26. April 2018

Wie man einen Stalker wieder loswird

Ganz wichtig ist, so rasch wie möglich den Kontakt komplett abzubrechen und alles zu ignorieren, was vom Stalker kommt, sagt Natalie Schneiter von der Stalking-Beratung in Bern. Dann höre es oft bald auf. Manchmal können Stalkings jedoch auch Jahre dauern.

Stalking
Wer Opfer eines Stalkers wird, fühlt sich stets und überall beobachtet. (Illustration: Alice Wellinger)
Lesezeit 8 Minuten

Natalie Schneiter, wer wird zum Stalking-Opfer? Kann es jeden und jede treffen oder gibt's typische Konstellationen?

Grundsätzlich kann es jede Person treffen. In der Fachwelt spricht man von fünf typischen Arten des Stalkings. Am häufigsten sind wir in unserer Fachstelle mit dem Stalking nach Zurückweisung konfrontiert, rund die Hälfte aller Anfragen erhalten wir deswegen. Darunter fallen etwa Ex-Partner, One-Night-Stands oder Ferienflirts, bei denen die eine Person weitermachen möchte, die andere jedoch nicht mehr.

Und die anderen vier?

Am zweithäufigsten ist unsere Fachstelle mit dem beziehungssuchenden Stalking konfrontiert. Dieses kann überall seinen Anfang nehmen, wo sich die Wege von Menschen kreuzen. Jemand sieht zum Beispiel jeden Tag auf dem Arbeitsweg im Tram aus der Ferne eine Person und beginnt dieser nachzustellen, weil sie glaubt, dass daraus mehr werden müsste. Das kann auch in der Nachbarschaft sein, am Arbeitsort, in der Freizeit. Vielleicht wird auch nur eine Freundschaft gesucht oder eine Vater- oder Mutterfigur. Die nächstgrösste Gruppe betrifft das rachsüchtige Stalking, das oft im beruflichen Kontext passiert, etwa nach einer Kündigung. Betroffen können auch Ärztinnen, Lehrpersonen oder Sozialarbeiter sein. Dabei werden Menschen zu Stalker, die sich ungerecht behandelt fühlen und ihre Ohnmacht in Macht umwandeln wollen. Den zwei anderen Arten begegnen wir in der Fachstelle kaum je.

Welche sind das?

Das wahnhafte Stalking, das erleben meist Prominente oder sonstige öffentliche Personen. Dabei handelt es sich um Leute, die sich zum Beispiel einbilden, der Star sei ebenfalls in sie Verliebt und sein Zwinkern am Konzert gelte nur ihnen selbst. Und dann gibt es noch das psychopathische, sadistische Stalking, bei dem der Täter das Opfer als Jagdobjekt sieht und Vergnügen daraus zieht, es zu verfolgen und zu terrorisieren. Es geht um Kontrolle und Dominanz und kann fürs Opfer ernsthaft gefährlich werden.

Gibt's ein typisches Täterprofil beim Stalking? Sind es gleich viele Frauen wie Männer?

Studien zeigen, dass 80 Prozent der Opfer Frauen sind und die Mehrheit der Stalker Männer. Auch zu uns kommen mehr Frauen als Männer, was aber daran liegen kann, dass Frauen sich eher an Beratungsstellen wenden. 2017 waren bei uns 78 Prozent der Täter männlich, 18 Prozent weiblich, bei 4 war es unklar. Ansonsten gibt es aber nichts Typisches: Stalking kann in allen gesellschaftlichen Schichten passieren, auf allen Bildungsniveaus, unter allen Nationalitäten, unter beruflich und sozial gut Integrierten genauso wie unter Arbeitslosen oder Menschen mit wenig Freunden.

Tun sich Männer generell schwerer mit Zurückweisung als Frauen?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Die Zahlen, die wir haben, sind lediglich ein Abbild von den Menschen, die Hilfe suchen.

Aber die grosse Mehrheit der Stalker kommt mit Zurückweisung nicht klar.

Genau, aus unterschiedlichen Gründen. Das kann übertriebene Eifersucht und Kontrolle sein, die sich oft schon während der Beziehung bemerkbar macht. Es kann auch die Angst vor dem Verlassenwerden sein, vor der Einsamkeit. Psychische oder physische Gewalt in der Beziehung können Alarmsignale für ein späteres Stalking sein. Manchmal jedoch passiert es nach dem Ende der Beziehung auch aus heiterem Himmel, gelegentlich sogar mit Verzögerung. Erst ist alles friedlich, aber wenn dann der eine einen neuen Partner hat, geht es plötzlich los.

Das Opfer kann mit dem eigenen Verhalten einiges bewirken.

Ist das Opfer manchmal mitschuld? Hätte es etwas tun können, damit es nicht soweit kommt?

