22. März 2018

Wie die wilden Tiere

Die Buchkritik: Wenn Spätmachos den Halt verlieren

Buchcover «Wie die wilden Tiere»

Marc ist ein angesagter Pariser Künstler mit schicker Villa, Frauen, Partys und dem ganzen Schnickschnack, den man sich so vorstellt, wenn man keine Ahnung von dieser Szene hat. Er hat es, wie man so schön sagt, geschafft und könnte im Grunde glücklich sein. Als Ehemann und Vater hat er allerdings total versagt. Nachdem sich sein Sohn eine Kugel in den Kopf gejagt hat, verliert der spätpubertäre Macho den Halt. «Das Leben war kein Spaziergang. Eher ein Gewaltmarsch.»

Eines Tages gabelt er in der Metro eine junge Frau mit Alkoholvergiftung auf und nimmt sie mit nach Hause, um wiedergutzumachen, was er bei seinem Sohn versäumt hat. Dass das gründlich schiefgeht, verwundert nicht. Gloria entpuppt sich als die letzte Freundin seines verstorbenen Sohnes. Als sie bei Marc einzieht, gerät nicht nur sein Leben vollends aus den Fugen. Schliesslich bringt Gloria Marcs Leben und das seiner besten Freunde Michele und Anne dermassen durcheinander, dass sie sich am Ende wegen dieses Mädchens wie die wilden Tiere keilen und auf die unausweichliche finale Katastrophe zusteuern.

Philippe Djians Roman «Wie die wilden Tiere» erschien bereits 2013 auf Französisch und wurde nun im Diogenes Verlag auf Deutsch in einer Neuauflage nochmals herausgebracht.

Djian, der durch sein Kultbuch «Betty Blue» zu Weltruhm gelangte, schreibt in einem unverkennbaren Stil. Den speziellen Ton, voller trocken-bitteren Humors, lakonisch und mit viel Selbstironie, macht dem Enfant terrible der französischen Literatur so schnell keiner nach. Seine Streifzüge durch die menschliche Seele – im Djianschen Stil immer mit viel Alkohol, Drogen und Sex – lassen auch den abgebrühtesten Gefühlsmuffel nicht kalt.

Präzise übt er subtil Gesellschaftskritik und zerlegt unsere scheinbaren Errungenschaften und unseren lächerlichen Stolz darauf in winzige Einzelteile, die, wie unsere Moral, am Ende zerbröckeln und zu Staub verfallen, der vom Luftzug unserer Seufzer ins Nichts verweht wird: «Zweifellos war es auch ein bisschen hart, sich einzugestehen, dass der immense Weg, den man zurückgelegt zu haben glaubte, sich in Wahrheit auf die Grösse einer Briefmarke beschränkte.» So siehts aus.

Bei Ex Libris: Wie die wilden Tiere

Autor: Philippe Djian

Verlag: Diogenes

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