26. Treffen mit Teilen der Familie, wo die Beziehungen weniger eng oder harmonisch sind. Das Schlimmste, was man machen kann, ist, alles passiv auf sich zukommen zu lassen, in der Hoffnung, es gehe dann schon irgendwie gut. Im Grunde gilt das für alles im Leben.

Gewisse Traditionen oder Erwartungen sind aber vielleicht nicht verhandelbar.

Auch da findet sich meist eine Lösung. Wenn der eine meint, Weihnachten ohne Geschenk gehe gar nicht, derweil der andere sich über die alljährliche Konsumorgie nervt, kann man sich vielleicht auf einen Gutschein für ein edles Znacht einigen. Ein gewisses Entgegenkommen braucht es natürlich – passiert das nicht, ist die Enttäuschung gross, was das Risiko für Konflikte erhöht. Ganz wichtig: All das muss früh genug diskutiert werden und nicht erst am 23. im grössten Vorbereitungsstress.

Manchmal entstehen Konflikte aber spontan, während des Treffens, trotz aller Absprachen.

Klar, wo Familie ist, gibts Reibereien. Das ist einfach so. Dann muss man improvisieren. Innere Flexibilität hilft in so einer Situation sehr, man muss versuchen, kreativ das Beste daraus zu machen. Ein Mensch verändert sich nicht, nur weil Weihnachten ist. Es gibt den schwierigen Onkel, der mit seinen Sprüchen gern für Streit sorgt, und die Single-Tante, die sich jedes Jahr erneut darüber ärgern muss, dass irgendwer sie fragt, wann sie endlich einmal jemanden mitbringe. Aber auch das weiss man im Voraus und kann sich überlegen, wie man es entschärfen könnte. Etwa indem man sich vom schwierigen Onkel nicht in ein Gespräch verwickeln lässt.

Kann man den schwierigen Onkel auch einfach nicht einladen?

Das lässt sich schwer pauschalisieren. Besser wäre vielleicht die Lösung, mehrfach zu feiern – so ist er nicht vor den Kopf gestossen, aber kein Riskofaktor mehr für die Hauptfeier am 24.

Weshalb entladen sich gerade an Weihnachten so oft Konflikte?

Es ist das Familienfest in unserer Kultur. Und deshalb oft mit enormen Erwartungen und entsprechendem Enttäuschungspotenzial befrachtet. Es kommen meist besonders viele Familienmitglieder zusammen, was das Risiko für Spannungen erhöht. Familie ist nie nur Friede, Freude, Eierkuchen – Familie heisst: Wir versuchen es trotzt allem. Kein Fest ist so sehr geeignet wie Weihnachten, um sich in Liebe und Toleranz zu üben.

Bei vielen Familien läuft das Weihnachtsfest jedes Jahr ähnlich ab – Konflikte entstehen dann eher aus den Gesprächsthemen als aus der Zusammensetzung. Hilft es, wenn man sich zu Beginn darauf einigt, heikle Themen wie Politik auszuklammern?

Ach, Politik bringt vielleicht etwas Pfeffer in die Runde. Und wir sind hier zum Glück nicht so polarisiert wie in den USA oder England, wo man die Themen Donald Trump und Brexit an Familienzusammenkünften wohl wirklich besser vermeidet. Generell scheinen mir persönliche Dinge heikler als Sachthemen, etwa ein Geschenk zu kritisieren oder die Erziehungsmethoden anderer Eltern. Letzteres macht man generell besser nicht – und schon gar nicht am Weihnachtsabend.

Aber was, wenn der Greta-Teenager mit dem Blocher-Grossvater zu zanken beginnt?

So was gehört doch zur Familie. Und manche allzu steife Zusammenkünfte werden dadurch vielleicht belebt. Mein englischer Mann findet immer, dass wir Schweizer an Weihnachten wahnsinnig steif und humorlos sind, damit hat er schon nicht ganz unrecht. Am besten schickt man den Perfektionismus an Weihnachten in die Ferien – für sich selbst und als Anspruch gegenüber anderen.

Letztlich muss man die psychische Reife entwickeln, eine gewisse Diskrepanz und Dissonanz auszuhalten.

Was macht man, wenn einen ein Familienmitglied derart ärgert, dass man fast explodiert? Welche Methoden gibt es, um nicht auszurasten?

Aus der Situation rausgehen, auf den Balkon raus, in der Küche helfen, kurz einen Spaziergang machen. Und sich überlegen, was man präventiv tun könnte, um das nächste Mal nicht wieder in die gleiche Situation zu geraten. Denn ändern wird sich diese Person ziemlich sicher nicht. Letztlich muss man die psychische Reife entwickeln, eine gewisse Diskrepanz und Dissonanz auszuhalten. Weihnachten und Familie bietet immer beides: schöne und stressige Momente. Damit muss man umgehen lernen.

Man muss schwierige Situationen also auch mal aushalten können?

Genau. Und je besser man sich darauf vorbereitet, desto eher klappt es. Es kann sogar ansteckend auf andere wirken. Vielleicht können die Ausfälle des mühsamen Onkels dann plötzlich lustig sein. Denn es geht doch darum, miteinander eine gute Zeit zu verbringen, trotz allem.

Wie kommt man zu dieser Haltung?

