29. April 2019

Wie früher

Bänz Friedli übt sich in Geduld. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Italienische Schallplatten
Unser Kolumnist wartete manchmal wochenlang auf die Lieferung aus Rom.

Auf die Lieferung aus Rom wartete ich manchmal wochenlang. Neue LPs hatte ich bestellt, von Paolo Conte, Fiorella Mannoia, Fabrizio De André. In dieser Zeit moderierte ich am Lokalradio eine Sendung über italienische Musik, und es kam vor, dass ich auf der Hauptpost mein Paket abholte, ins Studio eilte, das Paket aufriss – schon war ich auf Sendung und sagte fiebrig ins Mikrofon: «Ragazzi, hier ist die neue Platte von Claudio Baglioni, ich höre sie selber zum ersten Mal.» Und dann hörte ich es, das Lied, das davon kündet, dass man den Augenblick auskosten und die kleinen Dinge, die einem zufallen, geniessen solle, dass auch Rückschläge das Leben ausmachten und es immer im Hier und Jetzt stattfinde: «La vita è adesso». Seither hat der Song mich stets begleitet, 34 Jahre lang.

Musik, Bücher, Filme – nichts war einfach so verfügbar, damals. Und wenn einer aus New York eine originale 501-Jeans heimbrachte, war er der Held in der Clique. Doch dass man auf manches sehnlichst warten musste, steigerte nur dessen Wert. Es dauerte, bis man den Film «The Times of Harvey Milk» über den ersten schwulen Stadtrat von San Francisco im «Kellerkino» endlich zu sehen bekam. Dafür brannte er sich einem ein.

Ob ich die Zeit zurückdrehen will? Nein. Wir können uns heute in kürzester Kürze Wissen erschliessen. Und ich mag es, dass jedes Tor meiner amerikanischen Lieblingsfussballerin nur Sekunden, nachdem sie es erzielt hat, auf meinem Handy zu sehen ist. Dass ich eigene kleine Interessen pflegen und, wenn ich will, verfolgen kann: wie der Skateboarder Grant Taylor an einem bestimmten Tag des Jahres 2012 mit dem Rollbrett über die Strassen seiner Stadt Atlanta fräste. Alles da, alles verfügbar. Nur leider werden im World Wide Web auch kranke Fantasien jederzeit befriedigt, wird sexuelle Gewalt an Kindern, an Frauen gezeigt. Gewisse Männer leiten daraus ein Grundrecht ab: Ihnen müssten Frauen sexuell gefügig sein. Sie tauschen sich online über Zurückweisungen aus, versteigen sich zu Hasstiraden, und manche dieser «Incels», dieser «unfreiwillig Enthaltsamen», nehmen sich dann, wovon sie denken, es stünde ihnen zu. Sie werden zu Vergewaltigern. Zu Mördern. Um mit der vermeintlichen Verfügbarkeit unserer Zeit umgehen zu können, bedarf es alter Menschentugenden: Vernunft, Verantwortung, Geduld.

Pardon, bin abgeschweift. Aber eine Geduldsprobe tut zuweilen gut. Das neue Album von Over the Rhine, einer Band aus Ohio, hätte ich mir im Internet anhören können. Lieber wartete ich wochenlang, bis die CD wie früher im Briefkasten lag, von den Musikern signiert. Sie ist wunderschön.

Die Hörkolumne (MP3)

Youtube-Tore von Bänz Friedlis Lieblingsfussballerin Megan Rapinoe
Ein Ride von Skateboarder Grant Taylor


Bänz Friedli live: 3. 5. Steinhausen ZG, 11. 5. Dänikon ZH

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