27. Juli 2015

Schloss Glarisegg: Wie Newtopia, nur echt

Am Freitag strahlt Sat.1 die letzte Folge der Reality-Show Newtopia aus. 15 Menschen sollten seit Februar 2015 eine eigene Gesellschaftsform entwickeln. Ohne Erfolg. Im Thurgauer Schloss Glarisegg hingegen geht das Leben weiter. Dort ist das TV-Experiment Realität.

Newtopia ist zu Ende, aber auf Schloss Glarisegg gehts weiter
Newtopia ist zu Ende, aber auf Schloss Glarisegg gehts weiter (Bild: Sat.1.).

Es ist Dienstagabend, kurz nach 21 Uhr. Im grossen Gemeinschaftsraum von Schloss Glarisegg sitzen neun Personen in einem Kreis. In seiner Mitte eine Klangschale und eine brennende Kerze.

Die Kreiskultur war von Beginn weg das zentrale Kommunikationsritual der Gemeinschaft.

Rüdiger (56) stimmt mit der Gitarre ein Lied an. Man singt, wiegt sich im Takt, einige haben die Augen geschlossen. Dann entlockt Sonja-Vera (44) der Klangschale einen schwingenden Ton. Die Anwesenden geben sich die Hände und horchen dem Klang, der in der Stille entschwindet. In den kommenden zwei Stunden werden sie erzählen, was sie derzeit bewegt – was ihnen Freude und Sorgen bereitet.

Der Dienstagskreis ist eines von mehreren Kommunikationsritualen, welche die Gemeinschaft Schloss Glarisegg in Steckborn TG am Bodensee pflegt. Eine Gruppe von Gleichgesinnten hat das Anwesen 2003 für 3,4 Millionen Franken ersteigert, um das ehemalige Internat als Basis für ihr gemeinsames Lebensmodell zu nutzen. Inzwischen umfasst die Gemeinschaft 38 Erwachsene und 18 Kinder.

Gemeinsames Leben und Wirtschaften war auch im TV ein Thema. Von Mitte Februar bis Ende Juli 2015 lief auf SAT.1 die Reality-Show «Newtopia» (Ausstrahlung der letzten Folge am 24. Juli 2015, Anm. d. Red.), die der deutsche Privatsender als «grösstes Fernseh-Experiment aller Zeiten» vermarktet hatte. Der Sender setzte das ursprünglich auf 365 Tage ausgelegte Experiment nach nur sechs Monaten ab. Die Idee, 15 sogenannte Pioniere eine eigene und wenn möglich bessere Gesellschaft aufbauen zu lassen, scheiterte.

TV-Experiment gescheitert

Die Ausgangslage der TV-Gemeinschaft war schwierig: Die Gruppe wurde so zusammengesetzt, dass es möglichst oft kracht. Da waren zum Beispiel ein Wirtschaftsstudent mit Führungsansprüchen, ein Model mit Starallüren und ein Rentner, der alles besser weiss. Denn wichtig ist für das Fernsehen nicht etwa das Gelingen, sondern einzig die Quote. Und daran ist die Sendung schlussendlich gescheitert: Von den 2,8 Millionen Zuschauern, die den Start der Sendung verfolgten, schaltete im Sommer höchstens noch rund jeder Dritte ein.

Sonja-Vera, Logopädin mit Teilzeitstelle, Veganerin und Gründungsmitglied von Glarisegg, hat sich die Sendung noch nie angesehen: «Was da passiert, hat wohl wenig mit uns zu tun.» Wobei es natürlich auch in Glarisegg Konflikte und Diskussionen gebe.

Sonja-Vera ist Gründungsmitglied und seit 2003 bei der Gemeinschaft Glarisegg dabei.

Sie lacht schallend und sagt: «Das Leben in der Gemeinschaft ist vergleichbar mit einer Paarbeziehung, einfach multipliziert mit der Zahl der Mitglieder.» Die Anfangsphase sei «super anstrengend» gewesen, bis sich die Gemeinschaft nach vier Jahren an den Kommunikationsempfehlungen des US-Amerikaners Scott Peck orientierte, der unter anderem rät, den Wert von Stille zu erkennen, stets von sich selber zu sprechen und aufmerksam zuzuhören.

In Glarisegg wird Miete verlangt

Die Kreiskultur war von Beginn weg das zentrale Kommunikationsritual der Gemeinschaft: «Der berührbare und persönliche Austausch der Gemeinschaftsmitglieder untereinander, in gehaltenen und achtsamen Begegnungsräumen, ist für eine Gemeinschaft fundamental. So können tiefe persönliche Themen geteilt und gezeigt werden, bevor sie sich im alltäglichen Gemeinschaftsleben in Konflikten äussern müssen», sagt Sonja-Vera. Neben drei kleinen Kreisen mit maximal zwölf Teilnehmern gibt es jede zweite Woche auch einen grossen, bei dem die Mehrzahl der Mitglieder anwesend ist.

