18. November 2017

Wie die Kinder

Früher war nicht alles besser. Aber es gibt da etwas, das wir von unseren Vergangenheits-Ichs lernen können.

Stadt Land Fluss
«Stadt, Land, Fluss» – wer hat es als Kind nicht gespielt? Bild: Lisa Stutz
Lesezeit 2 Minuten

In meinen Gedanken sage ich das ABC auf. Aber mit einem Trick: «... H, I, J, K, L, L, L, L, L, L, L, L, L, M, N, O, P...» Den Buchstaben «L» denke ich extra lange. Denn das erhöht die Chance, dass mein Gegenüber genau bei «L» Stopp sagt. Beim Spiel «Stadt, Land, Fluss» gehts ja bekanntlich darum, dass man dann mit diesem Anfangsbuchstaben möglichst schnell möglichst viele Begriffe aufschreiben muss. Und auf den Buchstaben «L» war ich topvorbereitet. Immer. Denn als Kind war das mein Lieblingsbuchstabe. Und zwar wegen meines Vornamens. Ziemlich crazy, ich weiss (und schäme mich)! Aber es war so: Ich fand «Lisa» einfach den allerschönsten Namen auf der Welt.

Als ich im Alter von etwa sechs Jahren Mami eines eigenen Schildkrötchens wurde, dachte ich tagelang über einen geeigneten Namen nach. Nur um das neue Haustier schliesslich nach mir selber zu benennen. Es wollte mir – trotz aller kindlichen Kreativität – kein besserer Name einfallen. Lisa lebte lange und glücklich.

Aber eigentlich wollte ich ja von «Stadt, Land, Fluss» erzählen. Das Ding ist ja: So verliebt ich in meinen eigenen Namen war, so wenig Ahnung hatten wir damals von Stadt, Land oder Fluss. Hermetschwil-Staffeln war eine Stadt, ein Gewässer mit Z war in der Not der Zürich-Bach und irgendwo in Afrika gab es bestimmt ein Land, das Mulukulu hiess.

Das war die Zeit, in der Städte und Dörfer dasselbe waren. Es egal war, ob nun ein kümmerlicher Bach die Häuser voneinander trennt oder ein glitzernder Fluss. Für uns gab es keinen Stadt-Land-Graben und wenn, dann hätten wir ihn mit unseren Schaufeln zugeschüttet. Meine Brieffreundin wohnte in Zürich Altstetten. Manchmal habe ich bei ihr übernachtet. Einen Unterschied habe ich nicht gemerkt. Weder ihr Haus, noch sie, ihre Geschwister oder Eltern kamen mir anders vor, als ich es gewohnt war.

Innert weniger Jahre änderte sich das. Als ich zum ersten Mal allein mit dem Zug nach Aarau (!) fahren sollte, machte ich mir tagelang Gedanken. Würde ich den Ausgang aus dem riesigen (!?) Bahnhof finden? Und nach dem Arztbesuch wieder zum richtigen Gleis gelangen? Ich war auf dem Weg, erwachsen zu werden: Ich merkte die Unterschiede.

Heute wünsche ich mir, dass wir Erwachsene wieder weniger unterscheiden. Wieso verharren wir viel öfter auf den Differenzen statt auf den Gemeinsamkeiten? Sei es beim Thema Stadt/Land – aber auch in der Politik, dem Berufsleben, der Liebe.

Ich glaube, zumindest ich selber bin noch ein bisschen wie früher. Immerhin besteht der Name dieser Kolumne zu einem Drittel aus meinem eigenen Nachnamen. Upps.

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