06. November 2018

Wie Pech und Schwefel

In der Schweiz kommen immer mehr Zwillinge zur Welt. Drei ganz unterschiedliche Paare haben uns aus ihrem Leben erzählt. Eins haben alle gemeinsam: Sie können nur schwer ohne einander sein.

Zwillingsschwestern Hildegard Harderund Elfriede Schönenberger
Nach einer langen Trennung wieder vereint: die Zwillingsschwestern Hildegard Harder (77), Schwarzenbach SG, und Elfriede Schönenberger, Balterswil TG.

Sie sehen absolut identisch aus und scheinen es auch zu sein – bis auf den Fingerabdruck. Immerhin der ist bei eineiigen Zwillingen verschieden. Sonst haben sie ein fast identisches Erbgut und folglich auch das gleiche Geschlecht. Denn im Mutterleib entstehen sie aus einer einzigen befruchteten Eizelle, die sich erst später teilt. 1566 Zwillinge wurden im vergangenen Jahr in der Schweiz geboren. Das sind fast 30 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. 2017 kamen auf 1000 Geburten 35 Zwillingspaare. Eineiige Zwillinge kommen hingegen seltener vor, hier sind es nur rund vier von 1000 Geburten.

Ein Grund dafür: Frauen werden heute später schwanger: über 30 Prozent erst mit 34 Jahren oder älter. 1970 lag der Anteil der späten Erstgebärenden noch bei elf Prozent. Und je älter eine Frau ist, desto eher besteht die Wahrscheinlichkeit für eine Zwillingsgeburt. Das hängt mit dem sich verändernden Hormonspiegel zusammen, der pro Zyklus mehrere Eier produziert. Auch künstliche Befruchtung erhöht die Chance auf Mehrlingsgeburten. Für die Forschung sind eineiige Zwillinge hochinteressant. Denn trotz der identischen Gene finden sich Unterschiede, seien es Charaktereigenschaften, Interessen oder Einstellungen. Sie hängen vom Umfeld ab, in dem die Zwillinge aufwachsen, und von den Erfahrungen, die sie im Leben machen. Denn so identisch, wie sie erscheinen, sind eineiige Zwillinge eben doch nicht.

Stefan und Freddy Fankhauser (37), Rohrbach BE

Freddy Fankhauser (l.) und sein Zwillingsbruder Stefan
Werden oft vom gleichen Schicksal ereilt: Freddy Fankhauser (l.) und sein Bruder Stefan

Sie waren schon immer unzertrennlich. Als Stefan und Freddy Fankhauser nach der Lehre bei ihrer Mutter im bernischen Oberaargau ausziehen, ist klar, dass sich ihre Wege noch lange nicht trennen werden. Die gesamte Schulzeit verbrachten die Brüder in einer Klasse und absolvierten später die gleiche Lehre: erst als Lastwagenmechaniker, dann als Kältetechniker.

Heute arbeiten die 37-Jährigen zwar nicht im gleichen Betrieb, dafür teilen sie sich eine Wohnung und verbringen die Freizeit gemeinsam. Auch ihre Hobbys gleichen sich: Reisen, Motorradfahren, Countrymusik – und das idealerweise in Kombination. Regelmässig packt sie das Reisefieber: Neuseeland, Australien, Südafrika, Namibia oder die USA haben sie mit ihren Töffs schon durchquert. Als eineiige Zwillinge fallen sie immer auf und haben so schon viele Bekanntschaften gemacht. «In den USA werden wir regelmässig angesprochen, uns gefällt das», erzählt Stefan Fankhauser.

Man weiss, was der andere denkt und kann sich in ihn hineinversetzen. Eine bessere Freundschaft als die zu meinem Bruder kann ich mir nicht vorstellen.

Seit sie Mitglieder in diversen Zwillingsvereinen sind, gehen sie das Leben im Doppelpack bewusster an. «Wir leben das Zwillingsein.» Damals in der Schule herrschte zwischen den Brüdern Konkurrenz, der eine versuchte den anderen in guten Noten zu überbieten. Das ist heute nicht mehr so. Und wenn sie aus ihrem Leben erzählen, beendet einer den Satz des anderen. «Man weiss, was der andere denkt und kann sich in ihn hineinversetzen. Eine bessere Freundschaft als die zu meinem Bruder kann ich mir nicht vorstellen», sagt Stefan. Streiten würden sie sich natürlich trotzdem – «wie ein altes Ehepaar, sagen unsere Freunde».

