04. April 2019

Ein Wertezerfall ist nicht in Sicht

Die Religiosität in der Schweiz nimmt ab, die Kirchen leeren sich. Führt dies auch zu einem Wertezerfall? Theologe Arnd Bünker sagt, dass dafür keine Gefahr bestehe.

Lesezeit 3 Minuten

Sind Kirche und Religion heute noch relevant als Vermittler von Werten?

Nicht mehr in dem Sinn, dass sie etwas vorgeben, woran man sich dann hält. Das ist vorbei, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Bis in die 1950er-Jahre gab es in der Schweiz ein relativ geschlossenes katholisches Milieu mit Werten, über die sich alle mehr oder weniger einig waren. Seither jedoch hat eine starke Pluralisierung stattgefunden, auch innerhalb der Kirche, was zu vielen Diskussionen führt.

Werte lassen sich also auch ohne Religion und Kirche verankern?

Absolut. Die gesellschaftlich gelebten Werte im Raum der ehemaligen DDR zum Beispiel unterscheiden sich kaum von denen in katholischen oder reformierten Regionen – obwohl das Gebiet zu den religionslosesten der Welt zählt.

Welche anderen Instanzen vermitteln beständige Werte?

Medien, politische Parteien, vor allem aber das persönliche Umfeld: Eltern, Geschwister, Partner, Freunde. Sie sind für die individuelle Werteentwicklung entscheidend, sie leben Werte vor, mit ihnen gemeinsam erleben wir sie. Wenn die Kirchen bezüglich gesellschaftlicher Werte relevant bleiben wollen, müssen sie sich gut überlegen, wie sie ihre Positionen noch einbringen möchten, wie sie sich etwa zu bestimmten Abstimmungsvorlagen äussern wollen. Mein Eindruck ist, dass solche Stellungnahmen gut akzeptiert sind, solange sie nicht als Dekret oder einzige Wahrheit verkündet werden.

Infografik zum Glauben in der Schweiz
Ein Überblick über die Religiosität in der Schweiz: Die Infografik herunterladen (JPG/1,4 MB)

Welche heutigen Werte haben ihre Wurzeln im Christentum?

Es ist gar nicht so leicht, dies verbindlich auf eine Religion zurückzuführen, weil schon die ersten Christen Elemente aus dem Judentum und anderen Kulturen aufgegriffen haben. Selbst die Grundgedanken der zehn Gebote fanden sich zum Beispiel schon früher in anderen Religionen. Was aber wirklich aus dem Christentum heraus in unserer Kultur Wurzeln geschlagen hat, ist die Einsicht, dass alle Menschen als Menschen Anerkennung finden.

Also gleichwertig behandelt werden sollten?

Letztlich ja. Dieses Ethos war wichtig in der Gründungsgeschichte des Christentums und strahlt in unterschiedlicher Weise bis in die Gegenwart aus. Für das römische Reich hatte das damals enorme Folgen, es gab ja Sklaven, und Frauen und Kinder wurden rechtlich ähnlich wie Sklaven, also wie Eigentum, behandelt. Das Christentum veränderte dies und führte etwa zu einer grösseren sozialen Sicherheit für Frauen. Deshalb treffen die Missbrauchsvorwürfe die katholische Kirche auch so fundamental, weil hier Grundwerte verraten werden, die das Christentum seit 2000 Jahren vertritt.

Arnd Bünker, Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts in St. Gallen
Arnd Bünker (49) ist Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts in St. Gallen.

Auch mit der Gleichberechtigung der Frau tut sich die katholische Kirche schwer.

In der Moderne ist die Emanzipation der Frauen über das hinausgegangen, was die Kirche für richtig und anständig hielt. Aber grundsätzlich prägen die christlichen Werte bis heute unser Verhältnis zu Familie, Beziehung und Privatleben, auch wenn die konkrete Ausgestaltung sich heute von kirchlichen Vorstellungen emanzipiert hat, etwa bei der «Ehe für alle». Doch auch ihr liegt die im Christentum stark geprägte Idee zugrunde, dass die Liebe zwischen zwei Menschen besonders geschützt werden sollte, weil sie «wert-voll» ist.

Es wird auch gerne behauptet, dass die universalen Menschenrechte und die individuellen Freiheiten ihr geistiges Fundament im Christentum haben. Einverstanden?

Nicht in dieser Absolutheit. Da ist ein wahrer Kern: die Überzeugung, dass alle Menschen als Ebenbilder Gottes die gleiche Würde besitzen. Aber letztlich wurden die Menschenrechte seit der Aufklärung gegen die Kirche gesellschaftlich und staatlich durchgesetzt. So hat die katholische Kirche die Religionsfreiheit erst in den 1960er-Jahren als Grundrecht akzeptiert. Es gab aber innerhalb des Christentums Bewegungen, die als Vorläufer des modernen Menschenrechtsdenkens gelten können – etwa Missionare, welche die Haltung vertraten, dass man Indios nicht gewaltsam bekehren dürfe. Auch in diesem Fall hat das Christentum also Impulse geliefert, die dann aufgegriffen und über die Kirche hinweg weiterentwickelt wurden.

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