16. Oktober 2017

Wie Buben leichter lesen lernen

Buben lesen weniger gern und weniger gut als Mädchen, das wissen wir seit der Pisa-Studie. Massgeschneiderte Förderprogramme wie «Bewegte Geschichten» sollen Abhilfe leisten. Den Jungs gefällts und hilfts, auch wenn die genderspezifische Schulung umstritten ist.

Nils liest mit einem Zapfen im Mund.
So lernen Buben lesen: Nils liest mit einem Zapfen im Mund vor. Silas versucht ihn zu verstehen.

Es tönt vor allem einfach mal lustig: Nils (12) hat einen Korkzapfen zwischen den Zähnen und liest seinem Pultnachbarn Silas etwas vor, hochkonzentriert. Die Worte kommen undeutlich aus seinem Mund. Silas (11) grinst. Ob er versteht, was Nils vorliest? «Es geht so», sagt Silas. Er weiss trotzdem genau, was sein Kollege erzählt: Es ist die Geschichte des Drachen Basilisk, die sie schon in den vor­herigen Lektionen durchgenommen haben. Auch die anderen Fünftklässler sitzen zu zweit zusammen und lesen einander vor: mit Zapfen im Mund, «Üllüs müt düm glüchü Büchstübü» oder mit seitlich geneigtem Kopf, weil der Text spiralförmig auf dem Blatt steht.

«Es geht darum, dass die Kinder sich spielerisch den Texten nähern», erklärt Urs Urech (47), der die Lektion leitet. Der Lesecoach, Primarlehrer und soziokulturelle Animator besucht während knapp drei Monaten einmal pro Woche die fünfte Klasse der Primarschule Villnachern AG. Das Leseförderungsprogramm heisst «Bewegte Geschichten» und ist auf Buben zugeschnitten.

Buben hinken beim Lesen hinterher

Die Pisa-Studien zeigen seit der ersten Untersuchung im Jahr 2000, dass die Schweizer Schüler in der Lesefertigkeit schwächer sind als die Schülerinnen. Mittlerweile haben sie zwar aufgeholt, aber tendenziell hapert es bei den Buben immer noch an der Motivation: «Sie finden Lesen oft uncool», sagt Urs Urech. «Buben denken vielfach, Lesen sei nichts für sie – das sei Meitlizeugs.»

In Urechs Lesetraining geht es hauptsächlich darum, die Buben zu motivieren. «Dass sie in dieser Lektion für einmal unter sich sind, tut ihnen gut.» Ausserdem nimmt er eine Vorbildfunktion ein: «Es fehlt an den Schulen oft an männlichen Vorbildern in Bezug aufs Lesen.»

Die Geschichten, die Urech mit denSchülern durchgeht, sind Bewegungsspiele,Konzentrations- und Auftrittsübungen. Nils taucht nun mit einem Seil auf, Silas trägt einen Korb mit Augenbinden an seinen Platz, Liam (11) einen Stapel Plastikbecher – Utensilien für verschiedene Gruppenübungen. In den vergangenen Lektionen haben die Kinder sie kennengelernt, und nun führen sie nun mit ihren Klassengspänli durch.

Inhalte zu verstehen motiviert

Liam fängt an. Der blonde Bub hält ein paar Plastikbecher in der Hand. «Jetzt müsst ihr aufstehen und einen Becher nehmen», sagt er. Und macht es vor, indem er die Arme mit je einem Becher auf der Handfläche zur Seite ausstreckt. «Und jetzt zwei Minuten in dieser Position verharren.»

Durchhalten ist das Thema der Übung mit den Bechern.

In der Übung geht es ums Durchhaltevermögen. Sie gehört zur Geschichte der Schildkröte, die sich auf einer langen Reise hartnäckig durchbeisst und nicht aufgibt. Danach inszeniert Silas die Übung «Raupenwanderung». Er lässt die Klassenkameraden eine Art Polonaise machen, während Nils mit einem Seil immer kleiner werdende Kreise legt, in denen seine Gspänli Platz finden müssen. Die Übungen gehören zur Geschichte der Familie der Wawuschels, die in einer engen Höhle wohnen.

