19. April 2018

Werner Thomas tanzt mit den Enten

Er ist der wohl grösste Hit, den die Schweiz je hervorgebracht hat: der «Ententanz». Der Ohrwurm wurde über 40 Millionen Mal verkauft und unzählige Male gecovert. Sein Erfinder, der Thurgauer Werner Thomas, zehrt noch heute vom Welterfolg.

Werner Thomas
Werner Thomas (89) lernte als kleiner Bub, die Handorgel zu spielen.
Lesezeit 4 Minuten

Keine Kinderparty kommt ohne ihn aus, keine Fasnacht, kein bunter Abend. Kein Animator auf dem italienischen Campingplatz, der nicht irgendwann alle Bambini zusammentrommelt und zum «Ententanz» anstimmt: Taba-däbä-däbä-ram, taba-däbä-däbä-ram, taba-däbä-däbä-ram, qua-qua-qua-quaaa. Man tippt Daumen und Finger schnabelartig aneinander, winkelt die Ellenbogen an, schlägt sie auf und ab, und – der Rest ist bekannt. Die Melodie wurde weltweit in Hunderten von Versionen über 40 Millionen Mal verkauft. Alle kennen sie, aber nur wenige kennen ihren Erfinder: Werner Thomas.

Wir besuchen den 88-Jährigen an seinem Wohnort, in einer modernen Altersresidenz in Locarno TI, direkt am Lago Maggiore. Er geht am Rollator und macht Witze: «Das Einzige, was ein Thurgauer niemals klauen würde, ist das Schulzeugnis eines Tessiners», sagt er und grinst den Tessiner Fotografen an, der Bilder von ihm macht.

Musizieren statt herumtollen

Werner Thomas wächst im Kanton Thurgau als Sohn eines Wirtepaars auf. Schon als Bub wird er invalid: Nach einem Velounfall und einer zu späten Operation muss sein rechtes Knie entfernt werden. Seither ist das Bein steif. «Mit zehn Jahren konnte ich keinen Sport mehr machen, nicht rennen und hüpfen. Also machte ich Musik.»

Beim Versteckenpielen bei seiner Gotte findet Thomas eine Handorgel. Als er damit nach Hause kommt, spielt er drauflos. Der Vater sagt: «Entweder wird das Instrument richtig erlernt oder gar nicht.» Thomas lernt es – und wie! Als junger Erwachsener lässt er sich zum Musiklehrer ausbilden. Er unterrichtet und eröffnet ein Musikhaus, in dem er Instrumente verkauft. «Doch ich merkte: Das macht mich nicht glücklich. Ich wollte richtig Musik machen.»

Von den Haustieren inspiriert

Durch Zufall erhält er in einer Zürcher Beiz im Niederdorf sein erstes Engagement. Er macht gutes Trinkgeld – und die Leute fröhlich. «Das war der Anfang. So bin ich Profimusiker geworden.» Er tritt in Zürich und Bern auf, kann 57 Melodien auswendig, darunter auch selber komponierte.

Mit seiner Ehefrau Maria zieht Werner Thomas nach Klosters GR auf den Bauernhof der Schwiegereltern. Abermals durch Zufall erhält er die Chance, im vornehmen Davoser Hotel Europe aufzutreten. Am selben Abend wird er vom Hotelier engagiert. «Acht Monate lang habe ich nonstop in Davos gespielt.»

Schon einige Jahre zuvor hat er die «Ententanz»-Melodie im Kopf. Er nennt sie «Chip Chip», und sie wird ein beliebtes Stück in seinem Repertoire – nicht mehr, nicht weniger. Irgendwann kommt ihm auch ein Tanz dazu in den Sinn: «Ich hielt150 Enten und 30 Gänse. Wenn die ­Tiere im Weg standen, musste ich laut in die Händeklatschen.» Er probiert ihn mit dem Publikum aus und merkt: Das macht Stimmung.

Der entscheidende Tag ist im Jahr 1973. Werner Thomas wird an einem Musikabend von einem Mann angesprochen. Was für eine Melodie das sei, die er immer vor der Pause spiele. Von wem das Stück denn stamme? Na, von ihm selber, sagt Thomas. Der Mann heisst Louis Julien van Rijmenant und ist ein belgischer Musikproduzent. Er lässt sich die Noten aufschreiben und füttert seinen Synthesizer damit.

Ich holte mir den Rat meiner Kollegen ein

Schon zwei Wochen später hört Thomas wieder von ihm. Doch was der Belgier aus seinem Stück gemacht hat, gefällt ihm nicht. «Ich holte mir den Rat meiner Kollegen ein. Sie fanden die neue Version gelungen. Also dachte ich mir: Dann ist es so.»

Nicht nur den Kollegen gefällt das Stück. In der Schweiz hält sich der «Ententanz» wochenlang auf Platz eins der Hitparade. Noch im selben Jahr erhält Werner Thomas die erste goldene Schallplatte. «Ich konnte den Erfolg zuerst gar nicht fassen. Aber dann freute ich mich.»

Goldene Schallplatte für Werner Thomas
Für den Ententanz – damals hiess er noch «Tchip Tchip» – erhielt Werner Thomas die Platin-Schallplatte.

Der nächste Ohrwurm ist geplant

Heute gibt es mindestens 370 Coverversionen aus 42 Ländern. Noch immer erhält Thomas bei jeder Reproduktion des Stücks Tantiemen. Wie viel er insgesamt mit der Melodie verdient hat, will er nicht verraten. Nur so viel: «Der Erfolg war so gross, dass meine Frau mir sagte, ich solle doch aufhören zu arbeiten.» Es reichte, um eine schöne Wohnung bei Locarno zu kaufen. «Sonst lebten wir normal weiter.» Dass sein Stück zum Welthit wurde, mache ihn schon stolz. «Aber das gebe ich nicht so gern zu. Ich möchte auf dem Boden bleiben.»

Vor vier Jahren zog das Ehepaar in die Altersresidenz. Mittlerweile ist seine Frau gestorben. Doch die Freude an der Musik hat Werner Thomas nicht verloren: Er plane bereits den nächsten Hit. «Vielleicht wird das ja wieder ein Ohrwurm.» Die «Ententanz»-Melodie sei ihm nie verleidet. Vor Kurzem liess er sich sogar 1000 quietschgelbe Geburtstagskarten anfertigen, die beim Aufklappen die weltweit bekannte Melodie abspielen: Taba-däbä-däbä-ram ...

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