26. Juni 2017

Wie Hund Kokkos das Beissen verlernt

Hunde, die zuschnappen, Katzen, die aufs Sofa pinkeln: Manchmal sind Tierbesitzer ratlos. In solchen Fällen tritt die Verhaltenstierärztin Maya Bräm auf den Plan.

Maya Bräm (links) trainiert mit Charlotte Itin und Kokkos
Tierärztin Maya Bräm (links) trainiert mit Charlotte Itin und Kokkos entspannteres Verhalten.
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Wenn Tierärztinnen wie Maya Bräm gerufen werden, bedeutet das, dass ein Tierhalter ratlos ist: «Ich brauche Hilfe», klagt Charlotte Itin (67). Ihr neues Haustier, Cocker Spaniel Kokkos, schnappe nach Menschen, zum Beispiel bei der Fellpflege. «Und im Tram hat er schon wie wild fremde Männer angebellt. Ich musste aussteigen.» Wolle sich jemand neben sie auf eine Bank setzen, führe sich der Hund auf «wie eine Furie». Charlotte Itin hatte zuvor schon sieben Hunde, zurzeit besitzt sie zwei. Doch so schwierig wie Kokkos war noch kein Einziger ihrer Vierbeiner.

Das Tier stammt vermutlich aus einer sogenannten Welpenfabrik in Ungarn – von einem Ort, an dem Hunde unter schlechten Bedingungen gehalten und am Laufband gezüchtet werden. Viel zu früh, schon mit fünf oder sechs Wochen wurde Kokkos von seiner Mutter getrennt und nach Griechenland gebracht. Dort musste der Winzling allein – bei glühender Sommerhitze, ohne Wasser – im Schaufenster einer Tierhandlung sitzen. Touristen aus der Schweiz erbarmten sich und kauften ihn.

Nach ihrer Rückkehr begannen die Probleme: Kokkos liebte die eine Tochter der Familie – die andere aber biss er. Man wusste sich nicht anders zu helfen, als den Welpen in ein Zimmer zu sperren. Vor drei Monaten schrieb die Familie das Tier im Internet aus, Charlotte Itin nahm ihn – und sucht nun Rat.

Kokkos ist chronisch gestresst

Tierärztin Maya Bräm (41) erklärt: «Ab der dritten Woche bis zum dritten Monat lernen junge Hunde besonders leicht und schnell, was gefährlich ist und was nicht. Diese Erfahrung fehlt Kokkos.» Sie will alles wissen: Wie verhält sich Kokkos, bevor er zuschnappt, und wie danach? Wie lange geht sein Frauchen mit ihm spazieren? Wie versteht er sich mit anderen Hunden? Gibt es daheim einen Ort, an dem er ungestört ist? Zweieinhalb Stunden dauert die Besprechung im Zürcher Tierspital, während der sich der junge Hund auffallend oft unter den Schreibtisch zurückzieht. «Anfangs versteckte er sich sofort, wenn ich den Besen in die Hand nahm», berichtet Itin.

Tipps fürs Maulkorb-Training


Um sicherzugehen, dass eine körperliche Erkrankung als Ursache für das Verhalten des Hundes ausgeschlossen werden kann, zieht Bräm eine Tierneurologin bei. Alle Untersuchungen einschliesslich Labortests und MRI zeigen: Kokkos ist kerngesund. Der Hund, der bisher wenige Menschen und Situationen kennengelernt habe, sei chronisch überfordert und schnappe deshalb, vermutet Bräm. «Solche Hunde haben Mühe, wenn viele Reize und Eindrücke auf sie einprasseln.» Sie brauchen genug Erholung, um zur Ruhe zu kommen. Ausserdem empfiehlt Bräm, mit positiver Verstärkung zu arbeiten: Macht Kokkos etwas gut, gibt es Lob, eine Streicheleinheit oder ein Leckerli.

Aus Sicherheitsgründen beginnt Itin ein spielerisches Maulkorbtraining mit ihm. Sie legt ein Goodie in den Maulkorb und lobt den Hund, wenn er seine Schnauze hineinsteckt, um es herauszuholen. «Es ist wichtig, dass Kokkos den Maulkorb in allen Situationen trägt, in denen er zuschnappen könnte», erklärt Bräm und rät: «Machen Sie nur kurze Spaziergänge mit ihm. Lange Touren überfordern ihn psychisch.» Infolge der stressigen Welpenzeit reagiert der Hund auf Eindrücke schnell gereizt und verliert die Kontrolle.

Orten eine neue Bedeutung geben

Maya Bräm arbeitet am Zürcher und am Berner Tierspital sowie in ihrer Praxis in Möhlin AG. Fast täglich ist sie mit schwierigen Fällen konfrontiert – nicht nur mit Hunden, sondern auch mit Katzen. Oft macht sie Hausbesuche, etwa wenn sich ein Hund nach einem Feuerwerk nicht mehr aus der Wohnung traut. Oder wenn Katzen überall hinpinkeln.

So sieht die perfekte Katzenwohnung aus (englisch)


Ein solcher Patient sei Kater Faruk gewesen, erzählt die Tierärztin. Er trieb seine Besitzer zur Verzweiflung: Sofa, Türrahmen, Bücher, Bilder – nichts war vor ihm sicher. «Er markierte mehrmals täglich in der Wohnung. Die Duftmarken rochen intensiv», sagt seine Besitzerin, die anonym bleiben möchte. Maya Bräm erklärt: «Oft markieren Katzen Orte, die sie als unsicher empfinden, zum Beispiel Durchgänge, elektrische Gegenstände oder Dinge, an denen neue Gerüche haften.»

Sie riet der Tierhalterin, Futter- und Wasserschälchen an den meistbenutzten Pinkelstellen zu platzieren, um den Orten eine andere Bedeutung zu geben. «Irgendetwas stresste Faruk», sagt Bräm. Deshalb bekam er ein stressreduzierendes Medikament. Und zur Beschäftigung des Katers empfahl Bräm einen Schnüffelteppich: eine Unterlage aus Filzstreifen, in der man Leckerli verstecken kann.

Drei Wochen Training helfen bereits Oft bleibt Bräm mit den Tierhaltern über Monate in Kontakt. Sie berichten über Fortschritte, holen sich Tipps oder üben unter Bräms Anleitung. Wochen später trifft Bräm deshalb auch Kokkos und seine Besitzerin in der Stadt Basel. Die beiden haben fleissig trainiert. Und so ist der Hund an diesem sonnigen Abend im St.-Johanns-Park kaum wiederzuerkennen: Kleine Kinder auf Velos fahren an ihm vorbei, eine Frau setzt sich neben Itin auf die Bank, Jogger kommen angerannt – nichts scheint Kokkos aus der Ruhe zu bringen. «Er hat Riesenfortschritte gemacht», sagt Charlotte Itin. Noch eine Konsultation bei der Verhaltenstierärztin, dann ist der Fall hoffentlich abgeschlossen.

Cocker Spaniel Kokkos ist nach drei Wochen Training viel ruhiger.

Cocker Spaniel Kokkos ist nach drei Wochen Training viel ruhiger.

Fotograf: Kostas Maros

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