«So verstehen die Kinder die Figuren und den Inhalt der Geschichten besser», erklärt Urs Urech. Zudem fördern die Übungen die Motivation: Nach einer körperlichen Aktivität fällt das Stillsitzen wieder leichter. «Die empfohlenen fünf Minuten Bewegung werden hier mit Leseförderung verbunden», lobt Christine Tresch, Verantwortliche für literale Förderung beim Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (siehe auch Interview Seite 87). Die Fachfrau verfolgt das bubenspezifische Programm seit dessen Anfängen. Ihr gefällt, dass «über die Bewegungsübungen unerwartete Zugänge zu Geschichten erschlossen werden können, aber auch der soziale Zusammenhalt gefördert wird».

Das Lese- und Schreibförderprojekt wurde vor fünf Jahren von der Fachstelle Jungen- und Mädchenpädagogik (Jumpps) für Dritt- bis Neuntklässler entwickelt. Mitgewirkt haben Lehrer, Sprechtrainer, Körpertherapeuten, Theaterpädagogen und Schauspieler, um eine Leseförderung zu schaffen, die Bewegung, Konzentrationsfähigkeit und Auftrittskompetenz einschliesst.

Auch so kann Lesenlernen aussehen: Mit Bewegung und Spass.

Bubenspezifische Inhalte bringen die Buben auf den Lesegeschmack. «Bei der Auswahl der Lesetexte kann geschlechterspezifische Förderung durchaus sinnvoll sein», findet Afra Sturm (51), Ko-Leiterin des Zentrums Lesen an der Fachhochschule Nordwestschweiz: «Das Interesse füreine konkrete Geschichteoder einen Sachtext spielt bei Buben eine wesentlicheRolle, wenn es ums Lesenlernen geht.» So kann ein Junge etwa lesen lernen wollen, weil er Namen und Informationen zu seinen Fussballstars unbedingt selber lesen will.

Klischees ergeben hier Sinn

In den Texten der «Bewegten Geschichten» werden viele verschiedene Themen wie Ausgrenzung, Trösten, Verliebtsein, Flucht oder Verlassen der Heimat behandelt. Und hier stehen oft männliche Hauptfiguren und typische Bubenthemen im Zentrum: Abenteuer, Wagemut, Kräftemessen und Risikobereitschaft. Lauter Klischees, die hier offenbar einen Sinn ergeben. In der Einführungsphase hat die Pädagogische Hochschule Bern das Projekt evaluiert. Das Resultat: Die Lesekompetenz der Schüler verbesserte sich – besonders bei den leseschwachen.

Allerdings gab es auch in der 5. Klasse in Villnachern schon Leseratten wie Joshua (12), Liam (11) und Oliver (11). Sie verschlingen in ihrer Freizeit dicke Romane. Vom Lesetraining profitieren sie trotzdem: «Sie erhalten längere Lesetexte und kompliziertere Aufgaben», erklärt Urs Urech.

Ob lesestark oder -schwach: Die Fünftklässler in Villnachern lernen ganz nebenbei noch, zu präsentieren. Denn in den letzten Lektionen lesen sie den Drittklässlern ihre Geschichten vor und führen mit ihnen die Bewegungsübungen durch. «Auch scheue Jungs übernehmen plötzlich Verantwortung und freuen sich darüber, aufzutreten», sagt Urech.

Bislang haben rund fünfzig Deutschschweizer Schulen bei diesem Leseförderungsprojekt mitgemacht. Das Training hat einen stolzen Preis: 40 Lektionen kosten 6000 Franken, wovon aber nur die Hälfte von der Schule bezahlt werden muss –den Rest übernimmt derzeit die Drosos-Stiftung, die die Fachstelle Jumpps unterstützt.

Ausserdem können die teilnehmenden Schulen das Programm später selbständig führen. Beim ersten Mal werden die Lehrer von den Coaches darin geschult. Und Unterrichtsmaterialien sind genügend vorhanden: Die Lehrmittel umfassen mehr als 600 Seiten.

Bubenförderung hat zwei Seiten

Es braucht Zeit, die Leseleistung zu verbessern und echte Motivation aufzubauen. Förderkonzepte müssen über eine Projektphase hinaus mit dem Schulalltag verknüpft werden können. «Leseschwächere Kinder brauchen zusätzliches Training in Lesefluss und wiederholte Vermittlung von Lesestrategien», sagt Leseexpertin Afra Sturm.