Eine feste Partnerschaft hatte bisher keiner von beiden. Aber die suchen sie auch nicht. «Wir sind uns so nah, dass es für eine dritte Person schwierig wird, uns näherzukommen», sagt Freddy Fankhauser. Auch den Wunsch, eine Familie zu gründen, haben sie nicht. Sollte sich dennoch mal eine Beziehung ergeben, würden sie sich aber nicht wehren. «Sobald der eine jemanden kennenlernt, wird es bei dem anderen auch nicht lange dauern», davon ist Freddy überzeugt. Dass die Brüder oft das gleiche Schicksal ereilt, wissen sie aus Erfahrung: bekommt der eine eine Busse für zu schnelles Töfffahren, flattert beim anderen mit Sicherheit zwei Tage später auch eine ins Haus. Ist der eine krank, erwischt es den anderen gleich mit.


Wer die Fankhausers das erste Mal trifft, braucht eine Weile, um sie zu unterscheiden. Ohnehin werden Zwillinge von ihrem Umfeld oft nicht als Einzelpersonen wahrgenommen. Trifft sich Stefan alleine mit Freunden, fragen die sofort, wo denn Freddy sei. Aber das stört die Brüder nicht, auch mal mit dem falschen Namen angesprochen zu werden, finden sie nicht schlimm. «Wir müssen uns nicht vom anderen abgrenzen.»

Alessia und Larissa Meyer (13), Wolhusen LU

Teilen auch die Leidenschaft für Volleyball: Alessia (l.) und Larissa

«Wir werden oft komisch angeschaut, weil wir so gleich aussehen», erzählt Alessia. «Und dann fragen viele, ob wir Zwillinge sind», ergänzt Larissa. Die beiden 13-jährigen Mädchen sind eineiige Zwillinge und wirklich nur schwer auseinanderzuhalten. Früher, als sie klein waren, war es noch schwieriger. «Unsere Mutter hat die Armbändchen, die wir im Krankenhaus bekamen, drei Monate drangelassen, bis sie uns unterscheiden konnte.» Heute versuchen sich die Teenager voneinander abzugrenzen: Larissa trägt die Haare länger und natürlicher als die Schwester, die ihre mit Bedacht glättet. Auch für Make-up hat Larissa wenig übrig, Alessia hingegen trägt gerne Mascara. «Unsere Freunde sagen, ich sei eher das Püppchen und meine Schwester die Naturschönheit», erzählt Alessia.

Es ist auch mal ganz schön, ohne die Schwester zu sein.

Mit ihren Eltern und einer kleinen Schwester leben die beiden auf einem Bauernhof im Kanton Luzern, in der Schule gehen sie in die gleiche Klasse. Doch wenn sie wählen könnten, wären ihnen getrennte Klassen lieber. Zu gross sei der Konkurrenzdruck untereinander. Zu Hause teilen sie sich ein Zimmer und erzählen sich vor dem Einschlafen immer alles, was sie erlebt haben. Auch die Freizeit verbringen sie meistens im Doppelpack. Doch hat jede Schwester ein eigenes Hobby: Larissa liebt Tiere und reitet gerne, Alessia ist grosser FCL-Fan, besitzt sogar ein Saisonabo. «Ich begleite sie aber oft, obwohl ich Fussball nicht so spannend finde», sagt Larissa. Eine gemeinsame Leidenschaft haben die Mädchen aber doch: Volleyball. Seit fünf Jahren trainieren sie zweimal die Woche in Wolhusen. «Nächstes Jahr wollen wir auch im Beachvolleyball Turniere spielen.»

Auch bei der Kleidung sind sich die Schwestern einig. Derzeit tragen beide gerne enge Jeans, die hoch in der Taille sitzen. Dazu T-Shirt. Shoppen gehen sie wenn möglich zusammen – die gleichen Kleider kaufen sie aber nie. Aber beide haben fast die gleiche Grösse und das gleiche Gewicht, sodass sie sich Hosen und Pullis gegenseitig ausleihen können. Ungefragt Teile bei der Schwester aus dem Schrank zu nehmen, kommt jedoch gar nicht gut. «Dann streiten wir auch schon mal», sagt Alessia. Sonst sind die 13-Jährigen eine verschworene Einheit. Werden sie von ihrer kleinen Schwester geärgert oder haben Streit mit der Mutter, halten sie immer zusammen.

Alessia ist die Erstgeborene. Zwei Minuten vor der Schwester kam sie auf die Welt. Das merke man, finden die beiden. «Alessia ist lauter als ich und organisiert alles», sagt Larissa. Manchmal wäre sie gern ein bisschen mehr wie sie. «Und ich mehr wie du», sagt Alessia, beide lachen. Die zwei waren in ihrem Leben noch nie länger als eine Woche voneinander getrennt. «Es ist auch mal ganz schön, ohne die Schwester zu sein», sagt Larissa. «Ja, aber dann vermissen wir uns schon. Und in dieser einen Woche haben wir jeden Abend gefacetimed», ergänzt Alessia. Nach der Schule wollen die Siebtklässlerinnen eine Lehre machen: Alessia als Sportartikelverkäuferin oder Kosmetikerin und Larissa als Kindergärtnerin oder «was mit Pferden». Sie wollen sich bewusst voneinander abgrenzen und sind doch oft derselben Meinung. Wie beim elterlichen Bauernhof. Den wollen beide nicht übernehmen. «Das kann die kleine Schwester machen», sind sie sich einig.

