19. September 2016

Wie Mi Hyang eine Familie fand

Es ist Filmstoff: Das nordkoreanische Mädchen Mi Hyang musste einen beschwerlichen Weg zurücklegen, um im thurgauischen Häuslenen eine Heimat zu finden – als achtes Kind der Dellers.

Wie Mi Hyang eine Familie fand
Eine schicksalserprobte Familie: Julien, Joel, Jan, Justin, Janine, Mirjam Deller, Jessica, Jeremy und Adoptivtochter Joyenna, die früher Mi Hyang hiess (von oben links im Uhrzeigersinn)

Joel, Jessica, Jan, Julien, Justin, Jeremy, Janine, Joyenna ... Erst beim dritten Kind ist Mirjam Deller (49) aufgefallen, dass die Namen, die sie mag, allesamt mit «J» beginnen. Und sie ist dabei geblieben. Als junge Frau stellte sie sich eine Zukunft mit Mann und zwei Kindern vor – heute hat sie acht Kinder, sieben eigene und ein adoptiertes Mädchen. Und sie ist Witwe. Es sei einfach alles anders gekommen, erzählt sie im Garten ihres Einfamilienhauses in Häuslenen TG, zwischen Trampolin, Kletterturm und Rutschbahn.

Nach Joel (24) und Jessica (23) wünschen sich ihr erster Mann und sie weitere Kinder. Als sie Eltern eines Mädchens und dreier Jungen sind, trennen sich die beiden. Mirjam Deller zieht vom Tessin zurück in die Deutschschweiz, datet online und verliebt sich wieder. Ihr zweiter Mann, Pascal Deller, und sie wünschen sich ebenfalls gemeinsame Kinder. Und so wächst die Familie weiter. Doch damit nicht genug: Bei einer Predigt in einer Winterthurer Freikirche über das Schicksal nordkoreanischer Waisenkinder wird Mirjam Deller ganz warm ums Herz.

Ein Mädchen, das ein Zuhause braucht

Schon seit Längerem hat sie von einem kleinen Mädchen mit kurzen schwarzen Haaren geträumt. So, wie sie jedem ihrer eigenen Kinder in ihren Träumen begegnet ist, bevor sie mit ihnen schwanger wurde. Zunächst weiss sie nur: Das Kind kommt von weit her. Dann hat sie Gewissheit: Es stammt aus Nordkorea. Sie spricht mit ihrem Mann und ihren Kindern. Alle finden: Wir nehmen gerne ein Kind auf, wir schaffen das. Die Fachstelle für Adoption durchleuchtet die Dellers, stellt ihnen eine Eignungsbescheinigung aus, und Mirjam Deller und ihr Mann besuchen Kurse zum Thema Adoption.

Drei Monate später der Anruf: «Wir haben ein Mädchen für sie. Sie heisst Mi Hyang, stammt aus Nordkorea und hat ein Handycap: Sie ist gehörlos.» Die Dellers diskutieren am Familientisch und sind sich einig: Dieses Mädchen braucht ein Zuhause. Mirjam Deller lernt die Gebärdensprache und erstellt ein Fotoalbum von der Familie, das sie Mi Hyang schickt. Schliesslich, im Oktober 2011, ist es so weit. Mi Hyang landet am Flughafen Kloten, die Dellers stehen bereit und umarmen sie. Das kleine Mädchen mit den kurzen schwarzen Haaren hat eine lange Reise hinter sich, die der Film «Ein Mädchen, zwei Mütter» dokumentiert.

Ihre leibliche Mutter Omma ist wie Hunderte von nordkoreanischen Frauen über den Fluss Tumen nach China geflüchtet, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie ist schwanger, ohne es zu wissen. In China wird sie an einen Bauern verkauft, schuftet für ihn wie eine Sklavin. Als Mi Hyang zur Welt kommt, ist das Kind staatenlos. Es hat kein Anrecht auf medizinische Versorgung und darf später auch keine Schule besuchen. Weil Omma sich wünscht, dass Mi Hyang im Leben etwas erreichen kann, fasst sie einen schwierigen Entschluss: Sie wird ihr Mädchen zur Adoption freigeben. Omma nimmt heimlich Kontakt auf mit einer christlichen Organisation aus Südkorea, die Frauen wie ihr hilft, eine legale Adoption in die Wege zu leiten.

Omma – der koreanische Name bedeutet Mutter – verschweigt ihrer Tochter, was ihr bevorsteht. Eines Nachts weckt sie Mi Hyang, zieht sie warm an und übergibt sie unter Tränen einer Gruppe unbekannter Erwachsener in einem Jeep. Die Vierjährige ist ausser sich, wehrt sich – der Jeep braust los in die Nacht. Der Weg führt zu Fuss weiter über die grüne Grenze nach Laos, dann nach Thailand. Weil die Adoptionspapiere auf sich warten lassen, verbringt Mi Hyang ein Jahr in einem Kinderheim in Thailand.