Geschlechterspezifische Leseförderung ist nicht ganz unproblematisch, findet etwa Afra Sturm: «Es gibt zwar mehr Buben als Mädchen, die im Lesen nicht über das Grundniveau hinauskommen, doch es wäre fatal, wenn nur noch diese speziell gefördert würden.» Wolle man die Unterschiede in der Lesefertigkeit verstehen, müssten auch Faktoren wie der sozioökonomische Status berücksichtigt werden. «Der Unterschied in den Leseniveaus kann durch den Bildungshintergrund besser erklärt werden als durch das Geschlecht», sagt die Hochschulprofessorin.

Tatsächlich wollen auch die Macher der «Bewegten Geschichten» die Mädchen in Zukunft nicht mehr ausklammern. «Ab nächstem Jahr gibt es auch weibliche Lesecoaches und mädchenspezifische Geschichten», sagt Urs Urech.

Die weiblichen Coaches könnten theoretisch auch die Buben unterrichten. Denn das Geschlecht des Coaches kann sehr wohl motivierend wirken. Es ist aber nicht der allein entscheidende Faktor, wie neuere Untersuchungen gezeigt haben. Relevant ist hingegen, wie viel die betreffende Lehrperson über wirksame Leseförderung weiss.

DAS SAGEN DIE BUBEN

Silas (12): «Ich lese eigentlich nicht so gern. Darum gefällt es mir, dass wir zwischendurch Übungen machen und wenig schreiben müssen. Das ist nicht so anstrengend. Lesen fällt mir nun leichter. Wir haben spannende Geschichten und Bücher kennengelernt. Wenn ich lese, dann in den Ferien, und zwar Krimis.

Silas (12)


Oliver (11): «Das Lesetraining mag ich lieber als den normalen Unterricht, weil wir Übungen machen. Jetzt kann ich schneller lesen und deutlicher vortragen als vorher. Ich lese vor allem in den Ferien.»

Oliver


Jonas (11): «Wir haben spannende Geschichten kennengelernt. Manchmal lese ich gerne, manchmal nicht, es kommt drauf an wie’s geschrieben ist. Ich merke den Unterschied nun schon – nach zwei Monaten kann ich deutlicher und lauter vorlesen.»

Jonas


Joshua (11): «Mir gefällt es, dass wir während dem Lesen immer wieder zwischen Übungen machen. Ich lese seit etwa der dritten Klasse gerne. Am liebsten Fantasie und Abenteuer – oft vor dem ins Bett gehen. Ich habe gelernt, beim Vorlesen die Wörter besser zu betonen, gut auszusprechen und nicht zu schnell zu lesen.»

Joshua


Haci (11): «Ich habe viel gelernt – beispielsweise beim Vorlesen das Publikum anzuschauen. Ich habe auch neue Wörter kennengelernt. Das Lesen fällt mir jetzt leichter.»

Haci


Nils (12): «Es macht Spass, dass wir jüngeren Schülern Geschichten erzählen und sie damit inspirieren können. Auch sie kriegen Freude am Lesen und wir sind ihre Vorbilder. Ich lese heute mehr, aber eigentlich nur, wenn das Buch spannend ist. Lesen ist nicht mehr so mühsam. Früher war ich sehr langsam.»

Nils


André (12): «Mir sind vor allem die Konzentration- und Energieübungen geblieben, die wir im normalen Unterricht nicht machen. Besonders gut gefällt mir das Lesetraining mit der Stoppuhr. In der Freizeit lese ich vor allem Comics.»

André


Liam (11): «Ich habe viele verschiedene Geschichten und Bücher kennengelernt, das ist super. Ich lese in der Freizeit viel, auch dicke Bücher.»

Liam

Motivation ist die Grundlage für erfolgreiches Lesenlernen

Expertin Christine Tresch

Laut Studien können Mädchen viel besser lesen als Buben. Warum?

Buben lesen tendenziell weniger und weniger gerne. Ihnen kommt öfter die Motivation abhanden als den Mädchen, obwohl wir wissen, dass sie sich am Schulanfang genauso aufs Lesenkönnen freuen wie die Mädchen.

Warum verlieren sie die Leselust?