Einen Freund hat keine der Schwestern. Aber da würden sie sich auch nie in die Quere kommen, sie stehen auf ganz unterschiedliche Typen. «Nur in der ersten Klasse standen wir mal auf den gleichen Jungen», erzählen die beiden und kriegen sich vor Lachen kaum ein.

Hildegard Harder (77), Schwarzenbach SG, und Elfriede Schönenberger, Balterswil TG

Elfriede Schönenberger (l.) und ihre Zwillingsschwester Hildegard Harder
Zerreissprobe überstanden: Elfriede Schönenberger (l.) und ihre Schwester Hildegard Harder

Die Schwestern wurden 1941 im österreichischen Landeck geboren. Der Vater war Italiener, die Mutter Österreicherin. Bis zu ihrem 9. Lebensjahr verbrachten sie ihre Kindheit im Dorf, zusammen mit einer Schwester und einem Bruder. Dann starb die Mutter an Brustkrebs. Und plötzlich war alles anders. Der Vater führte ein Geschäft, und die vier Geschwister waren für ihn einfach zu viel. Also sollten die Zwillingsschwestern für sechs Wochen in die Schweiz zu einer Tante. Aus den sechs Wochen wurden über 60 Jahre.

Wir wohnten so nah, dass wir uns praktisch in die Küche schauen konnten.

«Wir sollten in der Schweiz bleiben, doch die Tante wollte nur eine von uns behalten», erinnert sich Hildegard Harder. Für die Schwestern war der Gedanke, getrennt zu werden, unerträglich. «Wir haben sehr geweint», sagt Elfriede Schönenberger. Sie setzten sich durch. Doch die Jahre bei Tante und Onkel waren hart, die Schwestern mussten viel auf dem Hof helfen. In der Schule wurde ihnen mit Schlägen gedroht, wenn sie nicht Schweizerdeutsch sprachen. Das verband sie umso mehr. «Wir waren all die Jahre immer zusammen, unsere Beziehung war fest wie eine Kette», erzählen die Schwestern.

Nach der Schule fingen die zwei in einer Zwirnerei an. Mit 19 lernte Hildegard ihren Mann kennen, der eigentlich ihre Schwester heiraten wollte. «Sie hatte aber kein Interesse, und so fing ich an, mit ihm auszugehen.» Nach der Hochzeit zog sie weg. Doch auch Elfriede lernte zur gleichen Zeit ihren Zukünftigen kennen – ein Freund des Mannes der Schwester. Und so verschlug es die beiden ins gleiche Dorf, nach Balterswil, wo sie 25 Jahre lang lebten. «Wir wohnten so nah, dass wir uns praktisch in die Küche schauen konnten», sagt Hildegard Harder. Elfriede Schönenberger ergänzt: «Wir haben uns jeden Tag gehört oder gesehen, das war die schönste Zeit unseres Lebens.» Beide bekamen Kinder – nur neun Monate nacheinander. «Als meine Schwester in den Wehen lag, hatte auch ich starke Schmerzen», erinnert sich Hildegard Harder. Sie fühlten sich immer miteinander verbunden, standen alles gemeinsam durch, unterstützten und halfen einander.

Bis Hildegard Harder eine Entscheidung traf: Nach 26 Ehejahren liess sie sich von ihrem Mann scheiden, zog mit einem neuen Partner nach Winterthur und lebte danach 20 Jahre lang in Aadorf TG. Für die Schwestern begann eine schwere Zeit. «Ich habe es persönlich genommen, dass Hildegard gegangen ist», sagt Elfriede Schönenberger. «Für mich war es die schlimmste Zeit in meinem Leben.» Sie fühlte sich alleingelassen. Am schlimmsten sei es gewesen, wenn man sie im Dorf versehentlich mit dem Namen der Schwester ansprach. «Das tat jedes Mal weh, und mir kamen die Tränen.» Auch für Hildegard Harder war die Zeit eine Zerreissprobe. «Wir hatten doch so eine enge Beziehung.» Aber langsam fanden die Schwestern sich wieder. Heute wohnen die beiden nicht weit voneinander entfernt und kümmern sich gemeinsam um ihre erkrankte Schwester. «Wir haben wieder täglich Kontakt.» Die Erleichterung darüber ist nicht zu übersehen. 

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