Ein Anfang mit Hürden

Ihre Schweizer Brüder und Schwestern erinnern sich, wie laut es war, als Mi Hyang als Sechsjährige bei ihnen einzog. Das Mädchen konnte sich nur durch Schreien ausdrücken, hamsterte das Essen, schlug die anderen Kinder. «Sie musste alles erst lernen», sagt Mirjam Deller.

Heute, fünf Jahre später, besucht Joyenna (11), wie Mi Hyang heute heisst, die reguläre Schule. Dank eines Implantats und eines Hörgeräts ist sie in der Lage zu hören, und sie hat gelernt, sich verbal auszudrücken. Ihr Wortschatz ist nicht sehr gross, weil sie sechs Jahre lang in einer stummen Welt gelebt hat. Aber sie spricht in breitem Thurgauer Dialekt. Am liebsten spielt sie mit den Hunden, schwingt sich neben Janine (6) in den Handstand oder hüpft mit Jeremy (8) auf dem Trampolin. Ihre liebsten Schulfächer: Turnen, Freispiel – und Ferien.

Die Lasagne, die Bruder Jan (19) zubereitet hat, schmeckt Joyenna sehr. Ebenso gern isst sie koreanisch. «Omma schickt mir Kimchi aus Korea», erzählt sie. Im gleichen Atemzug nennt sie auch Mirjam Deller ihr Mami. Anfang Jahr kam das koreanische Mami zu Besuch nach Häuslenen. Das koreanische Fernsehen hatte ihr die Reise finanziert, weil es Ommas Geschichte ebenfalls dokumentiert. Die Begegnung verunsicherte Joyenna und erschütterte Omma. Ihre Stimme brach, als sie ins Mikrofon sagte: «Ich hätte sie gerne aufwachsen sehen, aber ich erkannte, dass Liebe nicht das Einzige ist.»

Ein schwerer Schicksalsschlag

Auch Mirjam Deller und ihre Kinder mussten einen Schicksalsschlag verkraften: 2014 stirbt Pascal Deller an der unheilbaren Muskelkrankheit ALS. Mirjam Deller hatte ihn rund um die Uhr zu Hause gepflegt, in den letzten drei Monaten stand ihr ein polnischer Pfleger bei. «In dieser Zeit habe ich nie geweint, nur funktioniert», sagt sie. Die Kinder packten im Haushalt mit an, sie kochten und putzten, die Grossen brachten die Kleinen ins Bett. «Wir gaben uns gegenseitig Halt», sagt Mirjam Deller. Sie ist zwar religiös aufgewachsen, hat den klassischen Glauben aber aufgegeben.

Heute, zweieinhalb Jahre nach dem Tod ihres Mannes, hat ihre Familie wieder Fuss gefasst im Alltag. Joel, ausgebildeter Elektroplaner, und Jessica, diplomierte Hotelfachfrau, sind ausgezogen und leben gemeinsam in einer WG, Julien (16) hat eine Lehre als Zahntechniker begonnen, Jan hat soeben die KV-Lehre abgeschlossen. Justin (11), Jeremy, Janine und Joyenna besuchen die Schule. Mirjam Deller arbeitet etwa 30 Prozent als Familientherapeutin und Masseurin in ihrer eigenen Praxis.

Weniger Geld, aber viel Familie

Die Dellers haben nun weniger Geld zur Verfügung, können aber gut davon leben. Die Kinder finden es toll, eine so grosse Familie zu sein. Jan und Julien sind sich einig: «Klar, wir streiten uns auch, aber das gehört zum Familienleben dazu. Langweilig wird uns jedenfalls nie.» Fast immer isst noch ein Freund oder eine Freundin der Kinder am Tisch mit. «Das ist cool!», sagt Justin. Auch Jessica findet es schön, eine so grosse Familie zu haben. Eigene Kinder kann sie sich indes nicht vorstellen: «Ich habe schon genug Kinder erzogen.»

Joyenna skypt regelmässig mit Omma, die jetzt in einem Restaurant in Seoul arbeitet und Deutsch lernt. Ein weiteres Treffen ist nicht geplant. Sollte sich aber die Möglichkeit dazu ergeben, wäre Mirjam Deller offen, «sofern das auch für Joyenna stimmt». Sie hat ihre Kinder zu Selbständigkeit erzogen. Sie dazu ermahnen, eine Mütze anzuziehen, wenn es draussen kalt ist? «Das merken sie von allein.» Schläft eins der Kind schlecht, schlüpft es zu einem Geschwister ins Bett.

Teilen ist für die Dellers die natürlichste Sache der Welt: Joel und Jeremy haben am selben Tag Geburtstag, ebenso Justin und Janine. Wenn sie Zeit für sich braucht, meditiert Mirjam Deller oder treibt Sport. Die Grossfamilie bedeutet für sie keinen Stress. Insgesamt 24 Jahre lang hat sie am Stück gestillt – aus Überzeugung und praktischen Gründen. «Stets den Schoppen zuzubereiten, das wäre mir zu kompliziert gewesen.» Seit dem Tod ihres Mannes lebt sie noch bewusster als zuvor: «Das Leben kann so schnell vorbei sein.» 

Bild: Filipa Peixeiro

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