Lesenlernen ist anstrengend. Die Kinder müssen eine Durststrecke bewältigen, bis sie die technischen Fertigkeiten beherrschen und Geschichten mühelos verstehen. Es ist elementar, sie in dieser Zeit mit Geschichten zu versorgen, die sie packen. Motivation ist die Grundlage für erfolgreiches Lernen.

Wie kann man die Leselust fördern?

Schon im Kleinkindalter, zu Hause und in der Kita. Lesenlernen fängt nicht erst in der Schule an, sondern mit dem spielerischen Vertrautwerden mit Sprache ab dem ersten Lebensjahr: Im alltäglichen Sprechen, mit Geschichten, Kinderliedern und Reimen. Wer als Kleinkind in einer reichen Sprachumgebung aufwächst, wird kaum eine Leseschwäche haben.

Wann sollten Kinder lesen können?

Früher dachte man, bis zum Ende der Unterstufe. Heute wissen wir, dass schwächere Leserinnen und Leser weiter unterstützt werden müssen. Das Lesenlernen und -training kann heute bis zum Ende der Oberstufe oder der Berufsbildung andauern. Zu spät ist es dafür nie.

Ist Bubenförderung hier sinnvoll?

Es ist vor allem die bildungspolitische Diskussion, ob Buben in der Schule zu kurz kommen – zum Beispiel, weil am Anfang viele der Lehrpersonen weiblich sind. Wichtig ist, dass Knaben auch männlichen Lesern begegnen, zu Hause und in der Schule. ­Vorbilder sind wichtig, wenn es darum geht, für sich selber den Sinn einer ­Tätigkeit zu entdecken. Lesecoaches leben vor, dass Lesen nicht nur etwas für Mädchen und Frauen ist.

Das Programm «Bewegte Geschichten» bettet auch Bewegung ein.

Nach körperlichen Aktivitäten sind Jungs motiviert, sich wieder auf eine stille Tätigkeit einzulassen und sich zu konzentrieren. «Bewegte Geschichten» fördert durch die Übungen und Spiele auch den sozialen Zusammenhalt.

Im Berufsleben haben die Männer die Nase vorn. Offenbar verliert Leseschwäche ihre Bedeutung?

Nein, Lesen ist als Grundkompetenz wichtig in unserem Alltagsleben. Sie bildet die Basis für eine aktive Teilnahme an unserer Gesellschaft und für beruflichen Erfolg. Jede und jeder sollte Tageszeitungen und Abstimmungsunterlagen verstehen. Heute braucht man in jedem Beruf solide Lesefertigkeiten: Pöstler müssen am Computer ihre Tagesroute überprüfen, Mechaniker Mails checken, Rapporte schreiben und so weiter.

Verhindern moderne Medien das Lesen?

Kinder lesen auch am Computer ständig: Beim Gamen gilt es Anweisungen zu befolgen, der Lieblings-Fussballclub kommuniziert über seine Website. Fiktionale Texte aber lesen Kinder immer noch lieber in gedruckter Form als auf dem E-Reader. Es gibt keine Zahlen, die belegen, dass sie das weniger öfter tun als früher. Das Bücherangebot ist ja auch riesig und zu vielen Lieblingsbüchern gibt es Fan-Websites.

Wie wichtig sind Leistungsmesser wie die Pisa-Studie?

Die Pisa-Studie vom Jahr 2000 hat aufgerüttelt und gezeigt, dass die 15-jährigen Knaben weit häufiger der Risikogruppe der schwachen Lesenden angehören als Mädchen. Der sozioökonomische Status der Eltern ist aber ein ebenso relevanter Faktor, wenn es um Leseleistungen geht.

Was hat Pisa konkret bewirkt?

Die Leseförderung erhielt einen wichtigen Anschub, die Aufmerksamkeit wurde neu auch auf das Vorschulalter gerichtet. Viele Bibliotheken haben ein Angebot auch für Kleinkinder aufgebaut. In den Schulen ist die Lektüreauswahl viel grösser geworden und die Auseinandersetzung mit Literatur kreativer. Ob jemand gerne Comics, die «Bravo» oder einen Kinderkrimi liest, spielt keine Rolle.

Christine Tresch (58) ist zuständig für Lehre und Beratung am Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien

Das Leseförderungsprogramm «Bewegte Geschichten»

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