Das Alter hilft – man wird mit der Zeit meist abgeklärter und entspannter. Und man sollte sich selbst gegenüber weniger streng und perfektionistisch sein. Etwa indem man akzeptiert, dass man gewisse Dinge nicht so gut kann. Wer sich selbst mit mehr Liebe und Toleranz begegnet, kann das auch anderen gegenüber. Das fängt bei kleinen Dingen an, etwa, dass man nicht das Gefühl hat, die Wohnung putzen zu müssen, bevor Gäste kommen. Dann rümpft die Schwiegermutter halt ein bisschen die Nase. Was solls. Dafür hatte ich keinen Stress.

Das klingt vernünftig und rational. Aber dann ist Weihnachten, man trinkt ein paar Gläser Wein, und alle Vorsätze sind dahin.

Alkohol kann in so einer Situation tatsächlich problematisch sein, zurückhaltend genossen aber auch dazu beitragen, die Situation besser auszuhalten. Man kann dann vielleicht eher über einen blöden Witz lachen. Aber jeder muss für sich selbst einschätzen, wo die Grenze liegt.

Für Patchworkfamilien ist Weihnachten eine Herausforderung, die im Vorfeld besonders viele Absprachen und Koordination erfordert.

Wäre es manchmal sogar besser, den Streit laufen zu lassen? Vielleicht entlädt sich dann endlich etwas, das schon lange mal raus musste, und danach ist gut.

Ja, aber nicht am Weihnachtsabend. Das würde mit ziemlicher Sicherheit auch die nächsten Weihnachten nicht verbessern – ausser Sie planen, mit dieser Person nie wieder das Christfest zu feiern. (lacht) Wenn es so schlimm ist, dass Sie es gar nicht aushalten, wirklich lieber gehen. Für einen Bereinigungsversuch ist es der falsche Zeitpunkt, damit würden Sie sich und anderen den Abend verderben. Machen Sie so was besser im August.

Was, wenn zwei andere sich heftig streiten? Wie kann ich eingreifen?

Wenn es ein aktiver Streit ist, dann deeskalieren. Versuchen, die beiden zu trennen oder den Streit auf die Metaebene zu holen und sie daran zu erinnern, dass die Familie zusammengekommen ist, um eine schöne Zeit miteinander zu verbringen. Aber das ist eine wirklich schwierige Situation – ein Eingreifen erfordert Know-how und Mut.

Gibts besonders heikle Familienkonstellationen, die ein speziell hohes Streitrisiko in sich bergen?

Für Patchworkfamilien ist Weihnachten definitiv eine Herausforderung, die im Vorfeld besonders viele Absprachen und Koordination erfordert. Kleine Kinder finden es meist super, weil sie dadurch mehrmals feiern dürfen und viele Geschenke bekommen, aber von allen anderen ist viel Offenheit und Flexbilität nötig.

Wann und wie versöhnt man sich am besten?

Sofort, noch am gleichen Abend, auch wenn das vielleicht nicht leicht ist. Aber sonst setzt es sich nur unnötig fest. Dann lieber einen Schritt machen und sich entschuldigen, dabei fällt einem kein Zacken aus der Krone. Und wenn es grössere, wiederkehrende Konflikte sind, muss man die halt angehen. Notfalls holt man sich eine Fachperson hinzu. Das ist in der Regel kein monatelanger Prozess, sondern braucht zwei, drei Sitzungen.

Am besten schon im Sommer, damit es an Weihnachten bereinigt ist?

Genau, oder vielleicht besser schon im Frühling.

Der Druck zum Hochhalten von Traditionen hat stark nachgelassen.

Diese Vorstellung der perfekten, harmonischen Weihnachtsfeier wird auch von den Medien und den sozialen Medien gefördert. Wie kann man sich dem entziehen?

Das ist nicht leicht, aber auf diesem Weg haben sich auch Alternativen verbreitet: Feiernde etwa, die sich am Weihnachtsabend alle in ihre Pyjamas werfen, Pizza bestellen und zusammen gemütlich einen Film schauen. Und es ist heute auch völlig okay und sozial akzeptiert, Weihnachten anders zu feiern. Der Druck zum Hochhalten von Traditionen hat stark nachgelassen. Viele Junge mixen das auch, erst feiern sie traditionell Weihnachten mit der Familie, dann gehen sie mit Freunden an eine Party.

Also ruhig mal ein bisschen etwas wagen an Weihnachten?

Unbedingt. Kreativ und verspielt sein, mal was anderes machen. Wer sich mit der Konsumorgie schwertut, könnte zum Beispiel in der Gassenküche oder im Schlafbus aushelfen. Das führt viel eher zu einer positiven, bereichernden Erfahrung, als sich drei Tage zu Hause einzuschliessen und sich von allem Weihnachtlichen abzuschotten.

Haben Sie Streitigkeiten unterm Weihnachtsbaum schon persönlich erlebt?

Nein, eigentlich nicht. Aber ich habe ziemlich steife Feiern erlebt. Als Kind habe ich den eher traditionellen Zugang meiner Eltern geliebt, in der Teenagerzeit wurde es dann schwieriger. Es gab auch Phasen, in denen ich Weihnachten stattdessen mit Freunden verbracht habe. Jetzt, als Mutter, ist es wieder traditioneller geworden. Wobei meine Schwiegereltern grosse Tierschützer und mittlerweile Veganer sind – also koche ich jetzt vegane Weihnachtsmenüs und finde das ziemlich toll.

Stattdessen hätten Sie auch streiten und auf der Weihnachtsgans bestehen können.

Genau, aber wozu? Es ist ein Kompromiss, aber einer, der bei allen gut ankommt.

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