Nein. Aber wenn das Stalking mal angefangen hat, kann das Opfer mit dem eigenen Verhalten einiges bewirken.

Zum Beispiel?

Viele Betroffene sind immer noch in Kontakt mit ihrem Stalker und verhalten sich ihm gegenüber ambivalent. Antworten also zum Beispiel auf SMS oder Anrufe, reagieren auf das, was ihnen widerfährt. Oft aus Mitleid, weil sie merken, dem anderen geht's wirklich nicht gut. Manchmal aber auch aus Angst, dass es sonst noch schlimmer wird - oder sich der Stalker was antut. Das Reagieren jedoch erschwert die Situation in der Regel und ist selten zielführend.

Am besten bricht man den Kontakt komplett ab?

Genau. Und zwar mit einer klaren Ansage zu Beginn: Unsere Beziehung ist zu Ende, ich möchte keinen Kontakt mehr zu dir, bitte respektiere das. Und ich werde auf weitere Nachrichten und Antworten nicht reagieren. Das alles ohne grosse weitere Erklärungen und möglichst emotionslos, denn erfahrungsgemäss wurden zu diesem Zeitpunkt sämtliche Argumente und Motive schon x-mal ausgetauscht, da hilft es nicht, sie nochmals zu erklären. Und dann muss man sich natürlich konsequent daran halten. Das ist meist der schwierigste Teil.

Weil man dann doch wieder Mitleid hat oder irgendeine Beschuldigung kommt, die man nicht stehen lassen will?

So ist es. Hinzu kommt, dass der Kontaktabbruch meist erst mal zu einer heftigen Reaktion führen kann: Wut, Beleidigungen, Drohungen, Verleumdungen bis hin zu Suizidankündigungen. Das ist nicht einfach auszuhalten.

Sogar Suizidankündigungen?

Wenn es akut scheint, kann man es der Polizei oder dem Notruf melden, wenn über längere Zeit latente Suiziddrohungen kommen, kann man es auch der KESB melden. Entscheidend ist, dass man die Verantwortung abgibt und sich nicht emotional erpressen lässt. Letztlich ist jeder Mensch für sich selbst verantwortlich.

In vielen Fällen reicht der Kontaktabbruch und das Ignorieren.

Und wenn das Stalking trotzdem weitergeht?

Es empfiehlt sich, sein Umfeld zu informieren und vorzuwarnen, auch am Arbeitsplatz. Denn wenn man selbst nicht mehr erreichbar ist, dann werden oft Freunde und Bekannte kontaktiert. Wichtig ist auch, ein Stalking-Tagebuch zu führen, alles zu sammeln und zu speichern, im Hinblick auf eine spätere Anzeige oder ein Gerichtsverfahren, dafür braucht man eine gewisse Menge Beweismaterial. Deshalb empfehlen wir auch, einen Kommunikationskanal für den Stalker offen zu halten, eine Mailadresse oder WhatsApp. Da gibt es mittlerweile gute technische Lösungen, wie man diese Nachrichten dann ungelesen irgendwo sammeln kann. Man bekommt so vielleicht auch mit, ob sich das Stalking langsam beruhigt oder unvermindert weitergeht. Nur darf man halt keinesfalls antworten. Aber wen das zu sehr belastet, der soll auch diesen Kanal schliessen.

Kommt es vor, dass das Stalking aufhört, ohne dass man Polizei und Justiz einschaltet?

Ja, in vielen Fällen reicht der Kontaktabbruch und das Ignorieren. Zuerst wird das Stalking dadurch heftiger, aber dann nimmt es nach und nach ab und verschwindet. Das kann aber schon ein paar Monate dauern, manchmal bis zu zwei Jahre. Und an speziellen Tagen – Geburtstag, Weihnachten – kann es auch danach noch wieder mal passieren. Es gibt übrigens noch eine andere Lösung, bevor man die Justiz einschaltet: die Täteransprache.

Wie funktioniert die?

Eine Drittperson spricht mit dem Stalker, redet ihm ins Gewissen, mahnt sein Verhalten und zeigt die Konsequenzen auf. Das kann eine Autoritätsperson aus dem persönlichem Umfeld sein, etwa ein Elternteil oder jemand aus dem Arbeitsleben, aber auch ein Anwalt oder die Polizei. Ein offizieller Brief eines Anwaltsbüros mit der Ankündigung, rechtliche Schritte zu prüfen, wirkt meist sehr gut. Es geht darum den Stalker wachzurütteln. Je mehr dieser zu verlieren hat, desto eher reagiert er positiv auf sowas. Wenn das alles nichts nützt, bleibt die Strafanzeige. Vorausgesetzt es gibt etwas anzuzeigen.

Je früher wir intervenieren können, desto grösser die Chancen, die Sache erfolgreich zu beenden.

Was kann man denn anzeigen?