Damit allein ist es aber nicht getan: Um das Konfliktpotenzial klein zu halten, ist in Glarisegg inzwischen möglichst viel möglichst klar geregelt: Alle Mitglieder bezahlen Miete für ihren Wohn- und Arbeitsraum. Einige arbeiten auswärts, andere innerhalb der Gemeinschaft. Die meisten Jobs stellt der Seminarbetrieb, der als GmbH organisiert wird. Das Anwesen selber, das neben dem Schloss fünf weitere Gebäude umfasst, gehört einer Aktiengesellschaft mit rund 180 Aktionären und einem Eigenkapital von 1,5 Millionen Franken.

Die Finanzen bereiten immer wieder Sorgen. Teilweise mussten die tiefroten Zahlen mit Zuschüssen aus der Gemeinschaft und Spenden korrigiert werden. Zwischenzeitlich versuchte man, für den Seminarbetrieb eine neue Klientel aus Wirtschaftskreisen zu gewinnen. Der Erfolg blieb aus, unter anderem weil die Zimmer im Gästebereich dem von der Zielgruppe gewohnten Standard nicht entsprachen. Die neue Geschäftsleitung fokussiert nun wieder auf Seminare im Bereich von Bewusstseinsarbeit, Persönlichkeitsentwicklung, Musik und Tanz.

Das Seminarprogramm hat allerdings Tücken. Es färbt negativ auf das Image der Gemeinschaft ab – wie zum Beispiel der Tantrakurs: Auf dem Schloss treibe es jeder mit jedem, erzählt man sich in Steckborn hinter vorgehaltener Hand. «Die Anbieter kommen meist von extern, wir selber gehören nicht zu den Teilnehmern, sondern stellen nur die Infrastruktur zur Verfügung», erklärt Sonja-Vera. Die Leute würden bei «Tantra», kombiniert mit «Gemeinschaft», an die freizügigen Kommunen der 60er-Jahre denken, die mit Glarisegg in keinster Weise vergleichbar seien. Und wegen einiger esoterisch angehauchter Kurse, etwa eines Erleuchtungsseminars, sei die Gemeinschaft zu Beginn von Aussenstehenden als Sekte beargwöhnt worden.

Gemüseabo für 180 Franken

Sektenexperte Hugo Stamm hat sich noch nie näher mit Glarisegg beschäftigt, wurde aber schon von verunsicherten Angehörigen kontaktiert: «Um eine eigentlich Sekte handelt es sich nicht. Aber viele dieser Gemeinschaften konzentrieren sich für mich zu sehr auf esoterische Disziplinen und die eigene spirituelle Entwicklung. Dabei besteht die Gefahr, dass sich die Bewohner und Seminarteilnehmer von der Aussenwelt entfremden und die übersinnliche Welt als die eigentliche Realität betrachten. Sie sehen sich als geistige Elite und driften gern in eine Parallelwelt ab.» Es sei ein Alarmzeichen für Angehörige, wenn Mitglieder solcher Gruppen den Kontakt zu Angehörigen abbrechen und auf Aussenstehende wie fremdgesteuert wirken würden.

«Es gibt keinen Guru. Wir entscheiden als Gruppe, wobei mindestens 90 Prozent ihre Zustimmung geben müssen», sagt Anina (35), die seit drei Jahren in der Gemeinschaft lebt. Auch Esoterik sei kein Thema. Gerade ihre Generation lebe schon lange nicht mehr in diesen alten Wertvorstellungen, da sei vieles neu, frischer, moderner und wertfreier gewachsen. Die Mutter von Moa (5) ist ausgebildete Kamerafrau und absolviert derzeit eine Ausbildung als Permakulturdesignerin. Dabei beschäftigt sie sich mit naturnahen und nachhaltigen Kreisläufen im Gartenbau.

Lisa, Anina und ihr Sohn Moa sind gerne draussen an der frischen Luft.

Gemeinsam mit Lisa (32), die Internationale Beziehungen studiert und anschliessend eine Lehre als Gemüsegärtnerin gemacht hat, arbeitet sie im Permakulturgarten. Die verschiedenen Haushalte in der Gemeinschaft, Kleinfamilien und Wohngemeinschaften, haben alle ein Gemüseabo zu 180 Franken. Zusätzlich unterstützt die Gemeinschaft den Garten mit einem jährlichen Beitrag. Auch konnten Spenden für den weiteren Aufbau des Gartens akquiriert werden. Manche helfen auch im Rahmen der neun Stunden Arbeit, die jedes Mitglied monatlich für die Gemeinschaft leisten sollte, im Garten mit. Und dann sind da noch drei Volontäre, die von «Jugend in Aktion», einem EU-Programm, finanziert werden. Sie leben für zehn Monate in der Gemeinschaft und arbeiten im Garten mit.

