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09. Mai 2016

Wie die Asperger-Expertin individuell mit Kindern lernt

Kinder und Jugendliche mit einer Autismus-Spektrum-Störung erleben in Alltag und Schule viel Ausgrenzung und wenig Unterstützung. Sandra Sinatra, Expertin und selbst Mutter eines autistischen Sohnes, will dies ändern: In Bern-Schönbühl eröffnete sie vor Kurzem ein spezielles Lernstudio.

Schulkinder mit Asperger
Schulkinder mit Asperger verfügen oft über viel Talent, doch bei Reizüberflutung fällt die Konzentration immer schwerer. (Bild: Fotolia)

Frau Sinatra, wer kommt zu Ihnen ins Lernstudio?

Das Lernstudio richtet sich hauptsächlich an Kinder und Jugendliche mit Asperger- und Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Häufig haben diese die Erfahrung gemacht, dass ihre besondere Art des Denkens und der Wahrnehmung nicht verstanden wird – sei es im direkten Umfeld oder in der Schule. Sie erleben Diskriminierungen und Benachteiligungen – etwa von Lehrpersonen – worunter ihr Selbstbewusstsein leidet. Auch der Umgang mit Institutionen gestaltet sich oft schwierig. Kurz: Betroffene Kinder und Eltern sind mit der Zeit sehr frustriert, fühlen sich hilflos und alleingelassen. Diesen will ich eine Anlaufstelle bieten.

Wie genau unterstützen Sie?

Im Studio finden Kinder und Jugendliche mit ASS eine Lernumgebung, die angepasst ist an die spezielle Art, wie sie die Umwelt wahrnehmen. Dazu gehören zum Beispiel reizarme Räumlichkeiten mit klaren Strukturen und nicht zu viel Farbe an den Wänden sowie einer klaren Unterteilung in Lern-, Ruhe- und Erholungsbereiche. Ausserdem arbeite ich mit angepasstem Lernmaterial.

Wie sieht solches konkret aus?

In der Mathematik zum Beispiel müssen Textaufgaben viel klarer und weniger zweideutig formuliert sein, damit Kinder mit Asperger-Syndrom sie verstehen. Auch Spezialmaterial setze ich ein. Manche Kinder erreicht man schriftlich sehr gut, andere visuell, manche arbeiten lieber mit den Händen. Diese unterschiedlichen Lernzugänge gilt es zunächst herauszufinden. Solche individuellen und zugeschnittenen Methoden führen zu einem effizienteren Lernprozess des Kindes. Und vor allem: Es wird viel selbstbewusster und zufriedener.

Wobei unterstützen Sie noch?

Jugendlichen, die vor der Berufswahl stehen, helfe ich bei der Entscheidung, bereite mit ihnen die Bewerbungen vor und organisiere Schnupperstellen. Zudem suche ich passende Arbeitgeber und begleite die Ausbildung. Wenn gewünscht, helfe ich dabei, den Lehrmeister von der ASS zu informieren und stehe in engem Kontakt mit diesem. Für Asperger-Betroffene ist es zum Beispiel sehr wichtig zu wissen, wer für sie zuständig ist. Dafür muss man Arbeitgeber aber zunächst sensibilisieren. Ausserdem coache ich Eltern, Lehrpersonen und biete interne Weiterbildungen für Schulen an. Dazu setze ich mich auch mal ins Schulzimmer und beobachte den Unterricht, um anschliessend mit den Verantwortlichen zu besprechen, wie man die Situation für das betroffene Kind verbessern könnte.

Sandra Sinatra
Sandra Sinatra betreibt ein Lernstudio. (Bild zVg)

Inwiefern schliessen Sie mit Ihrem Angebot eine Versorgungslücke?

Es gibt im Raum Bern kein Lernstudio, das sich mit dieser speziellen Thematik befasst. Insgesamt ist ASS noch zu wenig im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Es fehlt an Anlaufstellen, die hier Unterstützung bieten. Die Hürden im Umgang mit Schulen oder Institutionen sind hoch. Dort möchte ich mit meinem Angebot ansetzen.

Wie kamen Sie auf die Idee, in diesem Bereich tätig zu sein?

Ich habe selbst einen 9-jährigen autistischen Sohn, deswegen betrifft mich das Thema persönlich. Auch mein Sohn erlebte immer wieder Unverständnis und Ausgrenzungen. Er litt an mangelndem Selbstwert und verweigerte schliesslich sogar den Schulbesuch aus Angst, nicht verstanden zu werden – was mich als Mutter sehr belastete. Deshalb bildete ich mich in diesem Bereich intensiv fort. Zu Hilfe kam mir, dass ich Primarlehrerin bin und auch als Heilpädagogin arbeite. Ausserdem absolviere ich momentan eine zweijährige CAS-Weiterbildung im Bereich Autismus-Spektrum-Störung im Kindes- und Jugendalter. Mir persönlich ist es ein grosses Anliegen, dieses Wissen weiterzugeben.

Sandra Sinatra ist Lehrerin und IF-Lehrkraft und absolviert eine Weiterbildung in der Heilpädagogischen Hochschule in Zürich (CAS Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes- und Jugendalter).
www.mian-lernstudio.ch

Wo Betroffene Unterstützung erhalten

Asperger Hilfe Nordwestschweiz: Der Verein bietet nebst Hilfestellung bei allgemeinen Fragen und Anliegen zum Thema Asperger-Syndrom (wie Alltag und Familie) auch spezifisch Unterstützung in Beruf und Schule. Tel.: 061 981 39 84 (Fam. Zettel). www.aspergerhilfe.ch

Fachstelle Autismushilfe Ostschweiz: Beratungen und Therapien für Kinder mit Autismus und deren Familien. Telefonisch erreichbar von Montag bis Donnerstag jeweils zwischen 9.00 und 11.00 Uhr. Tel.: 071 222 54 54. www.autismushilfe.ch

Fachstelle Autismus für die Zentralschweiz: Beratung, Auskunft und Unterstützung bei der Diagnose Autismus. Tel.: 041 448 39 00. www.autismus-zentral.ch

Fachstelle Autismus für das Wallis: Telefonisch erreichbar jeden Donnerstag jeweils zwischen 9.00 und 11.00 Uhr, Tel.: 079 843 08 82. www.autismus-wallis.ch

Autismusforum Schweiz: Ein Forum für Eltern von Kindern aus dem Autismus-Spektrum. www.autismusforumschweiz.ch

Asperger Forum Schweiz: Ein Forum für Erwachsene mit Asperger-Syndrom, das auch von vielen Eltern mitgestaltet wird. www.asperger-forum.ch

Autismus Deutsche Schweiz: Ein Verein für Angehörige, Betroffene und Fachleute. www.autismus.ch

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