Missbrauch einer Fernmeldeanlage ist das, was am häufigsten möglich ist, das kann man anzeigen, wenn ein Kommunikationskanal genutzt wird, um mit jemandem gegen dessen Willen in Kontakt zu treten. Aber auch dafür braucht es nahezu tägliche Mails oder WhatsApp-Nachrichten über eine längere Zeit, damit man damit juristisch Erfolg hat. Ausserdem anzeigen kann man Drohungen, Nötigung und Sachbeschädigungen, aber man muss dafür Beweise haben.

Und das gibt dann eine Busse für den Stalker?

Genau. Wobei es eigentlich weniger um das Strafmass geht als um die Signalwirkung. Das Stalking ist dann nicht mehr privat, sondern öffentlich. Auch das kann einen Stalker aufrütteln. Die nächste Stufe wäre dann, ein Kontakt- oder Rayonverbot vor dem Zivilgericht zu beantragen. Mit den Leuten, die zu uns kommen, machen wir eine Situationsanalyse und entscheiden dann gemeinsam, was am besten zu tun ist. Je früher sie sich melden, je früher wir intervenieren können, desto grösser die Chancen, die Sache erfolgreich zu beenden. Wenn das Stalking schon zwei, drei Jahre gedauert hat, ist die Lage meist enorm komplex und schwieriger zu lösen. Aber auch dann kann man noch was tun.

Führen Ihre Beratungen in der Regel zum Erfolg?

Meist, aber nicht immer. Es gibt Fälle, wo das Stalking trotz allem nicht aufhört. In solchen Situationen müssen die Opfer Strategien entwickeln, wie sie damit leben können, indem sie sich abschirmen und schützen. Äussert der Täter hingegen Drohungen, ist es ratsam, zur Polizei zu gehen. Wenn es vorher schon Gewalt in der Beziehung gab, ist das Risiko höher, dass es auch beim Stalking passiert.

Man hat nie eine Garantie, dass es wirklich vorbei ist.

Und wenn ein Stalker mal aufgehört hat, ist man ihn dann für immer los?

Leider nicht in allen Fällen. Manchmal ist für einige Zeit Ruhe, doch dann passiert wieder was im Leben der Stalker und plötzlich machen sie weiter, teils auch Jahre später. Man hat nie eine Garantie, dass es wirklich vorbei ist.

Beraten Sie auch Stalker?

Nein, nur ihre Opfer. Das ist generell eine Lücke in der Schweiz, denn auch die Täter sind in grosser Not und bräuchten eine Anlaufstelle.

Den Aufwand, den sie beim Stalking teilweise betreiben, ist enorm. Manchmal kann man sich gar nicht vorstellen, dass sie daneben noch Zeit für einen Job und Sozialleben haben.

Das kommt auf die Methoden des Stalkings an. Jemandem physisch nachzustellen, braucht in der Tat viel Zeit. Aber Mails und SMS schicken kann man jederzeit und überall ohne grossen Aufwand. Das kann auch jemand machen, der Vollzeit arbeitet und sozial gut integriert ist.

Ein separater Straftatbestand wäre hilfreich, um rechtlich vorgehen zu können.

Wie viele Opfer beraten Sie pro Jahr im Schnitt? Gibt's einen Trend, ob das eher zunimmt oder abnimmt?

Ein Trend lässt sich nicht ablesen. 2017 hatten wir 135 Anfragen, 2016 waren es 115, 2015 gab es 195, 2014 170, 2013 nur 123, der Schnitt in den letzten fünf Jahren war 145. 2015 hatten wir wohl auch deshalb so viele Anfragen, weil das Thema in den Medien stärker präsent war.

Der Bund plant gesetzliche Anpassungen, um Stalkingopfer besser zu helfen. Halten Sie die vorgeschlagenen Massnahmen für sinnvoll?

Durchaus. Tatsächlich sind Rayonverbote kaum zu kontrollieren, im Moment ist das ein Schutz auf dem Papier. Da würde es schon helfen, wenn der Stalker einen Sender tragen müsste, durch den sich bei einem Gerichtsverfahren zumindest im Nachhinein feststellen liesse, ob er das Verbot eingehalten hat oder nicht.

Gibt's noch etwas, das Politik und Justiz tun könnten, das richtig hilfreich wäre?

Anders als in anderen Ländern ist Stalking in der Schweiz bisher kein eigener Straftatbestand, mit der Begründung, dass die meisten dieser Taten ohnehin schon strafbar sind. Aber es gibt auch ein sogenanntes weiches Stalking, juristisch problemlose Dinge, welche für Betroffene dennoch schwer zu ertragen sind. Da wäre ein separater Straftatbestand hilfreich, um rechtlich vorgehen zu können - es wäre auch eine offizielle Anerkennung des Problems.

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