Neben der Möglichkeit, im Garten zu arbeiten, ist für Anina vor allem die Erweiterung der Kleinfamilie ein Grund, in der Gemeinschaft zu leben. Dieses Motiv war auch für Iska (33), Mutter von vier Kindern, ausschlaggebend: «Ich wollte raus aus dieser Wohnkiste, meinen Lebensraum erweitern und in Begegnung mit anderen Menschen gehen.» Auch das Mitwirken und Mitgestalten war für Iska und ihren Mann wichtig: Iska, Anina und zwei weitere Mütter von Glarisegg haben auf dem Schloss einen Waldkindergarten ins Leben gerufen, der mit dem neuen Schuljahr startet.

Kommen und Gehen ist gesundes Zeichen

Der Einzug von Iska und ihrer Familie hat in der Gemeinschaft für Turbulenzen gesorgt. Sie beantragte nach einem Jahr eine ebenerdige Wohnung. Diesem Wunsch wollten die Alteingesessenen erst nicht nachkommen: «Leute ohne Kinder können sich nicht vorstellen, wie anstrengend es ist, die Kleinen ständig hoch- und runterzutragen. Unser Jüngster ist erst neun Monate alt.» Sie habe lernen müssen, für ihre Bedürfnisse einzustehen, und das sei gut so: «In der Gemeinschaft kommst du zu deinen Themen. Zu den Punkten, mit denen du dich auseinandersetzen solltest. Das bringt dich in deiner persönlichen Entwicklung weiter.»

Iska mit 3 ihrer Kinder und einem weiteren Kind von Glarisegg.

Oder in den Worten von Agathe (48): «Die Gemeinschaft spiegelt dich. Du bist ständig mit dir selber konfrontiert.» Die Speditionskauffrau und Heilpraktikerin stiess vor drei Jahren nach der Trennung von ihrem Mann zur Gemeinschaft, wird sie aber demnächst wieder verlassen: «Glarisegg war für mich wie ein Dauerseminar. Sehr anstrengend, aber auch sehr bereichernd. Jetzt ist meine Zeit um.» Sie kehrt nach Bayern zurück, wo sie ein Haus mit mehreren Wohnungen besitzt. Dort will sie selber eine kleine Gemeinschaft gründen, mit Menschen, die einen ähnlichen Lebensstil haben wie sie selbst – «gut situiert und mit einem Sinn für das Schöne».

Wie geht man auf Glarisegg mit solchen Abgängen um? «Wir betrachten das Kommen und Gehen als gesundes Zeichen», sagt Sonja-Vera. Zudem stelle das Leben in der Gemeinschaft hohe Anforderungen, denen nicht alle gewachsen seien. «Jeder hat eine eigene Vorstellung, was eine Gemeinschaft ist.» Damit die Leute nicht mit zu vielen falschen Erwartungen kommen, finden regelmässig Kennenlernwochenenden statt. Wer danach immer noch Interesse hat, kann sich mit einem Motivationsschreiben und einem Annäherungsgespräch für eine Wohn- und Probezeit bewerben. Die tatsächliche Aufnahme erfolgt nach rund einem Jahr.

Anina erinnert sich noch gut an ihre eigene Annäherungszeit: «Es ist wie in einer Beziehung. Es gab Phasen, in denen ich mich fragte: Was mache ich eigentlich hier?» Da müsse man in sich gehen und sich fragen: «Warum bin ich genervt? Was hat das mit mir zu tun?» Wer diese Bewusstseinsarbeit nicht leisten wolle, der ziehe bald wieder aus.

Mitglieder dürfen gemeinschaftsmüde sein

Instrumentenbauer Rüdiger fühlt sich derzeit gemeinschaftsmüde.

Rüdiger, der wie Sonja-Vera schon seit Beginn mit dabei ist und schon unzählige Stunden im Kreis verbracht hat, beschreibt es so: «Die Leute kommen mit grossen Erwartungen und viel Idealismus. Irgendwann erkennen sie, dass sie dieselben Probleme wie draussen haben.» Die Gemeinschaft könne diese nicht lösen, sie könne jedoch Begegnungsräume öffnen, welche die Bewusstwerdung und das innere Wachstum unterstützten.

Der Instrumentenbauer, der gerade von einer Auszeit in Bali zurückgekehrt ist, fühlt sich derzeit etwas gemeinschaftsmüde: «Ich habe diesen Prozess schon so oft beobachtet.» Gleichzeitig ist die Gemeinschaft für ihn inzwischen zur Familie geworden. Und er hat gelernt, sich abzugrenzen. Wird es ihm zu viel, verzieht er sich einfach in sein Atelier und feilt an seinen klingenden Kreationen aus Holz.

Fotograf: Daniel Auf der Mauer

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